WASHINGTON - Als ich Ende der 90er-Jahre in die USA zog, blickten die Amerikaner noch mit Optimismus nach vorn. Mit gutem Grund, hatte der Internet-Boom während der Clinton-Jahre doch eine neue Klasse von Millionären geschaffen und die Einkommen der meisten Bürger wachsen lassen. Wer Fremde damals mit einem „How do you do?“ nach ihrem Befinden fragte, erhielt nicht selten ein enthusiastisches „Great!“ zur Antwort. Natürlich bestanden auch damals soziale Unterschiede fort, wie wir sie in Europa nicht zu akzeptieren bereit sind. Doch der Trend deutete insgesamt in die richtige Richtung.

Seitdem hat sich viel verändert. Heute höre ich auf das „How do you do“ oft genug ein nüchternes „Hanging in there“. Übersetzt heißt das so viel wie „Ich halte durch“. Ein Satz, der die Stimmung mehr als treffend beschreibt. Der scheinbar ewige Optimismus ist einer diffusen Gemengelage aus Unsicherheit, Selbstzweifel und Zukunftsangst gewichen.

Elite zweifelt Evolutionslehre und Klimawandel an

Das ist nicht das Amerika, von dem ich als junger Mensch geträumt hatte. Der Kolumnist Thomas Friedman brachte die Befindlichkeit im Titel seines neuen Buchs treffend zum Ausdruck. „Das waren wir einmal“, überschreibt er wehmütig seine Analyse der Supermacht, die droht, ihre Führungsrolle jenseits des Militärischen zu verlieren. Während China in Hochgeschwindigkeitszüge investiert, brechen in den USA altersschwache Brücken zusammen. Indien bildet die Ingenieure aus, die das US-Bildungssystem nicht mehr hervorbringt. Stattdessen zweifeln Vertreter der konservativen Elite Evolutionslehre und Klimawandel an. Was den Europäern enormen Vorsprung in der Umwelttechnologie verschafft.

Was verloren gegangen ist, begriff ich, als ich vor Ort die Reaktion der Wall-Street-Demonstranten im Zuccotti Park auf den Tod des Apple-Gründers Steve Jobs erlebte. Die Nachricht sorgte für ehrfurchtsvolle Stille. Dabei gehörte Jobs definitiv zu dem einen Prozent, das aus Sicht der Occupy-Bewegung in den vergangenen Jahren einseitig vom entfesselten Markt profitiert hat. Aber Jobs steht in den Augen junger Amerikaner für etwas anderes. Sie neideten ihm den Reichtum nicht, weil er seine Freiheit nutzte, etwas Neues zu schaffen. Wie Edison, Ford oder Gates. Sie reiben sich an der grenzenlosen Gier derer, die auf den Finanzmärkten Blasen produzieren, Arbeitsplätze ins Ausland verschiffen, um Profite zu steigern und ihren Beitrag zu Modernisierung und Neuerfindung verweigern. Solange sich das nicht ändert, breitet sich das ungute Gefühl weiter aus, dass Amerikas beste Tage vorbei sind.