EineSanitäterin passt ihren Mundschutz vor dem St. Thomas Hospital an.
Foto: dpa/AP/picture alliance/Alberto Pezzali

LondonEs falle ihm schwer, Worte zu finden, um seiner Dankbarkeit für die erhaltene Pflege Ausdruck zu geben, sagte Großbritanniens Premierminister Boris Johnson, als er zu Ostern die St.Thomas-Klinik in London verließ. Nach sieben Tagen in der Klinik, davon mehreren auf der Intensivstation, ist sich Johnson bewusst, „dass es so oder so hätte ausgehen können“.

Der NHS, das Nationale Gesundheitswesen, habe ihm „ganz ohne Zweifel das Leben gerettet“. Geradezu „erstaunlich“ fand Johnson „den Mut, die Hingabe und das Pflichtgefühl“ aller NHS-Mitarbeiter, die im Kampf gegen die Seuche „ein derartiges Risiko eingehen“.

Zwei Betreuer, die „auch nachts jede Sekunde über mich wachten“, hob Johnson hervor, nämlich die neuseeländische Krankenschwester Jenny McGee und den Pfleger Luis Pitarma aus Portugal. McGees Familie zeigte sich „stolz“ angesichts dieses Lobs, beeilte sich aber hinzuzufügen, ihr Stolz auf Jenny gelte deren Fürsorge nicht nur für den Premierminister, sondern „auch für andere, gewöhnliche Leute“ unter den Patienten auf Jennys Station.

Boris Johnson befindet sich auf dem Weg der Besserung.
Foto: imago images/Tim Ireland

Pitarma wurde der Dank des Präsidenten seines Landes, Marcelo Rebelo de Sousa, zuteil, der darauf verwies, wie „engagiert“ so viele portugiesische Ärzte und Pfleger auch jenseits der Grenzen Portugals sich abmühten.

Applaus statt Visum für neue Schlüsselfiguren

Johnsons Dankbarkeit hat einige bittere Bemerkungen ausgelöst. Abgeordnete aller Parteien haben die Regierung schon vor Tagen dazu gedrängt, den auswärtigen „Helden“ des NHS zum Dank wenigstens ein Aufenthaltsrecht auf Lebenszeit zu verschaffen. Das hat die rechtslastige Innenministerin Priti Patel, die auch für EU-Bürger künftig Visumspflicht einführen will, bislang abgelehnt.

Vormals als „niedrigqualifiziert“ eingestufte NHS-Mitarbeiter, bis hin zu Putzkolonnen und Küchenhilfen, gelten nun als „key workers“, als Schlüsselfiguren der Gesellschaft – weil man in der Pandemie plötzlich auf sie angewiesen ist. Jeden Donnerstagabend um acht Uhr treten die Briten aus ihren Haustüren, um dem NHS kollektiv zu applaudieren.

Dankbarkeit schützt nicht vor Ansteckung: Das Personal hat in Großbritannien zu wenig Schutzkleidung zur Verfügung.
Foto: imago images/Ray Tang

Lesen Sie alle aktuellen Entwicklungen im überregionalen Newsblog >>

Dankbarkeit schützt nicht vor Ansteckung

Doch nicht alle NHS-Frontkämpfer fühlen sich angesprochen von diesem Ritual. In vielen Kliniken glaubt sich das Personal im Stich gelassen von den Verantwortlichen. Wegen mangelnder Vorbereitungen auf die Krise fehlt es überall an der nötigen Schutzkleidung für NHS-Mitarbeiter und an Testgeräten.

Mancherorts sind Ärzte gezwungen, sich Gesichtsmasken irgendwo privat zu besorgen. Einige Pfleger und Pflegerinnen haben sich in den vergangenen Tagen aus Mülltüten Schürzen geschneidert in ihrer Not. Verseuchte Visiere, kurz abgewischt, müssen laut Anweisungen wiederverwendet werden. Auf einigen Stationen soll sich schon die Hälfte der Belegschaft angesteckt haben. Über dreißig NHS-Mitarbeiter sind ums Leben gekommen landesweit.

So verzweifelt ist die Lage in einigen Kliniken, dass der Königliche Verband der Pflegerinnen und Pfleger seine Mitglieder aufgefordert hat, mit Arbeitsniederlegung zu drohen, wenn die Regierung nicht für ihren Schutz sorge – auch wenn das ein „schreckliches Dilemma“ bedeute.

Die NHS-Leute haben es Gesundheitsminister Matt Hancock übelgenommen, dass er sie jüngst ermahnte, gefälligst vorsichtig umzugehen mit den „kostbaren Beständen“ an Utensilien. Zu Ostern musste Hancock erstmals eingestehen, dass er nicht sagen konnte, wann genug Schutzkleidung, Masken und Plastikvisiere vorhanden sein würden. Das sei „unmöglich“ zu wissen, meinte er.

Lesen Sie auch: Spanien nimmt Arbeit und Produktion wieder auf 

Die Lage verschlechtert sich

Die Zahl der Corona-Opfer im Lande steigt weiter an. Am Ostermontag kletterte die Zahl der gemeldeten Toten bereits auf über 11.300. Ein Regierungsberater, Professor Sir Jeremy Farrar, schließt inzwischen nicht mehr aus, dass Großbritannien letzten Endes noch „das am schlimmsten betroffene Land in Europa“ werden kann.

Und Boris Johnson? Hat sich auf den Landsitz der britischen Premierminister zurückgezogen, das Anwesen Chequers, eine halbe Autostunde nordwestlich von London. Dort soll er sich, an der Seite seiner schwangeren Partnerin Carrie Symonds, einige Wochen lang auskurieren.