Berlin - Plötzlich gibt es wieder eine Uhrzeit, eine sehr präzise noch dazu – eine, die Erlösung verspricht oder auch ein Drama. 16.05 Uhr, zu diesem Zeitpunkt fährt am Sonntagnachmittag ein ICE von Berlin nach München. Und die CSU verbreitet zu Beginn des Wochenendes, Horst Seehofer würde drin sitzen. Pünktlich zum Abendessen oder zum Tatortschauen wäre er so wieder in Bayern. So kommt es nicht. Aber die Erinnerung an einen anderen Sonntag werden wach. An einen Sonntag, der mit einem Paukenschlag endete, der einiges Chaos ausgelöst hat.

Ende November hatten die Jamaika-Verhandler damals 18 Uhr ausgegeben als Endpunkt ihrer Gespräche – die FDP blieb noch sechs Stunden länger und ergriff dann um kurz vor Mitternacht die Flucht.

Schulz warnt vor Zeitdruck

Seehofer sitzt dann an diesem Sonntag nicht in dem Vier-Uhr-Zug ab Gleis 1, Berlin Hauptbahnhof. Er ist erstens ohnehin meist mit dem Auto unterwegs, er hat zweitens auch seine Lust an kleinen Späßen. Und drittens wird noch weiterverhandelt. „Bis es quietscht“, so hatte es Fraktionschefin Andrea Nahles ihrer Partei versprochen. Aber zunächst quietscht am Sonntagmorgen nichts, sondern Parteichef Martin Schulz stellt sich einsam ins Foyer seiner Parteizentrale und warnt mit langen Satzgirlanden davor, sich unnötig unter Zeitdruck zu setzen. Merkel spricht von gutem Willen und schweren Verhandlungsstunden, ihr reichen dafür 30 Sekunden. Ein ernstes Gesicht, dann noch ein schnelles Lächeln, so viel Synchronität erlauben sich Schulz und Merkel schon mal.

CSU-Chef Horst Seehofer spart sich den Auftritt und fährt gleich mit dem Aufzug nach oben. Zehn Tage verhandeln sie nun, davor gab es eine Woche Sondierungsgespräche. Eigentlich ein Schnelldurchlauf, aber weil die Bundestagswahl schon vier Monate her ist, weil zwischendurch eine gescheiterte Jamaika-Verhandlung liegt und viel Hin und Her, fühlt es sich an wie eine halbe Ewigkeit. Und dann gibt es all diese Szenen, die sich zu wiederholen scheinen. Zum Beispiel die Auftritte von Juso-Chef Kevin Kühnert, der an vielen dieser Tage mit einem dicken Schal vor der SPD-Zentrale steht und in einem Fernsehinterview nach dem anderen erklärt, dass es eigentlich gleichgültig ist, was da drinnen gerade verhandelt werde, weil eine große Koalition eh Mist sei.

Die Ewigkeit also, das ist der Eindruck nach außen. Drinnen ist das Zeitgefühl bei manchem Verhandler ein anderes: „Ein paar Tage für einen Koalitionsvertrag – das ist nicht seriös.“ „Wir kennen uns ja“, halten andere dagegen, man hat ja schon zwei Mal miteinander regiert. Die Zeit des vorsichtigen Herantastens habe wegfallen können. Allerdings kennt man bei guten Bekannten die Schwachpunkte des anderen ziemlich gut, auch das kann die Sache kompliziert machen.

Dobrindt verstummt plötzlich

Viel Streit dringt allerdings zunächst nicht nach außen aus den Koalitionsverhandlung, bei denen im Prinzip mehrere Menschen sich für eine gemeinsame längere Reise vorbereiten für die sie nur einen gemeinsamen Koffer haben. Was wird mitgenommen, was nicht? Nur dass es nicht um Fön und Badelatschen geht, sondern um Klimaziele und arme Rentner.
Es ist auf eine ganz besondere Art und Weise ruhig: Alexander Dobrindt, der die Jamaika-Verhandlungen täglich aufs neue niederredete, und die Sondierungen mit der SPD mit Gift beträufelte, ist plötzlich verstummt, zumindest nach außen.

Drinnen geht es anders zu: Die CSU beharrt auf ihren Positionen, zumindest wenn Dobrindt in der Nähe ist. Wenig Konzilianz sei da vorhanden, stellen sie bei der CDU fest. Sie sind das da eigentlich schon gewohnt, aber wundern sich dennoch. Wie anstrengend das Ganze ist, lässt sich Mitte der Woche bei einer Bundestagsdebatte beobachten, bei der Angela Merkel Mühe hat, ihre Augen offen zu halten.

Die meisten Arbeitsgruppen verhandeln vor sich hin, sie schreiben Papiere, die immer länger werden, reihen Idee an Idee, sehr kleinteilig oft. „Gute Stimmung“, hört man aus vielen. Es gibt CDU-Politiker, die sich über Lob von SPD-Ministern freuen. Solche, die mit der SPD über Bande spielen, um etwas zu erreichen. Es klappt einigermaßen, dass keine Zwischenergebnisse nach außen dringen.

