Großbrand im Grunewald: „Wenn es weiter ausbricht, wäre es eine Katastrophe“

Anwohner wurden nachts von Detonationen geweckt. Am Tag erschwerte die große Hitze die Löscharbeiten. Die Regierende Bürgermeisterin war ebenfalls vor Ort.

Löscharbeiten der Feuerwehr im Grunewald.
Löscharbeiten der Feuerwehr im Grunewald.dpa/Wolfgang Kumm

Santiago de la Cruz wird am Donnerstag auf dem Kronprinzessinnenweg von Beamten der Berliner Polizei angehalten. Der Mittdreißiger weiß nichts von dem großflächigen Feuer in unmittelbarer Nähe. „Ich wollte nur den heißen Tag nutzen“, sagt er, „und in einer der Potsdamer Seen schwimmen gehen.“ Jetzt muss der gebürtige Kolumbianer einen Umweg über die Argentinische und Spanische Allee fahren.

Auf dem Kronprinzessinnenweg herrscht am Donnerstag „Lebensgefahr“. Das ist zumindest das Wort, dass der Sprecher der Berliner Feuerwehr benutzt. Ein Großbrand hat Anwohner, Feuerwehr, Polizei und Politik in Alarmbereitschaft versetzt. Bisher waren die Brände in diesem Sommer außerhalb des Stadtgebiets, noch nicht einmal im C-Bereich. Doch jetzt brennt es im Grunewald, einer der schönsten Gegenden der Hauptstadt.

Die Avus-Autobahn war heute Vormittag gesperrt.
Die Avus-Autobahn war heute Vormittag gesperrt.dpa/Wolfgang Kumm

Im Morgengrauen waren im Südwesten der Hauptstadt Detonationen zu hören. Als um 3.30 Uhr der Alarm bei der Feuerwehr eingeht, vermuten die Einsatzkräfte noch nicht, dass ein Feuer am Sprengplatz im beliebten Ausflugsgebiet Grunewald lodert – und es sich in den knochentrockenen Wald ausbreitet. Dieser Einsatz könne lebensgefährlich sein, sagte ein Feuerwehrsprecher. Auf dem Sprengplatz der Berliner Polizei lagert Munition, die Experten dort normalerweise unschädlich machen.

Gegen Mittag gibt die Innensenatorin Iris Spranger bei 36 Grad Celsius im Schatten ein Statement. Auf Spekulationen wolle sie sich nicht einlassen. War es Fahrlässigkeit, menschliches Versagen, vielleicht sogar Brandstiftung? Für sie sei zunächst wichtig, dass die Sicherheit der Berlinerinnen und Berliner nicht gefährdet sei. Es gebe keinerlei toxische Gegenstände, von denen eine Gefahr ausgehen könnte. „Insofern kann ich Sie jetzt erst mal beruhigen.“ Der Sicherheitsradius von rund einem Kilometer sei auch mit Blick auf die Anwohnerinnen und Anwohner gezogen worden.

Franziska Giffey (SPD), Regierende Bürgermeisterin von Berlin, informiert sich vor Ort bei Feuerwehr und Polizei über den Brandherd im Grunewald.
Franziska Giffey (SPD), Regierende Bürgermeisterin von Berlin, informiert sich vor Ort bei Feuerwehr und Polizei über den Brandherd im Grunewald.dpa/Wolfgang Kumm

Weniger beruhigend klingt einerseits das, was ein Feuerwehr-Sprecher am Vormittag ebenfalls sagt: „Das Feuer brennt weiterhin unkontrolliert.“ Außerdem sind, während Spranger spricht, hinter ihr immer wieder Knallgeräusche zu hören. Die Begriffe „Detonationen“ oder „Explosionen“ möchte ein Sprecher der Polizei nicht benutzen, jedoch hört es sich auch nicht wie Feuerwerk oder Pyrotechnik an. Im Internet sind Videos vom Abend zuvor zu sehen, auf denen eindeutig Pyrotechnik zu sehen ist, das offenbar aus Versehen in großer Zahl in Flammen aufgeht.

