Klimaaktivistin Greta Thunberg steht mit einem Transparent vor einer Kundgebung auf dem Rathausmarkt vor dem Rathaus in Oslo.
Foto: Daniel Bockwoldt/dpa

BerlinGreta Thunberg hat den Friedensnobelpreis nicht bekommen. Und das ist gut so. Zugegeben, diese Meinung klingt paradox. Denn mit der Symbolfigur Greta wären ja auch die „Fridays-for-Future“-Demonstranten und die Klimabewegung schlechthin geehrt worden. Deren Stärkung ist immens wichtig. Die Zeit läuft davon. So zeigen es die Modelle der weltweiten Klimaforschung. Aber nichts würde sich beschleunigen, hätte Greta den Preis bekommen. Es liegt sogar nahe, dass dies eine Debatte verschärft hätte, die kontraproduktiv wirkt. Und diese dreht sich vor allem um Greta selbst.

Was passierte denn in den vergangenen Monaten? Seit Greta – bekannt durch ihren „Skolstrejk för Klimatet“ – im Januar in Davos mit einer fulminanten Rede auf sich aufmerksam machte, scheiden sich an der 16-Jährigen die Geister. Bis heute hat die Polarisierung teilweise irrationale Züge angenommen. Die einen sehen Greta als eine Art neue Heilige, verfolgen jeden ihrer Schritte. Für andere ist sie so etwas wie eine Hexe, die den Menschen auch noch die letzte Freude verbieten will – als ob sie dies tatsächlich könnte.

Man sieht Autos mit Aufklebern umherfahren. Darauf zu sehen: zwei Zöpfe. Darunter steht sarkastisch: „die Lösung“. Nein, Greta Thunberg ist eben nicht die Lösung, auch wenn sie manches tut, um ihren eigenen CO2-Fußabdruck zu verringern. Sie wird weder die Welt retten noch Klima-Verhandlungen führen. Und wer gern dicke Autos fährt, der entlastet sein Gewissen auch nicht damit, dass er darauf lauert, dass Greta irgendwann ein Umwelt-Fauxpas unterläuft.

Auch ein Friedensnobelpreis für Greta Thunberg hätte unschlüssige Politiker keinen extra Ansporn gegeben

Man muss endlich klar sagen, was Greta leisten kann und was nicht. Im Grund hat sie ihre Sache bereits getan. Sie hat laut die Stimme ihrer Generation erschallen lassen, wütend, ursprünglich, verzweifelt („How dare you!“). Sie trifft den undiplomatischen Ton einer Altersgruppe, die sich ausrechnen kann, in welcher Welt sie leben wird, wenn die globale Temperatur weiter steigt.

Aus Gretas Initiative ist schließlich eine Bewegung entstanden. Einfach, weil die Zeit reif dafür war. Aber eine weitere „Gretaisierung“ der Klima-Bewegung ist kontraproduktiv. Denn sie verschärft den Streit um eine Person, statt sich auf Inhalte zu konzentrieren. Die Leugner des vom Menschen forcierten Klimawandels würde auch der Nobelpreis nicht beeindrucken. Die Trumpisten twittern ohnehin Gehässiges. Einige andere kann man vielleicht irgendwann noch mit sachlichen Argumenten erreichen. Aber nicht mit einem Bild von Greta.

Und für unschlüssige Politiker wäre auch ein Friedensnobelpreis für Greta kein extra Ansporn, um über ihren Schatten zu springen und wirksame Maßnahmen einzuleiten, statt halbherzige Klimapakete zu schnüren.

Darüber hinaus geht es um Gretas Schutz. Aber nicht in der Art, wie es manche fordern, die Dinge sagen wie: „Das arme kranke, missbrauchte Kind! Wenn das meine Tochter wäre, …“ Nein, wenn man das Buch liest, das sie mit ihren Eltern geschrieben hat, merkt man: Hinter ihrem Auftreten steckt eine tiefe, familiär unterstützte Überzeugung. Und was das Asperger-Syndrom betrifft: Es stimmt durchaus, dass nur jemand mit einer Besonderheit wie Greta jene Energie entwickeln kann, die nötig ist, etwas auf den Punkt zu bringen, ohne sich von politischem Smalltalk einlullen zu lassen. Einfach, weil die Antenne dafür fehlt.

Greta Thunberg ist eine Symbolfigur

Doch Gretas Stärke ist auch eine Schwäche. Man muss sie vor Zumutungen schützen, an denen sie ernsthaft Schaden nehmen könnte, ohne dass sie es selbst registriert. So wie man es auch bei anderen 16-Jährigen tun würde. Man muss verhindern, dass sich Gretas Rolle unter Druck in etwas wandelt, das sie nicht leisten kann. Das geht schnell und hat längst eingesetzt. Weltweit arbeiten sich Leute am Thema Greta ab.