Alle 30 Minuten soll auf den wichtigsten Strecken des Fernverkehrsnetzes ein Zug fahren.
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BerlinWenn es um große Visionen für den Schienenverkehr der Zukunft geht, ist häufig vom sogenannten „Deutschlandtakt“ die Rede. Gemeint ist damit ein deutschlandweit abgestimmter Fahrplan. Das Prinzip: Alle 30 Minuten soll auf den wichtigsten Strecken des Fernverkehrsnetzes ein Zug fahren, der Regionalverkehr würde daran angepasst. Das soll reibungsloseres Umsteigen möglich machen, den Frust bei Verspätungen vermindern und Städte anbinden, die bisher nicht an den Fernverkehr angeschlossen waren.

Geht es nach Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU), wird der „Deutschland-Takt“ bis 2030 eingeführt. Schritt für Schritt. Ab 2021 soll zwischen Berlin und Hamburg alle 30 Minuten ein ICE rollen.

Deutschlandtakt erfordert hohe Investitionen

Das jedoch erfordert gewaltige Investitionen ins Netz, in Züge und zusätzliches Personal. Nach einer Studie der Beratungsgesellschaft KCW für die Grünen-Bundestagsfraktion wäre das aber nicht ausreichend. „Es steht zu befürchten, dass die Grenzen des Wachstums mit der aktuellen Organisation und Finanzierung des Fernverkehrsangebots bald erreicht sein werden“, heißt es in dem Gutachten. Das bestehende Marktmodell habe dazu geführt, dass viele Städte vom Fernverkehr abgehängt worden seien.

Marktmodell bedeutet, dass Eisenbahn-Unternehmen „eigenwirtschaftlich“ Fernverkehr anbieten, nicht im Auftrag. Sie erhalten – von Ausnahmen abgesehen – keine Zuschüsse und keine staatlichen Entgelte dafür. Und sie stehen miteinander im Wettbewerb.

Grüne fordern neues Organisationsmodell

Laut KCW-Studie sind zahlreiche Oberzentren nicht oder nicht mehr direkt an den überregionalen Verkehr angebunden. Dazu zählen etwa Städte wie Görlitz, Cottbus, Bremerhaven, Mönchengladbach, Brandenburg, Potsdam oder Heilbronn. Sie alle kommen jeweils auf weniger als vier Fernverkehrszugpaare am Tag.

Die Grünen fordern Abhilfe. „Der Deutschlandtakt wird sich nicht von selbst einstellen und kann auch nicht allein der Deutschen Bahn AG überlassen werden, wie das unzureichende Angebot abseits der Magistralen zeigt“, sagte Matthias Gastel, bahnpolitischer Sprecher der Grünen-Bundestagsfraktion und fordert ein neues Organisationsmodell für den Fernverkehr auf der Schiene.

Das Gutachten von KCW spielt zwei Alternativen durch: zunächst ein Modell mit günstigeren Preisen für die Nutzung bestimmter Strecken. So werden verringerte Gebühren für das Anbieten von Fernzügen auf Strecken vorgeschlagen, auf denen der „Deutschlandtakt“ gefahren wird.

Stärkere staatliche Steuerung wird empfohlen

Die Hoffnung: Auch heute nicht mehr bediente Fernverkehrsverbindungen wie zwischen Görlitz und Cottbus oder Leipzig und Chemnitz würden so wieder attraktiv. Für lukrative „Rennstrecken“ könnten dagegen Neubaustreckenzuschläge verlangt werden. Und um ein „Rosinenpicken“ der Anbieter zu verhindern, könnte am Ende sogar eine Bedienpflicht für ganze Trassenbündel eingeführt werden.

„In einem weiteren Schritt sollte der Bund den Übergang zum Konzessionsmodell organisieren. In diesem Modell besteht die höchste Verbindlichkeit, dass das Angebot des Deutschlandtakts tatsächlich auch gefahren wird und sich so der Nutzen für den Fahrgast entfalten kann“, erläutert Grünen-Bahnexperte Gastel. Durch Mischung von starken und eher schwachen Fernverkehrsstrecken werde auch wirtschaftlich möglichst für ein tragfähiges Angebot gesorgt.

Tatsächlich plädiert die Studie nicht nur für mehr Fernzug-Wettbewerb, was bei der Bahn nicht gerade auf Begeisterung stoßen wird. Empfohlen wird auch eine stärkere staatliche Steuerung: Deutschland sei das einzige EU-Land ohne eine nationale Institution   mit Zuständigkeit für die Bestellung von Fernverkehr. Dann trüge der   Bund allerdings „das direkte wirtschaftliche Risiko“.

Milliarden für Eisenbahnbrücken

Damit gefahren werden kann, muss aber erst mal die Infrastruktur stimmen. Die Bahn will in den kommenden zehn Jahren rund 2000 ihrer insgesamt 25 000 Eisenbahnbrücken sanieren. Dafür sind in den ersten fünf Jahren rund vier Milliarden Euro eingeplant, für die Jahre 2024 bis 2029 weitere fünf Milliarden Euro, wie die Bahn am Freitag mitteilte.

Infrastruktur-Vorstand Ronald Pofalla erklärte, insgesamt stünden ab 2020 rund 86 Milliarden Euro für die Schieneninfrastruktur in Deutschland zur Verfügung. Das sei eine Rekordsumme und „das richtige Signal für die dringend benötigte Verkehrswende in Deutschland“. In den vergangenen fünf Jahren wurden den Angaben zufolge bereits 900 Brücken für drei Milliarden Euro erneuert.

Damit habe die Bahn ihr Ziel, in fünf Jahren 875 Brücken umfassend zu modernisieren, „deutlich übertroffen“, erklärte der Konzern. Die 900. Brücke wurde demnach „pünktlich zum Jahresende“ fertiggestellt. Sie überspannt eine Straße in Zepernick am nordöstlichen Stadtrand Berlins.