Wollte eine Partnervermittlungsagentur ein Beispiel für den Erfolg der eigenen Arbeit präsentieren, dann könnte sie Fotos wie jenes aus Hannover verwenden. Im Congress Centrum der Stadt zeigten sich ein Mann und eine Frau, die in allem sehr stimmig wirkten. Dabei haben Annalena Baerbock und Robert Habeck dort nicht etwa geheiratet.

Sie wurden nur an die Spitze einer rund 65.000 Mitglieder starken Partei namens Bündnis90/Die Grünen gewählt. Es ist überdies theoretisch denkbar, wenn auch nicht wahrscheinlich, dass die Delegierten das Paar bei der nächsten Wahl in zwei Jahren wieder trennen. Mindestens bis dahin allerdings haben sie ein charismatisches Duo an die Spitze gesetzt und damit jene Erneuerung vollzogen, die anderen Parteien noch bevorsteht.

Grünen haben Reifeprozess durchlaufen

Nun sind Optik und Harmonie in der Politik durchaus wichtig. Auch sind die Neuen nicht bloß relativ jung. Sie sind überdies schon einigermaßen erfahren, haben Herz und Verstand. Und: Sie können eine Partei übernehmen, die ihre inneren Widersprüche anders als Sozialdemokraten und Linke zu moderieren weiß und in den Jamaika-Sondierungen einen Reifeprozess durchlaufen hat. Doch das alles und der Appeal von Aufbruch sind keine Garantie dafür, dass es so weiter geht – oder gar dafür, dass die Grünen die taumelnde SPD wie erhofft als kleine Volkspartei ablösen werden. Insbesondere der Bundeshoffnungsträger Habeck steht vor einer entscheidenden Bewährungsprobe.

Das gilt zunächst persönlich. Seit der 48-Jährige 2002 in die Partei eintrat, ist ihm alles zugefallen: der Vorsitz in Schleswig-Holstein, das Amt des Fraktionschefs, die Ministerkarriere. Bei der Urabstimmung über die Spitzenkandidaten bei der Bundestagswahl lag er mit lediglich 75 Stimmen hinter Cem Özdemir. Im Vorfeld der Entscheidung über den Parteivorsitz auf Bundesebene haben andere Interessenten ihre Ambitionen in dem Augenblick zurück gestellt, als Habeck sich erklärt hatte.

Dieses Übermaß an Erfolg ist nicht immer gut, auch für den Gehypten nicht. An manchen Tagen scheint er ein bisschen abzuheben. Das Begehren nach einer Satzungsänderung war ein Indiz dafür. Niemand sonst hätte sie gekriegt. Die Eingangsbemerkung, er wolle „Pi mal Daumen“ noch ein Jahr im Amt bleiben, war reichlich leger. Selbst in Hannover hat sich Habeck nicht die Mühe gemacht, zu begründen, warum er sie eigentlich braucht. Stattdessen hat er gesagt: Wenn ich die Satzungsänderung nicht kriege, dann mache ich es nicht. Das war am Rande der Hybris.

Habeck kann Lust auf Politik machen

Politisch wird es für den Mann aus dem Norden ebenfalls nicht einfacher. Er hat fraglos Qualitäten, die andere nicht haben. Habecks herausragende Qualität besteht darin, dass er den Leuten Lust auf Politik machen kann wie derzeit kein zweiter Politiker in Deutschland. Dass da einer den Optimismus verbreitet, dass es im besseren Sinne anders werden könnte, ist in dieser düsteren Gegenwart und vielleicht dunkleren Zukunft von unschätzbarem Wert. Die Qualität potenziert sich noch, wenn er mit Baerbock gemeinsam auftritt. Habecks Zugang ist jedoch manchmal sehr feuilletonistisch.

Das reicht, wenn man noch mehr oder weniger an der Seitenlinie steht und Projektionen auf sich zieht. Es reicht nicht mehr, wenn man als Vorsitzender jeden Tag sehr konkret Stellung nehmen muss zu sehr konkreten politischen Fragen. Im Übrigen ist Habecks politische Verortung durchaus diffus. Das hat seine Bewerbungsrede erneut bewiesen. Da zeigte er sich als Umverteiler, dem die Spaltung in Arm und Reich ein Dorn im Auge ist. Als solcher ist er bislang aber nicht aufgefallen. Die Rede erinnerte an Habecks Strategie bei den Urwahlforen.

Grüne stehen vor einem Dilemma

Auch seinerzeit hat er die gesellschaftliche Spaltung beklagt. Als es um die Frage ging, ob die Grünen die Wiedereinführung der Vermögenssteuer fordern sollten, hat er indes abgewunken; Habeck wollte nicht über Instrumente sprechen. Damit wird er als Parteivorsitzender nicht mehr durchkommen. Er wird damit nach innen nicht durchkommen. Denn Habeck muss künftig die Flügel einbinden. Und sollte er tatsächlich einen Linkschwenk versuchen, dann wird ihm Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann früher oder später öffentlich signalisieren, dass er das für falsch hält.

Der Özdemir-Nachfolger wird damit auch nach außen nicht durchkommen. Die Grünen stehen nämlich ähnlich wie die SPD vor dem Dilemma, dass zu viel linkes Profil sie Stimmen in der Mitte kosten könnte – und umgekehrt. Es gilt der Satz von Joschka Fischer, eine Art Ahnherr Robert Habecks: „Die Verwandlung des Amtes durch den Menschen dauert etwas länger als die Verwandlung des Menschen durch das Amt.“

Es wird spannend sein, diesen Prozess zu beobachten. Es wird ebenso spannend sein, zu sehen, ob und wie Baerbock und Habeck einander begrenzen, ergänzen oder beflügeln. So strahlende Fotos wie am Samstag aus Hannover wird es vermutlich so schnell nicht wieder geben.