Gretchen Klotz war die Frau des 1979 verstorbenen Aktivisten der deutschen 68er-Bewegung Rudi Dutschke.
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BerlinWeihnachten ist eine Zeit der Trauer für die Familie Dutschke. Heiligabend 1979 starb Rudi Dutschke, der Anführer der Studentenbewegung von 1968, nach einem epileptischen Anfall in der Badewanne. Er wurde 39 Jahre alt. Der Anfall war Spätfolge eines Attentats elf Jahre zuvor. Am Gründonnerstag 1968 hatte der Hilfsarbeiter Josef Bachmann auf dem Berliner Kurfürstendamm dreimal auf Dutschke geschossen und ihn schwer verletzt. Seine Witwe Gretchen Dutschke ist heute 77 und lebt wieder in Berlin, sie ist begeistert von Greta Thunberg und sagt: Rudi hat bereits erkannt, wie wichtig das Umweltthema werden würde.

Wie werden Sie dieses Jahr Weihnachten feiern?

Ich werde mit meiner Familie feiern. Die vergangenen Jahre war ich bei meinem jüngsten Sohn Marek, der auch hier in Berlin wohnt. Dieses Jahr treffen wir uns wieder in Aarhus bei meinen beiden ältesten Kindern.

Am Heiligabend vor 40 Jahren starb Ihr Mann. Werden Sie mit Ihren Enkeln auch über deren Großvater und seinen Tod an diesem Tag sprechen?

Bisher haben wir das vermieden. Die Kinder sollten ja auch Freude an Weihnachten haben, es war schon schwer genug. Die ersten Jahre nach Rudis Tod haben wir Weihnachten nicht gefeiert. Dann haben wir es wieder aufgenommen. Wir haben viel darüber geredet, wie schwer es nachher war. Jetzt ist es 40 Jahre her, da werde ich Heiligabend vielleicht doch mit meinen Enkeln über ihn sprechen.

Wie ist Ihre Erinnerung an seinen Tod?

Ich stand in der Küche, hatte die Weihnachtsgans im Ofen. Rudi war sehr lange im Badezimmer. Als ich nachschaute, lag er dort. Rudi hatte manchmal noch epileptische Anfälle, aber nur sehr kurze, nur ein paar Sekunden. So etwas, dass er das Bewusstsein verloren hat, gab es seit Jahren nicht mehr. Mein Sohn Hosea hat noch versucht, ihn wiederzubeleben.

Er war damals elf Jahre alt.

Ja, fast zwölf, meine Tochter Polly war zehn. Dann kam der Krankenwagen, aber es war zu spät.

Sie waren schwanger, waren allein mit den Kindern in einem fremden Land – wie haben Sie die Monate nach Rudis Tod überstanden?

Ich fühlte mich, als wäre ich in einem Eisblock eingeschlossen. Wir sind zu Freunden gezogen, das ging, bis Marek im April zur Welt kam. Die Freunde haben sich um alles gekümmert, damit ich nicht zu viel machen musste. Während der Schwangerschaft ging mein Blutdruck immer weiter runter, bis es bedrohlich war. Wir sind nicht dorthin zurückgegangen, wo Rudi gestorben ist, wir haben uns eine neue Wohnung gesucht. Wir haben versucht, wieder zu leben. Und ich habe mich um das Baby gekümmert, was blieb mir anderes übrig.

Rudi-Marek heißt ihr jüngster Sohn, der vier Monate nach Rudis Tod zur Welt kam. Hatten Sie den Namen bereits mit Rudi ausgesucht?

Marek hatten wir gemeinsam ausgesucht. Das kam so: Rudi las ein Buch des österreichischen Kommunisten Franz Marek. Es lag auf dem Schreibtisch, und ich sagte: Marek, das wäre doch ein schöner Name. Rudi meinte: Franz Marek ist ein Guter, das können wir machen. Das „Rudi“ habe ich dann hinzugefügt.

Die Welt kennt Sie als Gretchen Dutschke, offiziell heißen Sie heute Gretchen Klotz. Wann sind Sie zu Ihrem Mädchennamen zurückgekehrt?

Das war 1976 und hatte einen besonderen Grund. Rudi hatte mich gebeten, in die SPD einzutreten, um dort ein bisschen zu spionieren. Wir dachten, es fällt nicht auf, wenn ich unter meinem Mädchennamen dort eintrete.

Und was haben Sie über die SPD herausfinden können?

Noch bevor ich zu einer Parteiversammlung gehen konnte, haben sie mich schon wieder rausgeschmissen. Jemand muss ihnen gesteckt haben, wer ich bin.

Was halten sie von den neuen SPD-Vorsitzenden Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans?

Nun, sie reden, als wären sie zumindest etwas weiter links als die SPD bisher. Aber es sieht nicht gut aus für sie und die Partei. Kevin Kühnert finde ich gut, der macht mir Hoffnung. Aber viele kritisieren ihn dafür, dass er zu links ist. Ich sehe keine Chancen, dass die SPD linke Politik macht, jedenfalls nicht in der nächsten Zeit.

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Rudi und Gretchen Dutschke

Gretchen Dutschke, heute 77 Jahre alt, stammt aus Illinois. Sie heiratete Rudi Dutschke im März 1966. Seit zehn Jahren lebt sie nach Stationen in Dänemark und den USA wieder in Berlin – wie in den Sechzigerjahren. Das Paar hat drei Kinder, Hosea-Che, 51, Polly-Nicole, 50, und Rudi-Marek, 39. Gretchen Dutschke ist siebenfache Großmutter, einige ihrer Enkel sind bereits erwachsen.