Der Anwohner Peter K. führt am Donnerstag zusammen mit seinem Sohn seinen schwarzen Labrador-Retriever spazieren. Sie wollen zum Grunewaldsee. „Üblicherweise ist es hier super voll, mit Menschen aus der ganzen Stadt“, sagt er. Aus Lichtenberg, Schöneberg und Spandau. Heute jedoch sei der völlig leer. Der Hundebesitzer hörte vom Großbrand im Radio. „Wenn das Feuer weiter ausbrechen sollte, dann wäre das eine Katastrophe“, sagt er. Der Grunewald sei sehr trocken und anfällig für Brände. Er sieht besorgt aus.

Auch das Jagdschloss bleibt aufgrund des Feuers rund um den Sprengplatz im Grunewald für heute geschlossen. Zwar teilte die Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg heute mit, dass keine unmittelbare Gefahr für das Schloss bestehe, trotzdem verwies man auf die Empfehlung der Feuerwehr, den Grunewald heute weiträumig zu meiden. Der stets gut besuchte Biergarten am Grunewaldsee wird heute hingegen öffnen. „Gegen 17 Uhr haben wir heute eine After-Work-Veranstaltung“, sagt ein Kellner. Er fügt hinzu, dass es bisher nicht so aussehe, dass der Brand zu ihnen in den Biergarten rüberkomme.

Der Parkplatz am Biergarten des Grunewaldsees ist am Vormittag noch leer.
Der Parkplatz am Biergarten des Grunewaldsees ist am Vormittag noch leer.Berliner Zeitung/Nicolas Butylin

Der Brand werde möglicherweise die Einsatzkräfte noch die kommenden Tage beschäftigen, aber der Sprecher der Feuerwehr ist sich sicher, dass sie das Feuer löschen werden. Die Temperatur ist in der Zeit um einen Grad gestiegen, es sind nun 37 Grad Celsius, für die Löscharbeiten sehr schwierige Bedingungen. Die Feuerwehrmänner wechseln sich regelmäßig ab. Beamte bringen ihren Kollegen mehrere Flaschen Wasser – zum Trinken. Die Größe des Feuers ist noch recht überschaubar: 1,5 Hektar, das entspricht zwei Fußballfeldern.

An der Ecke Kronprinzessinnenweg/Hüttenweg steht weiterhin eine große Menge an Löschfahrzeugen, blau-weißen Mannschaftswagen der Polizei, Transporter des Technischen Hilfswerks und zwei Dutzend Medienvertreter. Ein mit Kameras ausgestatteter ferngesteuerter Spezialroboter der Bundeswehr sollte am Nachmittag zum Einsatz kommen. Mit vier Kameras und Greifarm ausgerüstet könne er näher an die Brandfläche herankommen. Auch ein Räumpanzer der Bundeswehr sollte eingesetzt werden.

Die Berliner Feuerwehr am Einsatzort
Die Berliner Feuerwehr am Einsatzortdpa/Christophe Gateau/

Berlins Regierende Bürgermeisterin Franziska Giffey kündigte an, über den Standort des Sprengplatzes reden zu wollen. „Wir müssen uns darüber Gedanken machen, wie wir in Zukunft mit diesem Sprengplatz umgehen und ob auf Berliner Stadtgebiet ein solcher Ort der richtige ist“, sagte die SPD-Politikerin. Sie hatte für den Besuch im Grunewald ihren Urlaub unterbrochen. Sie wolle auch mit Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) über die Möglichkeiten für eine Kooperation in der Metropolregion sprechen. Da der Platz nicht in einem Wohngebiet liege, sagte Giffey, sei die Lage „zum jetzigen Zeitpunkt noch eher entspannt“.

Verletzte habe es bislang nicht gegeben. Die Behörden warnten die Bevölkerung über den Brand auf den Warn-Apps. Anwohner sollen Fenster und Türen geschlossen halten. Lüftungen und Klimaanlagen sollen ausgeschaltet werden. Die Feuerwehr warnte die Bevölkerung dringend davor, den Wald zu betreten. Das Gebiet ist großräumig abgesperrt. (mit dpa)