Lange Reise in der Bahn: Greta verzichtet bewusst auf das Fliegen. 
Foto: Twitter/Greta Thunberg

Berlin Ein Tag in den sozialen Medien ist eigentlich wie eine Ewigkeit, aber die Diskussion um die Reise von Greta Thunberg mit der Deutschen Bahn lief auch gestern bei Twitter noch unter „trending“, weckte also starkes Interesse. Mehr als 190.000 User gaben dem Foto, das die Umweltaktivistin am Sonnabend gepostet hatte und sie im Gang sitzend zeigt, inzwischen ein Like, mehr als 11.000 Menschen schrieben Kommentare. Bei Instagram gefiel die Aufnahme mehr als 1,2 Millionen Menschen. Das sind selbst für die weltweit beachtete Aktivistin beachtliche Zahlen.

Unterstützer und Kritiker hatten offensichtlich ihre Freude an dem Thema, das wieder einmal deutlich macht, wie schnell die Kommunikation in den sozialen Medien eskalieren kann.  Glücklich sind daher die Unternehmen und Menschen, die sich im Netz nicht bewegen müssen. So hat es Sascha Lobo, kurz zusammengefasst, neulich in einem Interview gesagt.

Lobo, der Buchautor („Der Realitätsschock“) und Digitalkenner mit dem roten Irokesenschnitt, ist selbst sehr aktiv bei Twitter, doch er kennt die Gefahren. Deshalb sagte er der Berliner Zeitung: „Die Teilnahme am 21. Jahrhundert bedeutet für viele, dass sie nur Geld verdienen und mitreden können, wenn sie das Instrumentarium beherrschen und im Netz sichtbar werden – und da möchte ich die junge Person erleben, die sagt, den ganzen Digitalquatsch mache ich nicht mit.“  

Angebliche Tücken auf der Bahnfahrt

Offensichtlich ist aber auch, dass sowohl die Bahn als auch  Greta Thunberg gravierende Fehler in ihrer Kommunikation gemacht haben.  Und so etwas nutzt die Netzgemeinde gerne, um sich aufzuregen. Zur Erinnerung: Greta Thunberg war am Sonnabend vom Weltklimagipfel in Madrid mit dem Zug auf dem Weg in ihre schwedische Heimat, weil sie immer versucht, umweltfreundlich zu reisen. Doch die Fahrt hatte ihre Tücken.

In Offenburg wurde ihr Zug gestrichen, das teilte am Montagnachmittag eine mitreisende schwedische Journalistin mit, die auch ein Video aus einem überfüllten Wagen postete. Erst in Niedersachsen fand Thunberg dann einen Sitzplatz in der Ersten Klasse.  „Reisen in überfüllten Zügen durch Deutschland. Und ich bin endlich auf dem Weg nach Hause!“, schrieb die Aktivistin zu dem Foto, das sie mit mehreren Koffern, Rucksäcken und Taschen zeigt. Ein wenig traurig blickt sie auf dem Bild aus einem Fenster.  

Spiegel-Online nannte den kurzen Text einen zertifizierten Qualitäts-Tweet aus dem Hause Thunberg, versendet vermutlich von ihrem Vater. Die „kollektive Erregung“, von der der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen in seinen Büchern immer wieder schreibt, war ausgelöst, viele Nutzer zeigten die von dem Medienwissenschaftler oft beschriebene Gereiztheit, die seiner Meinung nach von den Plattform-Anbietern gewünscht ist. Denn Aufregung bringt Klicks und Aufmerksamkeit.

Kritik aufgrund von Plastikverpackungen

Der passende Hashtag dazu: Gretagate2019. Bei Twitter begann die Diskussion um die Unzuverlässigkeit der Bahn auch deshalb, weil Thunberg nicht erwähnt hatte, dass sie zumindest einen Teil der Reise durch Deutschland ganz bequem in der Ersten Klasse verbringen konnte. Das hat sie erst später in einem Kommentar klargestellt: „Unser Zug in Basel wurde aus dem Verkehr genommen. Deshalb mussten wir in zwei verschiedenen Zügen auf dem Boden sitzen. Nach Göttingen bekam ich einen Sitzplatz. Das war natürlich kein Problem, und das habe ich auch nicht behauptet“, lautete ihre Erklärung.

Thunbergs Kritiker nutzten die Gelegenheit, um auf eine Zugfahrt im Januar zum Weltwirtschaftsforum in Davos zu verweisen. Dort war die Aktivistin essend zu sehen mit einem Plastikbecher vor sich und Plastik-Verpackungen daneben. Wenig vorbildhaft, lautete das Urteil ihrer Gegner. „Wenn sie denn so proaktiv ist, könnte sie ihre eigenen Sachen mitbringen“, lautete einer der harmloseren Kommentare. Dadurch fühlten sich die Umweltaktivisten herausgefordert. Kollektive Erregung eben.  Auf dem Foto, das während der Rückreise in Dänemark aufgenommen wurde, ist die junge Schwedin mit einem Brötchen in der Hand zu sehen, neben ihr steht eine Thermoskanne.

Deutsche Bahn beteiligte sich rege an der Diskussion

Die Bahn beteiligte sich mit zwei Tweets an der aktuellen Diskussion, die Pressestelle machte keinen guten Job dabei. Dem Unternehmen wurde im Netz vorgeworfen, dass es die Persönlichkeitsrechte ihrer Fahrgäste offensichtlich nicht sehr ernst nimmt, denn in einem Tweet erwähnten die Bahner, dass Thunberg in der Ersten Klasse gereist sei. „Noch schöner wäre es gewesen, wenn Du zusätzlich auch berichtet hättest, wie freundlich und kompetent Du von unserem Team an Deinem Sitzplatz in der Ersten Klasse betreut worden bist“, lautete der Tweet.

Und zu einer guten Recherche hätte auch dazugehört, dass die Pressesprecher von dem Zugausfall und den überfüllten Wagen gewusst hätten. Die Pressestelle der Bahn wollte sich am Montag zu den Vorgängen nicht äußern. Immerhin sorgten Bahn und Thunberg am Montag dafür, dass die Diskussion nicht weiter eskalierte. Sie schrieben keine Kommentare mehr, Thunberg teilte nur das Video einer schwedischen Journalistin aus dem Zug.