Glückskekse: Das Glück ist eine Tante aus Baden

GONDELSHEIM - Heute Morgen zum Beispiel ist ihr das Glück begegnet. Da fuhr Viktoria Brauch auf der Landstraße nach Karlsruhe und sah die Sonne über den Feldern aufgehen. Das rote Licht brach durch die von Raureif überzogenen Büsche, die den Straßenrand säumten. Und dann stand da sogar noch der blasse Mond am hellblauen Morgenhimmel. „Was kann es Schöneres geben, als einen solchen Tagesbeginn?“, fragt sie. Das Glück fällt nicht mit der Tür ins Haus, es nähert sich auf leisen Sohlen. Oder zwei Stunden später, auf dem Rückweg, da schaffte sie es gerade noch über die Bahntrasse, kurz hinter ihr gingen die Schranken zu. Es läuft wie geschmiert. Erfolgsphase!

Zweimal Glück an einem Vormittag, mehr kann man wirklich nicht vom Leben verlangen, sagt Viktoria Brauch, vierzig Jahre alt, blond, gerader Blick, Jeans, Kapuzenpullover. Sie lacht, aber nicht so, wie die meisten anderen Menschen lachen würden. Wenn Viktoria Brauch lacht, dann schwingt ihr Kopf von links nach rechts, dann zuckt ihr Oberkörper, die Knie beben und ihre Füße tanzen einen kleinen Mambo. Es ist, als gäbe es einen Zimmerspringbrunnen in ihrem Körper, der fröhliche, blubbernde Zuckerwasserwellen durch die Glieder pumpt. Die Fröhlichkeit eines Menschen verlängert seinen Tag.

Das Verblüffende ist, dass ihre Heiterkeit überhaupt nicht aufgesetzt wirkt, aber sie ist ansteckend. Es genügt, ein Stündchen mit Viktoria Brauch zu plaudern, um selbst schon ein beschwingtes, kleines Blubbern in sich zu spüren. Ziemlich schnell wird klar: Es ist kein Zufall, dass ausgerechnet diese Frau Deutschlands größte Glücksfabrik leitet, zusammen mit ihrem Bruder Christoph und ihrer Schwester Alexandra, die ebenso erschreckend positiv sind und die alle zusammen die Welt anlächeln, als hätten sie seit Tagen nur Haschkekse gefuttert. Schenke der Welt ein Lächeln und sie wird es dir zurückschenken.

Dabei sind in den Keksen, um die es hier geht, weder Drogen noch irgendwelche anderen geheimen Zusatzstoffe verarbeitet. Nur ein kleiner Zettel ist im Teig versteckt. Ein Stück Papier, das man in den süßen Trümmern entdeckt, wenn man den Keks aufgebrochen hat. Auf dem Papier steht ein Spruch, der, so Viktoria Brauch, zwei Bedingungen erfüllen muss: Er darf nicht länger als 160 Zeichen sein, und er muss eine positive Botschaft in sich tragen. Heraus kommen dabei Sprüche, wie: Liebe überwindet alles. Die Botschaften haben sie allesamt selbst ausgesucht. Siebenhundert Stück haben sie mittlerweile, Weisheit und gute Laune in zwei Zeilen.

Eine warme, nach Vanille duftende Wolke

Es ist jetzt elf Jahre her, dass die Geschwister die Idee mit den Glückskeksen hatten. Kurz vor Weihnachten, im Dezember 2002, bekam die Familie ein Paket aus Amerika geschickt, von Verwandten, deren Vorfahren vor vielen Jahren ausgewandert waren, um ihr Glück jenseits des Atlantiks zu suchen, was selbstverständlich super funktioniert hat, weshalb man davon ausgehen kann, dass diese ganze wunderbare Familie höchstwahrscheinlich von Engeln und Feen abstammt, aber ganz bestimmt nicht von schwermütigen Badener Bauersleuten.

In dem Paket, das aus Amerika kam, war eine Tüte mit Glückskeksen, und die Geschwister dachten sofort, dass man das doch auch machen könnte. „Es hat sich so gefügt“, sagt Viktoria Brauch. Geben Sie einer Eingebung unbedingt nach. Zwei Monate später gründeten die Geschwister die Firma „sweet&lucky“. Sie hatten sich weder danach erkundigt, ob vielleicht sonst noch jemand in Deutschland Glückskekse herstellt, noch wussten sie, ob hierzulande überhaupt ein Bedürfnis nach solchem Gebäck besteht. „Wir haben einfach gemacht“, sagt Viktoria Brauch. Zu viele Fragen machen die Antwort nicht leichter.

