Berlin - Der ehemalige Linksfraktionschef Gregor Gysi will nach Informationen dieser Zeitung Vorsitzender der Europäischen Linken (EL) werden. Die Parteivorsitzenden Katja Kipping und Bernd Riexinger haben den 68-Jährigen bereits für das Amt vorschlagen. Der EL-Kongress findet vom 16. bis zum 18. Dezember statt. Gysis Wahl gilt als sehr wahrscheinlich. „Wenn er das machen will, dann wird es auch so kommen“, verlautet aus führenden Parteikreisen.

Gysi hatte schon vor einiger Zeit seine Bereitschaft signalisiert. Der Vorstand der Linken hat ihn daher Mitte September nominiert. Freilich fiel das Votum mit rund 60 Prozent knapp aus. Während der Sitzung wurde jede Menge Kritik an Gysis Absicht laut. Anschließend ließ dieser ausrichten, er wolle sich die Sache nochmal überlegen. Sein Entscheidungsprozess ist mittlerweile abgeschlossen.

Gysi will Europäischen Linken zu Bedeutung verhelfen

In Zeiten, in denen die deutsche Dominanz in Europa wieder allgemein beklagt werde, sei auch ein deutscher EL-Chef nicht unproblematisch, heißt es von Kritikern – zumal Vorgänger des heutigen Vorsitzenden, des Franzosen Pierre Laurent, der einstige Linken-Vorsitzende Lothar Bisky war. Der stellvertretende Linken-Chef Tobias Pflüger bezweifelte, ob Gysi der Hauptaufgabe gerecht werde, zwischen den verschiedenen Interessen und Positionen der rund 20 Mitgliedsparteien auszugleichen.

Auch Leute, die ihm eher wohlgesonnen sind, sagen, die EL habe kaum ein nennenswertes Budget und sei in Europa ohne Bedeutung. Letzteres scheint es aber wohl zu sein, was Gysi reizt. Er will der Europäischen Linken zu jener Bedeutung verhelfen, die sie bisher nicht hat. Sein Ziel sei es, so sagen Eingeweihte, „dem Rechtsruck in Europa entgegen zu wirken“.

Linke verwerfen rot-rot-grüne Pläne vorerst

Derweil steckt der Streit darüber, wer die Linke als Spitzenkandidaten in die Bundestagswahl führen soll, in einer Sackgasse. Die Fraktionschefs Sahra Wagenknecht und Dietmar Bartsch hatten vorige Woche deutlich gemacht, dass sie nur allein und nicht mit Kipping und Riexinger zur Verfügung stünden. Daraufhin machten Vertreter verschiedener Landesverbände deutlich, dass die Entscheidung bei der Partei liege. Der Vorsitzende der Linken in Sachsen, Rico Gebhardt, betonte indes gegenüber dieser Zeitung: „Mir ist ein Politiker, der nicht zur Verfügung steht, lieber als einer, der herumeiert.“ Und gerade Wagenknecht sei „mit Abstand die bekannteste Politikerin der Linken“.

Im Übrigen solle sich die Linke zwar „erstmal auf eine Wahlkampfstrategie verständigen“, fügte Gebhardt hinzu. Der Vorstand hatte zuletzt ein einschlägiges Papier, das von Bundesgeschäftsführer Matthias Höhn erarbeitet worden war und auf eine rot-rot-grüne Koalition zielte, verworfen. Erst dann stehe die Entscheidung über die Spitzenkandidaten an. Generell werde das Thema Spitzenkandidatur bei der Linken „ohnehin überschätzt; denn wir stellen nicht den Kanzler“.

Riexinger hat den Gremien der Partei in seinem Heimatverband Baden-Württemberg am Wochenende mitgeteilt, dass er sich 2017 erstmals um ein Mandat bewirbt. Dies ist die Voraussetzung für eine Spitzenkandidatur.