Vater und Kind (Symbolbild).
dpa: imago

BerlinAm Anfang sah es so aus, als würde die Coronakrise die Gleichberechtigung zurückwerfen. Jutta Allmendinger, Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung, sprach Anfang Mai in der Talkshow Anne Will davon, dass die Frauen eine „entsetzliche Retraditionalisierung“ erfahren würden. „Ich glaube nicht, dass man das so einfach wieder aufholen kann und dass wir von daher bestimmt drei Jahrzehnte verlieren.“

Stimmt das? Hat die Krise eine „entsetzliche Retraditionalisierung“ bewirkt? Wenn man sich in den vergangenen Monaten mit anderen Müttern austauschte, merkte man, dass die Antwort gar nicht so einfach ist. In manchen Familien kümmerte sich der Partner mehr als vorher, weil die Mutter in einem systemrelevanten Job arbeitete. In anderen Familien wurden die Rollen neu verteilt – und Väter leiteten Konferenzen und beschulten parallel den Nachwuchs. Manche Familien hatten nervenaufreibende Wochen hinter sich, weil sie sich zwischen Home-Schooling, Betreuung von Kleinkindern und einem fordernden Beruf permanent zerrissen fühlten. Andere schickten Bilder von idyllischen Ausflügen herum und lobten die intensive Familienzeit.

An der Behauptung, dass die Gleichberechtigung um drei Jahrzehnte zurückgeworfen wird, ist offenbar nicht so viel dran.

Mehrere Untersuchungen zeigen, dass zwar Frauen in der Krise eher die Stunden im Beruf reduziert und sich mehr um die Kinderbetreuung gekümmert haben. Die Väter haben aber aufgeholt, und zwar deutlich. Erledigten sie vor der Coronakrise nur 33 Prozent der Hausarbeit und Kinderbetreuung, so stieg ihr Anteil in den vergangenen Monaten auf den historisch hohen Anteil von 41 Prozent. Das hat eine neue Untersuchung des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung ergeben, die am Dienstag vorgestellt wurde. Die Studie basiert auf Auswertungen aus dem Mikrozensus sowie auf Fragen aus der Mannheimer Corona-Studie, an der während des Lockdowns wöchentlich 3.600 Personen zu ihrer Lebenssituation befragt wurden.

Väter kümmerten sich demnach 5,6 Stunden am Tag um Haushalt und Familie, über zwei Stunden mehr als zuvor. Das hat auch mit der Jobstruktur zu tun: Männer gingen häufiger in Kurzarbeit, hatten deshalb mehr Zeit. Mütter arbeiten eher in systemrelevanten Berufen, wie in der Pflege oder an der Supermarktkasse. 

Besonders deutlich ist die Angleichung, wenn beide Partner im Homeoffice arbeiten: dann kommen Väter und Mütter laut den Forschern des Bundesinstituts fast auf eine Aufteilung von halbe-halbe. Das mag damit zusammenhängen, dass die meisten Beschäftigten, die zu Hause arbeiten können, oft besser bezahlte Akademikerpaare sind, die schon vor Corona eine gleichberechtigte Aufteilung als Leitbild hatten.

Man kann einwenden, dass die Frauen immer noch mehr machen und deshalb während der Schließung von Schulen und Kitas stärker unter Druck standen. Laut einer Studie der Techniker Krankenkasse fühlen sich 57 Prozent von ihnen gestresster als vor der Krise, aber nur 42 Prozent der Männer.

Doch immerhin: die düsteren Prognosen haben sich nicht bestätigt, 2020 ist nicht 1990. Und Väter sind engagierter, als es in manch hitziger Social-Media-Debatte erschien. Die Corona-Krise hat offenbar geschafft, was sämtliche Gleichstellungsstrategien vorher nicht schafften: Mehr Männer in die Haus- und Familienarbeit einzubinden.

Die Frage ist, wie nachhaltig die Entwicklung ist: Die Studie hat auch gezeigt, dass die meisten Männer Hausmann wurden, weil die Partnerinnen in einem systemrelevanten Job tätig sind. Für 51 Prozent der Mütter trifft das zu. Wenn nach den großen Ferien wieder Normalbetrieb herrscht, rettet sich Papa dann wieder ins Büro zu seiner 70-Stunden-Woche?

Auch wenn die prognostizierte Retraditionalisierung nicht eintritt, heißt das nicht, dass die Politik alles richtig gemacht hat. Seit 1990 ist die Zahl der Kinder unter 18 Jahren kontinuierlich gesunken, von 15 Millionen auf 13 Millionen. Es gibt fast doppelt so viele Über-60-Jährige. Das wirkt sich auch auf politische Entscheidungen aus. Anders gesagt: Familien haben keinen hohen Stellenwert in der Politik.

Bei den Abstimmungen zwischen Bund und Ländern, Schulen und Kitas zu schließen, spielten die Bedürfnisse von Familien kaum eine Rolle, und wenn, dann trat davon wenig nach außen. Das muss sich beim nächsten Lockdown ändern. Sonst drehen die Familien durch – Väter wie Mütter.