Streit um Einigung bei Flüchtlingen

Horst Seehofer übernimmt von der Kanzlerin die sehr unbayerische Vokabel „Knackepunkte“ und wiederholt an einem dieser Tage den eigentlich so gewöhnlichen Satz, der im Streit um die Flüchtlingspolitik aber gerade der CSU als höchst verfänglicher Merkel-Satz galt: „Wir schaffen das.“ Schaffen muss man vor allem auch eins: aus vielen langen Papieren am Ende einen erträglich langer Koalitionsvertrag zusammenfügen. Das Ganze soll eben möglichst nicht so lang werden wie ein Jahrhundertroman. Es soll sich aber auch nicht so kryptisch lesen, wie die schlecht übersetzte Gebrauchsanweisung für einen Toaster.

Es gibt allerdings auch Ärger: Bei der Flüchtlingspolitik rappelt es so vernehmlich, dass die Fraktionschefs die Sache übernehmen, schon am Montagvormittag. Eile ist geboten, ein Gesetz zum Thema Familiennachzug muss wegen bestimmter zeitlicher Fristen schon am Donnerstag durch den Bundestag. Es wird dann auch abgestimmt, das erste gemeinsame Projekt der Groko III gewissermaßen. Aber der CSU gelingt, es ihre Botschaft zu platzieren, sie habe ein Stopp-Signal gesetzt. Die SPD widerspricht, in der Bundestags-Debatte steht Aussage gegen Aussage. Und dann in der Arbeitsgruppe beginnt die SPD die Diskussion nochmal von Neuem. Am Ende bleibt der sperrige Satz, dass die Zuwanderungszahlen „die Spanne von jährlich 180.000 bis 220.000 nicht übersteigen werden“. SPD-Vize Ralf Stegner verkündet, die Union habe versichert, künftig auf „irreführende Öffentlichkeitsarbeit zu Lasten der SPD“ zu verzichten.

Kurz darauf gibt er bekannt, dass es ihm eigentlich „vollkommen wurscht“ sei, was die CSU so rede, ob von Obergrenze oder von Weißwurstlinie. Soviel zum Thema irreführende Kommunikation und zur Bedeutung von Worten und Symbolen.
Vielleicht damit die Woche nicht zur Ewigkeit wird, wird jeden Tag der Erfolg einer Arbeitsgruppe verkündet: Dienstag die Zuwanderung, die am selben Tag schon wieder zerredet ist. Am Abend dann schnell ein neues Thema: die Pflege. Am Mittwoch Europa, am Donnerstag ist die Rente an der Reihe. Am Freitag: Einigung bei Bildung und Familie. Am Samstag: Klima und Landwirtschaft. Am Sonntag: Kommunales, Wohnen und Miete, Digitalisierung. Auffällig ist, dass zwar auch Unionspolitiker sprechen, die SPD dabei die Bühne dominiert.

SPD im Sinkflug

Die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer, eine der zentralen neuen SPD-Figuren, hat dieser Tage der „Zeit“ gesagt, die SPD dürfe Merkel nicht die Rolle als „Ideenstaubsauger“ zukommen lassen. Nahles etwa schwärmt ausführlich von der Renteneinigung und erteilt ihren Mitstreitern zu Details das Wort. „Zum Quietschen kommen wir in dieser Arbeitsgruppe wahrscheinlich nur partiell“, verkündet sie zufrieden. Schulz wird von Merkel und Seehofer alleine vorgeschickt, um das eher unstrittige Europa-Kapitel zu bewerben. Stark, stärker, Europa – das ist ja seine Lieblingsbotschaft.

Im Verlauf dieser Woche gibt es noch eine Entwicklung: Schwach, schwächer, SPD. Die SPD-Werte sinken immer weiter nach unten. Gleichzeitig gibt es in den Umfragen eine Mehrheit für die große Koalition, auch in der SPD. Juso-Chef Kühnert kommentiert das – diesmal im SWR - mit den Worten, die SPD werde sowohl bei der Bildung als auch beim Scheitern erstmal weiter an Zustimmung verlieren.

Dicken Bretter kommen am letzten Wochenende

Für das letzte Wochenende haben sich die Verhandler die schwierigen Punkte aufgehoben: die Veränderung bei der Krankenversorgung, die bei der SPD unter „Ende der Zwei-Klassen-Medizin“ läuft, und die befristeten Arbeitsverträge. Der Streit ums Mietrecht ist noch hinzugekommen. Und über allem steht dann noch die Finanzierung. Der SPD-Haushaltsexperte Carsten Schneider twittert irgendwann: Bei „allen euphorisierten Meldungen“, nach denen sich Facharbeitsgruppen auf Mehrausgaben geeinigt hätten, sei zu beachten, dass die Arbeitsgruppe Finanzen noch tage – „das ganze Wochenende“. Sein Parteifreund Lars Klingbeil rügt ihn mit einem weiteren Tweet: „Du sollst nicht aus den Verhandlungen twittern. Dein Generalsekretär.“ Es klingt nicht sehr ansgespannt.

Dabei steht ja noch eine Hürde bevor: die SPD-Mitglieder müssen noch über den Koalitionsvertrag abstimmen. Drei Wochen sind dafür angesetzt.

Zwischendurch verschwinden an diesem Sonntag, der der letzte oder einer der letzten Verhandlungstage sein soll, CDU-Vizechefin Julia Klöckner und ihre Parteikollegin Monika Grütters, um in die Kirche zu gehen. Vielleicht hilft beten ja auch bei Regierungsbildungen.