Es war ein Sonntag im November, vor mir lag der blaue Pazifik. Eine Einladung vom „Weltverband der Journalistinnen“ hatte mich 2008 nach Santiago geführt. Auf dem Programm stand auch ein Ausflug nach Valparaiso, Chiles historischer Hafenstadt. Da ich seekrank werde, ließ ich die anderen die Hafenrundfahrt machen und blieb am Kai zurück.

So saß ich da, der Himmel war wolkenlos, die Möwen schrien, und leise schwappten die Wellen an die Mauer. Nach einer Weile kam ein Hafenarbeiter auf mich zu, legte mir freundlich die Hand auf die Schulter und fragte, wo ich herkomme. Wir wechselten ein paar Sätze, dann musste er weiter. Zum Abschied drückte er mich, hob den Daumen hoch und sagte unvermittelt: „Allende. Si!“

Plötzlich waren die Erinnerungen wieder da: die Chilenen bei uns im Exil, ihre Lieder, ihre Lebensart und ihr politisches Schicksal, das sie nach Europa verschlagen hatte. Ich blickte aufs Meer. Meine Gedanken trugen mich zur „Winnipeg“. Direkt hier muss das Schiff 1939 nach der großen Überfahrt angelegt haben. Am Kai wartete damals auch ein junger Arzt, sein Name war Salvador Allende.

Die Flucht aus Spanien endete für viele in Frankreich

Das hat mir mein alter Freund Christian erzählt. Sein Vater, Freimut Stolzenburg, ist auf diesem Schiff gewesen. Er absolvierte mit 18 Jahren eine Kaufmannslehre und entschloss sich, auf Seiten der Internationalen Brigaden gegen Franco zu kämpfen. Nach dessen Sieg mussten mehr als eine Million republikanischer Spanier und deren Mitkämpfer das Land verlassen. Für viele endete die Flucht in Internierungslagern in Frankreich, in denen sie elend zugrunde gingen. Freimut immerhin schaffte es, aus dem Lager zu flüchten und traf auf einen französischen Postboten, der ihn bei sich versteckte.

Es war der chilenische Dichter und Antifaschist Pablo Neruda, von 1934 an Konsul in Madrid und seit dem Putsch Francos selbst auf der Flucht, der die humanitäre Not in die Öffentlichkeit trug – und seinen Präsidenten Aguirre Cerda um Erlaubnis bat, Flüchtlinge aus Frankreich nach Chile zu holen. „Bringen Sie Millionen von Spaniern. Wir haben Arbeit für alle“, antwortete der. Doch die rechte Opposition und die katholische Kirche waren dagegen und wollten keine „Vergewaltiger, Mörder und Rote, die uns die Arbeit wegnehmen und auf Kosten der Staatskasse leben werden“. Neruda musste alle Kraft aufbringen, den Präsidenten zu überzeugen, was schließlich auch gelang. So wurde Neruda kurzfristig zum Sonder-Konsul in Frankreich für die spanische Einwanderung ernannt.

Monate vergingen mit Hoffen und Bangen. Es war ein altes Frachtschiff für 20 Mann Besatzung, das nun für mehr als 2000 Flüchtlinge umgerüstet werden musste. Eine Herkulesaufgabe: Neruda musste Geld auftreiben, um Tickets, Verpflegung, ärztliche Betreuung auf dem Schiff und Unterhalt für die erste Zeit in Chile abzusichern. Bei den Flüchtlingen musste er auch auf die Bedingungen der chilenischen Regierung eingehen, professionelle Handwerker auszusuchen, die ihren Beitrag für die Gesellschaft leisten konnten, zumal das Land gerade eines der größten Erdbeben mit 24.000 Toten erlitten hatte.

Auch Künstler und Intellektuelle auf der Passagierliste

Am 26. August 1939 war es so weit. Die „Winnipeg“ ankerte im französischen Hafen Trompeloup. Anders als verlangt hatte Neruda nicht nur Handwerker, sondern auch einige Lehrer, Künstler und Intellektuelle auf die Passagierliste gesetzt. Kurz vor dem Ablegen hatten französische Widerstandskämpfer den Deutschen Freimut Stolzenburg zum Hafen geschleust und heimlich auf das Schiff gebracht. Auf der offiziellen Passagierliste tauchte er nicht auf.

Bei der Abfahrt bildete sich auf dem Achterdeck ein Chor von Katalanen, die sich mit einem Lied von Europa verabschiedeten: „Süßes Katalonien, Heimat meines Herzens, wenn es sich von dir entfernt, stirbt es vor Sehnsucht.“ Zurück blieben Hunderte Flüchtlinge, die bis zuletzt auf einen Platz gehofft hatten. An der Mole stand Pablo Neruda und winkte mit einem Taschentuch, bis die „Winnipeg“ außer Sichtweite war.