Gondelsheim ist ein Dorf in der Nähe von Karlsruhe. Die Orte drum herum heißen Diedelsheim, Helmsheim und Heidelsheim. Eine gewisse Heimeligkeit gehört hier also dazu. In den Dörfern stehen schmale, spitzgiebelige Häuser, zwischen denen enge Gassen hindurchführen, als hätte man hier ein Platzproblem. Wer verschwenderisch ist, wird irgendwann Sorgen haben. Dabei ist das Land um die Dörfer herum weitgehend leer. Geschwungene Ackerflächen gehen in sanfte Höhenzüge über. Satte, schwere Böden gibt es hier im Kraichgau, hinzu kommen das milde Wetter und der Regen, der nicht zu knapp fällt und den Bauern eine gute Ernte sichert. Wegen des vielen Korns, das hier seit Jahrhunderten geerntet wird, gibt es auch jede Menge Mühlen. Eine davon steht am Saalbach, dem schmalen Fluss, der Gondelsheim durchquert und Richtung Helmsheim weiterfließt.

Die Mühle in Gondelsheim gehörte schon dem Ur-Urgroßvater von Viktoria Brauch. Der kaufte sie von einem entfernten Cousin, eben jenem Verwandten, der einst nach Amerika aufbrach, um dort noch glücklicher zu werden. Viktoria Brauch ist in der Mühle aufgewachsen. Im Erdgeschoss wohnten die Großeltern, eins drüber der Uropa, in der zweiten Etage die Eltern. Die Kinder hatten ihre Zimmer unterm Dach. Es ist im Grunde unnötig zu erwähnen, dass die Geschwister hier eine wunderschöne Kindheit hatten. Wer das Alter achtet, bleibt länger jung. Es gab drei Ponys, auf denen sie im Sommer ausritten. Sie spielten im Mühlenbach, kochten mit der Oma Brennnesselsuppe. Im Winter gingen sie an den Feldhang rodeln. Wenn sie wollten, konnten sie in der Mühle mithelfen, beim Mehlabfüllen oder beim Verpacken. 23 Pfennig zahlten die Eltern für einen Dreikilo-Sack. Die Geschwister stellten auf diese Weise schon früh fest, dass man in einer Stunde mehr verdienen kann, wenn man mehr arbeitet. Den größten Erfolg hast du mit den Dingen, die du ernsthaft tust.

Eigentlich hat Viktoria Brauch schon immer ein Glückskeks-Leben geführt.

Die Mühle betreibt heute noch der Vater, obwohl der schon über siebzig ist. Und immer mehr vom Mehl geht direkt in die Glückskekse, die in einer riesigen Halle unweit der Mühle produziert werden. Viktoria Brauch öffnet eine Stahltür, die in die Halle führt, eine warme, nach Vanille duftende Wolke umfängt die Besucher. Eine kleine Überraschung erwartet Sie. „So riecht das Glück“, sagt sie und lacht ein für ihre Verhältnisse zurückhaltendes Lachen.

Am Eingang stehen große Teigbottiche, in denen Mehl, Zucker, Sojalecithine, Glukosesirup, Salz und Vanille vermischt werden. Über Schläuche fließt der Teig zu den Glückskeksmaschinen, die in drei Schichten ununterbrochen in Betrieb sind. Der Teig wird in Backformen gespritzt, die aussehen wie rollende Waffeleisen. Das Backen dauert etwa drei Minuten, so lange brauchen die Formen, um die Maschine zu durchlaufen, dann drückt ein Greifarm einen Zettel in den warmen Teig und verschließt den Keks.

Vierzig Millionen Glückskekse verlassen dieses Jahr die Halle in Gondelsheim. Im Schoße des Reichtums wirst du ausruhen können. Zu Weihnachten und Neujahr wird am meisten produziert, weil zum Jahresende alle noch ein wenig Glück gebrauchen können. Im Januar steht das chinesische Neujahrsfest bevor, weshalb die China-Restaurants die Bestellungen erhöhen. Dreißig Mitarbeiter haben sie mittlerweile eingestellt. In einer zweiten Halle werden die Glückskekse in Kartons verpackt und verschickt, an deutsche Großhändler, aber auch ins Ausland. Nach Italien, Spanien, England, Frankreich, Griechenland, Ungarn, Bulgarien. Die Sprüche sind in fünfzehn Sprachen übersetzt. Ein Container ist sogar mal bis Australien gegangen.

Auschdralien, sagt Viktoria Brauch.

Das ist die eigentliche Sensation: Dass die Deutschen jetzt schon Glück exportieren. Bisher waren sie ja eher dafür bekannt, recht ordentliche Bohrmaschinen, solide Autos und die eine oder andere Biersorte in die Welt zu schicken. Aber Glück? Womöglich hat das auch mit der Krise zu tun, in der fast alle anderen Länder gerade stecken. Außer eben die glücklichen Deutschen, die nicht mehr nur fleißig sind, sondern neuerdings sogar richtig befreit lachen können. Mit Freundlichkeit erreichen Sie alles.

Die Historie des Glückskekses ist umstritten. Es gibt verschiedene wunderbare Geschichten. Eine spielt im 13. Jahrhundert in China, wo ein armer Prinz und die Tochter des mächtigen Herrschers ineinander verliebt waren, aber nicht zueinander kommen durften. Die zwei Verliebten schickten sich Briefe, eingebacken in kleine Kuchen, planten so ihre Flucht und wurden zu einem lebenslang glücklichen Paar. Liebe kann Berge versetzen.