Vor 40 Jahren wurden die Grünen gegründet. Ihr Mann war an den Vorbereitungen maßgeblich beteiligt, sein Tod hat verhindert, dass er die Grünen prägen konnte. Wo wäre er heute?

Ich weiß nicht, ob er den Kurs der Grünen bis zur Regierungspartei mitgetragen hätte. Vielleicht wären es ihm zu viele Kompromisse gewesen, die er auf dem Weg dorthin hätte machen müssen. Natürlich war ihm der Unterschied zwischen parlamentarischer und außerparlamentarischer Politik bewusst. Sein Ziel war, dass der außerparlamentarische Arm den parlamentarischen Arm beeinflusst und treibt. Das war auch 1968 seine Position. Er wollte eine USPD zustande bringen, eine neue linke parlamentarische Partei. Daher bin ich mir sicher: „Fridays for Future“ und „Extinction Rebellion“ hätten ihn fasziniert, deren Ziele sind viel konkreter als damals die antiautoritären Strukturen. Die hätte er unterstützt.

Tun Sie es auch?

Ja, natürlich. Ich war bereits zweimal beim Klimastreik hier in Berlin dabei, im September und im November.

Vor einem Jahr haben Sie in Ihrem Buch „Worauf wir stolz sein können“ geschrieben: Jetzt sind die Jungen dran.

Und jetzt sind sie dran und tun etwas, das ist toll! Greta Thunberg hat so vielen Menschen die Augen geöffnet.

Glauben Sie, dass die Klimabewegung Erfolg haben wird?

Ich finde es hervorragend, was gerade passiert. Aber ich habe nicht sehr viel Hoffnung, dass der Wandel schnell kommen wird. Die 68er haben 20 Jahre gebraucht, bis sich ihre Ideen in der Gesellschaft durchgesetzt haben. Das Problem ist: Beim Kampf gegen den Klimawandel haben wir diese 20 Jahre nicht mehr.

1968 spielte die Umweltzerstörung keine Rolle, die Epoche war sehr technikgläubig und zukunftsfroh – wann kippte die Einstellung in der Gesellschaft, dass die Umwelt an erster Stelle steht?

Ich glaube, die breite Bevölkerung hat das erst jetzt durch Greta Thunberg und „Fridays for Future“ erreicht. Aber die Gründung der Grünen vor 40 Jahren war natürlich der wichtigste Meilenstein. Rudis erste Vorstellung war wie gesagt, eine neue Partei links von der SPD zu machen, also eine Art neue USPD. Aber durch seine Kontakte mit der Umweltbewegung änderte er seine Meinung. Wenn wir die Umwelt so zerstören, dass wir keine Zukunft haben, brauchen wir auch keine neue linke Partei. Deshalb müssen wir uns erst um Umweltschutz kümmern.

„Warum habt ihr so lange nicht gehandelt?“ werfen die demonstrierenden Schüler den Alten vor. Was sagen Sie dazu?

Wir haben gehandelt, wir haben protestiert, wir waren immer da. Nur die andere Seite war stärker, sie hatte mehr Geld. Wir waren immer eine Minderheit. Was die Gesellschaftsreformen der Sechzigerjahre angeht, die Ideen der antiautoritären Bewegung – das ist inzwischen auf die Mehrheit übergegangen, würde ich sagen. Aber die Umweltfragen waren und blieben das Interesse einer Minderheit. Heute sagt die Mehrheit, dass Umwelt- und Klimaschutz eine wichtige Aufgabe sind. Aber es ist immer noch nur eine Minderheit, die bereit ist, genug zu tun. Wir haben nun mal eine Wirtschaft, die auf Wachstum und Profit ausgerichtet ist – und das ist nicht anders möglich als mit Umweltzerstörung.

Welche Protestformen bräuchte es?

Was die Wirtschaft wirklich treffen würde, wäre Konsumverzicht. Aber dazu sind die Leute nicht bereit. Das zeigen alle Umfragen. Die Menschen wollen nicht auf ihren Komfort verzichten. Doch die wirtschaftliche Boomphase ist vorbei, es wird nicht mehr lange dauern bis zur nächsten Krise.

Die 68er hatten einen Vorteil: Die Nachkriegsgesellschaft ließ sich von den Aktionen der Kommune 1, aber auch von Menschen wie Rudi Dutschke und Ihnen provozieren. Ihnen war maximale Aufmerksamkeit garantiert. „Fridays for Future“ hat jetzt nach einem Jahr die wöchentlichen Schulstreiks eingestellt, viele sind resigniert. War es das bereits?

Es ist schwer, auf Dauer jede Woche viele Menschen auf die Straße zu kriegen. Ich glaube nicht, dass sie aufhören sollen. Noch einmal: Große Veränderungen dauern mehrere Jahrzehnte.

Sie leben nun seit zehn Jahren wieder in Berlin – wie damals mit ihrem Mann. Ist Berlin Ihre Stadt geworden?

Ich werde hier nicht mehr wegziehen. Dabei war es zufällig, dass ich herkam, ich wollte aus den USA wieder nach Europa, um bei meinen Kindern zu sein. Ich habe versucht, nach Aarhus zurückzugehen, aber die Dänen wollten mir kein Visum geben. Ich spreche so gut Dänisch wie Deutsch, ich habe am ernährungswissenschaftlichen Institut in Aarhus die Ernährungstabellen entwickelt, die in Dänemark vielleicht immer noch genutzt werden, zwei Kinder und fünf Enkel leben dort – aber nein, sie wollten mich nicht. Dann bin ich nach Berlin gezogen, weil Marek hier wohnt. Und bin geblieben.