In den folgenden Wochen mussten sich alle auf schwierige Umstände einstellen: In den Schiffsräumen waren Stützen aufgebaut, um die Reihen von Dreistock-Betten zu stabilisieren, die so dicht bei- und übereinander standen, dass man hineinkriechen musste und nur im Liegen den Kopf etwas heben konnte. Große Hitze plagte die Menschen.

„Bis zum späten Abend spielte sich das Leben an Deck ab, denn die Belüftung im Schiffsbauch war miserabel. Man vertrieb sich die Zeit mit Chorgesang, Kartenspiel und Domino. Die Passagiere gaben auch eine Zeitung mit Meldungen aus aller Welt heraus.“ Das schreibt Isabel Allende in ihrem neuen Buch „Dieser weite Weg“, in dem sie das aktuelle Thema der Flucht aufgreift und vom Schicksal der Passagiere auf der „Winnipeg“ erzählt. Dieser Weg dauerte bis zum 2. September 1939. An dem Tag legte das Schiff in Valparaiso an. Eine riesige Menschenmenge war an den Hafen gekommen, um die Ankommenden mit Jubel und der chilenischen Nationalhymne zu begrüßen. Als Dank entrollten die Flüchtlinge von der Reling aus ein großes Bildnis des Präsidenten Pedro Aguirre Cerda, das sie während der Überfahrt gemalt hatten. Salvador Allende gehörte zu denen, die am Kai warteten. Vorsorglich hatte er Thyphus-Impfungen für alle vorbereiten lassen. Der Fischer Juan Marquez war der Erste, der das Schiff verließ. „Es lebe Chile“ rief er und ging von Bord.

Einladung nach Valparaiso 

Bald wird Christian Stolzenburg an der Stelle stehen, an der sein Vater damals chilenischen Boden betrat. Der Sohn des Passagiers Freimut Stolzenburg ist mit seinen Geschwistern zu den Feierlichkeiten des 80. Jahrestages der Ankunft der „Winnipeg“ nach Chile eingeladen worden. Für Christian, Alberto, Freddy, Ingrid und Ruth ist es eine Reise in die Vergangenheit. Und zu einer unerzählten Geschichte.

Alle fünf wurden in Santiago geboren. Zum ersten Mal seit 1961 sind sie wieder zusammen in Chile. Vater Freimut heiratete nach seiner Ankunft die Chilenin Blanca. Er fand Arbeit als Dekorateur, während sie sich um die Kinder kümmerte. „Wir wohnten in einem kleinen Haus zusammen mit der chilenischen Oma“, erzählt Christian Stolzenburg. Ein großer Bekanntenkreis gehörte zum Alltag, die Wochenenden waren ausgefüllt mit Besuchen, Treffen und Feiern. „Es war ein fröhliches Zuhause, aber ohne deutsche Sprache. Das Wort ,Flüchtling‘ kam nicht vor.“ Deutschland spielte bei Stolzenburgs keine Rolle. Erst als Sohn Alberto Medizin studieren wollte, tauchte der Gedanke auf, in die DDR zu ziehen. Das Studium wäre in Chile zu teuer gewesen.

Umzug in die DDR

Christian war elf, als die Familie im März 1961 in Forst in der Lausitz ankam. Die Wohnung sei passend gewesen, „aber das gesellschaftliche Leben war wie zerfallen“, erinnert er sich. „Außer unserem Vater sprach keiner von uns Deutsch. Er arbeitete als Dolmetscher, wir Kinder lernten Deutsch in der Schule, während die Mutter immer einsamer und stiller wurde.“ Im Korridor hing eine verblichene Urkunde von 1938 – der Dank des damaligen Präsidenten des Ministerrates und Minister der Nationalen Verteidigung, dass Freimut in den Internationalen Brigaden als Soldat „für die Freiheit des spanischen Volkes“ gekämpft hatte. Später ging Christian nach Berlin und betrieb mit seiner deutschen Frau Marina 30 Jahre lang das Restaurant „1900“ am Kollwitzplatz. Chile geriet in Vergessenheit.

Und nun plötzlich die Einladung nach Valparaiso. Christian Stolzenburg und seine Geschwister werden Gäste bei Konferenzen, Filmen und Ausstellungen sein und bei der Enthüllung der Gedenktafel in Erinnerung an die Passagiere, auf der auch der Name ihres Vaters stehen wird. Am Montag, dem Jahrestag, wird es im Hafen eine große Inszenierung geben: Künstler spielen Überfahrt und Ankunft der „Winnipeg“ nach. Christian Stolzenburg hofft, Menschen zu treffen, die auch Angehörige auf dem Schiff hatten. Er will alles aufschreiben, was in diesen Tagen passiert, um es seinen Kindern und Enkeln zu erzählen. Denn etwas will er anders machen als sein Vater. Freimut Stolzenburg hat nichts von dem erzählt, was hier so viele Menschen versammelt: wie es damals war mit Spanien, der Flucht, dem Dichter, dem Schiff und der rettenden Überfahrt. Niemand kennt die Gründe für sein Schweigen. „Und ich wäre doch so gerne stolz auf ihn gewesen“, sagt Christian Stolzenburg.