Berlin - Es ist eigentlich eine ganz lapidare Bemerkung, aber dennoch geht ein Raunen durch den Saal. Sie begrüße alle zum neuen Jahr, mit dem ja auch eine neue Legislaturperiode beginne, sagt Marija Kolak, die Präsidentin des Volksbanken- und Raiffeisenverbandes.

Ein Gemurmel setzt ein, einzelne nervöse Lacher sind zu hören. In dem Saal in einem Banken-Kongresszentrum am Brandenburger Tor treffen sich an diesem Abend die Mitglieder des Wirtschaftsflügels von CDU und CSU zum Neujahrsempfang.

Ein paar Tage sind es noch bis zum SPD-Parteitag, an dem der nächste Versuch einer Regierungsbildung scheitern könnte. An der Decke des Saales sind weiße Engelsflügel angebracht. Aber es ist keine heitere Stimmung, die über dem Treffen liegt, eher eine ratlose bis angespannte.

Das ist zu merken an Unions-Fraktionschef Volker Kauder, der die nächste Rede hält. Die Legislaturperiode habe schon 2017 begonnen, direkt nach der Bundestagswahl, korrigiert er Kolak.

Er wolle „beim besten Willen nicht daran denken, in diesem Jahr noch eine neue zu beginnen.“ Eine  kleine Unschärfe wiegt in diesen Zeiten schwer – Kauders Assoziation zum Stichwort neue Wahlperiode in diesem Jahr ist: Neuwahl.

Die will die Unionsführung vermeiden. Kauder verweist auf die guten Wirtschaftszahlen und –prognosen. „Das Wichtigste ist, dass wir diesen Prozess nicht stören, sondern befördern.“ Möglichst schnell eine stabile Regierung bilden, das ist die Maßgabe.

Erst hat die FDP hingeschmissen, nun ziert sich die SPD. Und die Union fiebert fast ein wenig mit. „Was haben Sie denn aus der SPD gehört?“ werden Journalisten gefragt.

Kauder hat seinen Abgeordneten geraten, still zu halten. „Die SPD hat eine schwere Woche vor sich. Ich rate allen, die SPD ihre Arbeit machen zu lassen“, sagt er beim Wirtschaftsflügel. Und dann wünscht er der SPD noch „viel Glück und Erfolg“. So ähnlich hat er es auch der Fraktion mitgegeben.

Es halten sich viele an Kauders Rat, aber nicht alle. Zu den vielen gehört auch der Vorsitzende des Parlamentsmittelstandskreises, Christian von Stetten (CDU), der sonst meist viel zu kritisierten hat, an Merkel, an der letzten großen Koalition.

Er sagt nun zum Sondierungsergebnis, dass „die eine oder andere Formulierung uns nicht als reine Lehre eingefallen wäre“. Aber insgesamt handele es sich doch um „eine gute Grundlage“. Selten ist von Stetten so zahm gewesen.

Sticheleien von Dobrindt

Der Chef der CSU-Bundestagsabgeordneten Alexander Dobrindt, der so etwas ist wie Kauders erster Stellvertreter, fährt eine andere Strategie. Am Wochenende kommentiert er die negativen Voten aus SPD-Landesverbänden mit dem Wort „Zwergenaufstand“.

Schon da schütteln manche in der Union den Kopf. „Was will er damit erreichen?“ fragen Unions-Abgeordnete. Bei einem Pressetermin am Dienstag macht Dobrindt weiter: Es gebe bei der SPD so manchen, „der mit dem Kopf durch die Wand will“, sagt er und setzt hinzu, bei einigen sei es sogar so, „dass sie es ohne Kopf versuchen“.

Was er mit den Sticheleien erreichen wolle, wird er gefragt. „Ich schüre gar nichts, ich versuche nur, die ausgewogene Balance zu halten“, gibt Dobrindt zurück. „Wir können die SPD nicht mit der Sänfte in die Koalition tragen“, sagt er auch noch.

Manche in der Union unterstellen ihm, dass er an einer Regierungsbildung so richtig nicht interessiert ist. Die CSU sei die einzige Partei, die – wegen des Landtagswahlkampfs – ohnehin im Wahlkampfmodus sei, bemerkt Dobrindt fast nebenbei.

Und etwas anderes hat er wohl auf jeden Fall im Hinterkopf: Der CSU-Zeitplan sieht schließlich vor, dass Horst Seehofer sein Ministerpräsidentenamt spätestens im März an Markus Söder übergibt.

Und Söder drängt im Hintergrund, damit sich das nicht noch verschiebt.  Dobrindt drängt also auf schnelle Koalitionsverhandlungen. Schon am Montag nach dem Parteitag könne es losgehen.

Die Nerven sind angespannt

Die Nerven sind angespannt, auch bei Angela Merkel. Das lässt sich an einer Episode ablesen, die in der Union aus den Sondierungsverhandlungen erzählt wird.

Man sei schon ziemlich weit gewesen in den Verhandlungen am letzten Verhandlungstag, da habe Präsidiumsmitglied Jens Spahn sich gemeldet und erklärt, er vermisse die Überschrift für diese Neuauflage der großen Koalition, sagten mehrere Verhandlungsteilnehmer dieser Zeitung.

„Es sieht aus wie 2013, nur teurer“, habe Spahn gesagt. Merkel habe darauf äußerst ungehalten reagiert. „Da ist sie richtig hochgegangen“, sagen Unionsleute. Es sei eine der wenigen Punkte gewesen, an denen die sonst sehr konzentrierte Kanzlerin mal etwas die Fassung verloren habe. 

Kolak beendet ihre Rede am Neujahrsempfang mit einem Gedicht von Achim von Arnim, dessen Geburtshaus einst an der Stelle stand. „Hin zu himmlischen Genossen“ ist eine der Gedichtzeilen. Einige verziehen ihren Mund zu einem spöttischen Lächeln.