London - Heftigen Streit hat im Vereinigten Königreich eine radikale Kursänderung bei den Anti-Corona-Impfungen hervorgerufen. Statt drei oder vier Wochen soll, wer eine erste Impfdosis erhalten hat, nun zwölf Wochen auf die zweite Dosis warten müssen.

Mit dieser Maßnahme hofft die Regierung in kurzer Zeit mehr Personen einen gewissen Schutz vor dem Virus und der auf der Insel grassierenden Mutation zu verschaffen. Ungewiss bleibt dabei freilich, ob eine Erst-Impfung zum Beispiel mit dem Biontech/Pfizer-Impfstoff nach Ablauf von drei Wochen weiter ausreichenden Schutz gewährt und ob der Aufschub der zweiten Dosis die Wirkung generell reduziert.

Dieses Risiko will die Leitung des Nationalen Gesundheitsdiensts (NHS) im Einvernehmen mit der britischen Regierung eingehen, um in kürzest möglicher Zeit so vielen Bürgern wie möglich einen ersten Schutz bieten zu können. Nach Überzeugung des NHS-Generaldirektors Sir Simon Stevens lässt sich auf diese Weise „der größtmöglichen Zahl gefährdeter Menschen“ helfen, die Sterblichkeitsrate senken und der NHS entlasten, dessen Kliniken vielerorts schon überfordert sind.

Hintergrund der Entscheidung ist die rekordschnelle Ausbreitung der Pandemie seit dem Auftauchen der „neuen Variante“ in England. Zurzeit nimmt die Zahl der Infektionen wöchentlich um ein Drittel zu. Diese Woche wird ein Anstieg der Zahl der täglichen Todesfälle auf über tausend erwartet. Zahlreiche Krankenhäuser haben seit Neujahr gemeldet, dass sie mit der Entwicklung nicht mehr Schritt halten können. Patienten werden bereits in Hunderte von Kilometern entfernte Kliniken verlegt.

Die Regierung ist auch dafür kritisiert worden, dass sie zu spät und zu halbherzig Lockdown-Maßnahmen ergriffen und immer wieder unrealistische Erwartungen geweckt habe.

Noch im Mai vorigen Jahres hieß es, bis September werde man über 30 Millionen Dosen des „heimischen“ AstraZeneca-Impfstoffs verfügen. Im November war dann nur noch von vier Millionen Dosen bis Jahresende die Rede. Wenn die AstraZeneca-Impfungen an diesem Montag beginnen, stehen nur 530.000 Dosen bereit.

Vom Pfizer-Impfstoff, der vor vier Wochen genehmigt wurde, sind nach Regierungsangaben bisher immerhin rund eine Million Dosen gespritzt worden. Vom Plan, zwei Millionen Dosen pro Woche auszugeben, ist man aber noch weit entfernt.

Angesichts der Verschiebung der zweiten Impfung hat Biontech/Pfizer bereits warnend darauf hingewiesen, dass es keine Forschungsergebnisse gebe für einen derart langen Zeitraum zwischen den beiden erforderlichen Dosen. Anthony Fauci, der führende US-Experte, hat sich von der britischen Strategie distanziert.

Professor Martin Hibbard von der Londoner Hochschule für Hygiene und Tropenmedizin sagte, es sei „äußerst frustrierend“, dass das „hohe Niveau der Impfstoff-Forschung“ nun schlicht „ignoriert“ werde: „Wir wissen nicht, welche Wirkung der Impfstoff haben wird bei einer längeren Frist zwischen den beiden Dosen und wieviel Schutz eine einzelne Injektion über einen längeren Zeitraum hinweg gewährt.“

Stephen Evans von der gleichen Hochschule sagt dagegen: „Wir haben eine Krisensituation hierzulande mit der raschen Ausbreitung der neuen Variante.“ Aller Verzug koste unnötig Leben: „Mehr Leute mit möglicherweise geringerem Effekt zu impfen, ist doch besser, als vollen Effekt zu erzielen bei der Hälfte derer, die gefährdet sind.“