Eine andere Geschichte trägt sich ebenfalls im 13. Jahrhundert zu, als die Mongolen China besetzt hielten. Die mutigen, chinesischen Befreiungskämpfer buken geheime Nachrichten in Kekse, die aus Lotuspaste und Eigelb hergestellt wurden. Weil die Mongolen Lotuspaste nicht ausstehen konnten, blieb die Keks-Korrespondenz unentdeckt, der Aufstand gelang. Bravo! Sie gehen Ihren Weg, ohne sich beirren zu lassen. Seitdem lieben Chinesen in Teig gebackene Botschaften.

Klingt nicht schlecht, oder? Aber die Geschichten sind wahrscheinlich erfunden, wie die meisten guten Geschichten. Lassen Sie Ihrer Fantasie freien Lauf. Der Erfolg ist Ihnen sicher. Die Wahrheit ist weit weniger romantisch und so kompliziert, dass sogar ein Gericht in den USA damit beschäftigt war. Der ehrwürdige Richter Daniel Hanlon verfügte 1983, wie sich die Geschichte des Glückskekses wirklich zugetragen hat. Demnach war es ein frommer, christlicher Bäcker, ein gewisser David Jung, der 1919 in Los Angeles biblische Psalme in Teig buk, um den Menschen die frohe Botschaft zu versüßen. In China wurden die Glückskekse erst viel später entdeckt, als Importware aus Amerika.

Die geistigen Enkel von Konfuzius

Aber es gibt einen Grund, warum die Glückskekse so beharrlich den Chinesen zugeschrieben werden. Kein anderes Volk hat mehr Symbole, Zaubereien und Weisheiten entwickelt, um dem Glück auf die Schliche zu kommen und das Schicksal in die gewünschte Richtung zu lenken. Auch Viktoria Brauch ist letztlich eine geistige Enkelin des alten Sprücheklopfers Konfuzius, mit dessen Hilfe sich auch recht banale Gedanken in ein tiefes, schicksalhaftes Raunen verwandeln lassen. Glück ist das einzige, das sich verdoppelt, wenn man es teilt.

Wobei Konfuzius Stil hat. Die Weisheit der Glückskekse wirkt dagegen ziemlich tantig. So eine Mischung aus Reinhold-Beckmann-Gefühligkeit und Margot-Käßmann-Moral. Jeder, aber wirklich jeder, soll sich angesprochen und verstanden fühlen, und das Erstaunliche ist, dass es am Ende tatsächlich funktioniert.

Viktoria Brauch demonstriert das in der Fabrikhalle, sie lässt den Besucher aus einem Berg frischgebackener Glückskekse ein Exemplar aussuchen. „Jetzt schauen Sie mal nach!“, sagt sie lächelnd, und sofort ist die Spannung da. Sofort will man wissen, was das Schicksal für einen bereithält. Spätestens wenn der Keks zerbricht und das Zettelchen sichtbar wird, kann sich niemand mehr zurückhalten. Dann der Spruch: Deine Güte wird unerwartet Früchte tragen. „Na also, geht doch“, denkt man. So leicht ist es, einen kleinen Moment lang ein gutes Gefühl zu haben. Ob man das dann gleich Glück nennen muss, kann jeder für sich entscheiden.

In einer Ecke der Produktionshalle stehen Kisten mit Bio-Glückskeksen, die hier nur montags produziert werden, weil die Maschinen dafür extra gesäubert werden müssen. In den Bio-Glückskeksen sind andere Sprüche als in den normalen, sagt Viktoria Brauch. „Eher so tiefsinnigere Sachen, was ich mehr mag.“ Sie gibt auch gleich ein Beispiel: Wende das Gesicht der Sonne zu, dann fällt der Schatten hinter dich. Und noch einen hat sie parat, ihren absoluten Lieblingsspruch: Ab und zu sollte man auf der Jagd nach dem Glück innehalten und einfach mal glücklich sein. „Das packt mich jedes Mal, das funktioniert“, sagt sie.

Es gibt auch ein paar Kisten, in denen schwarzes Gebäck lagert. „Das sind Pechkekse“, sagt Viktoria Brauch. „Die sind ein bisschen böse und zynisch, nicht so meine Sache.“ Die Pechkekse werden für einen Kunden in Hamburg hergestellt, der auch gleich seine eigenen Sprüche geordert hat. Lebe jeden Tag so, als wenn es regnen würde, steht auf einem Zettel. Ich würde Dir gern etwas Gutes sagen, aber dann müsste ich lügen, auf einem anderen. Nach diesem stundenlangen Glücksgeschwurbel tut das ziemlich gut.

In den vergangenen Jahren ist das Unternehmen in Gondelsheim stetig gewachsen, immer wieder mussten sie die Hallen vergrößern, mehr Maschinen kaufen, mehr Leute einstellen. Wird das jetzt also immer so weitergehen? Viktoria Brauch überlegt und schüttelt den Kopf. „Wissen Sie, wir haben jetzt eine gute Größe, wir sind zufrieden, wenn es so bleibt.“

Am Ende ist das wahrscheinlich der schönste Satz des ganzen Tages. Besser als jeder Glückskeks.