Akten der Staatssicherheit der DDR (Symbolbild)
Foto: picture alliance/dpa/Bernd Wüstneck

Berlin Nachdem das Kölner Verlagshaus DuMont den Berliner Verlag im Februar auf die Resterampe geworfen hatte und keinen Interessenten fand, kauften vor ein paar Wochen die Berliner Silke und Holger Friedrich das gefährdete Unternehmen. Binnen weniger Tage wurden der Internetauftritt umgestaltet und ein von DuMont eingeführtes, von Anbeginn steinzeitliches, nervtötendes Redaktionssystem durch ein modernes ersetzt. Hoffnung keimte unter den Mitarbeitern auf.     

Doch blicken wir weiter zurück. 2002 hatte der Medienkonzern Holtzbrinck, zu dem der Tagesspiegel gehört, den Berliner Verlag übernommen. Nach dem Veto des Bundeskartellamts verkaufte Holtzbrinck die Berliner Zeitung an den nordirischen Finanzinvestor Mecom, den eine „eiskalte“ (FAZ) Heuschrecke anführte: David Montgomery.

Dieser setzte einen in Personalunion tätigen Geschäftsführer und Chefredakteur ein, assistiert von einem Erfüllungsgehilfen, deren Aufgabe in der Reduktion der Mitarbeiter und in radikaler Kostensenkung bestand. Der eine dachte hauptsächlich an sein Motorrad („Pferdchen“).

Der andere liebte das Golfen und war journalistisch allein mit dümmlich-sexistischen Golfclub-PR-Werken aufgefallen, Überschrift: „Abschlag vom Venushügel“. Die Berliner Zeitung und ihre Belegschaft haben wirklich schon einiges durchgemacht. Und jetzt noch das: der Stasi-Vorwurf gegen den neuen Verleger Holger Friedrich.

Die Nachricht davon verbreitete die „Welt am Sonntag“ (WamS) am vergangenen Donnerstag ohne weitere Details. Erst am Sonntag erschien ein ausführlicher Artikel. Aber statt einer Begründung bot die Zeitung einen dünnen Mischmasch aus Vermutungen, Vorverurteilungen und offensichtlichen Halbwahrheiten.

Mit Haftstrafe bedroht

Nach eigenen Angaben war Friedrich unter dem Verdacht der Republikflucht, der Fahnenflucht und möglicherweise des bewaffneten Grenzdurchbruchs festgenommen und mit einer massiven mehrjährigen Haftstrafe bedroht worden.

Dazu existiert in der Stasi-Unterlagenbehörde der Operative Vorgang „Habicht“. Diesen darf jedoch nur der Betroffene, nämlich Holger Friedrich, lesen und publik machen. Obwohl die WamS und der Springer-Verlag wussten, dass sie nur einen Teil der Akten und damit der Fakten kennen, erwecken sie den Eindruck, als verbreite Friedrich eine übliche, im Grunde wenig glaubwürdige Schutzbehauptung.

Erst ganz am Schluss des Artikels steht, was der damals 22-jährige NVA-Soldat seinem Stasi Führungsoffizier nach wenigen Monaten konspirativer Mitarbeit sagte, nämlich dies: „… dass er die Sache nicht freiwillig angefangen habe, und sich daran auch in Zukunft nichts ändern wird.“

Außerdem verhielt sich Friedrich laut Stasi bei den Treffen häufig „abweisend und zurückhaltend“. Statt all das urteilsgerecht zu bewerten, spielen sich die Journalisten der WamS als fliegendes Standgericht auf. Zu diesem Journalismus des Verdachts, der schnellen Denunziation passt, dass der Chefredakteur der Bild-Zeitung twitterte: „30 Jahre nach dem Mauerfall ist die @berlinerzeitung wieder in Stasi-Hand.“ Absurd.

Ich lehne es ab, vorschnell „Stasispitzel“ zu schreien. Denn in seiner offenkundigen Spannung zwischen Opfer/Täter und anderen Opfern könnte gerade dieser Fall einen hohen und differenzierten Erkenntnisgewinn bringen.