Berlin -  Es war in den letzten Tagen viel die Rede davon, die Grünen entwickelten sich zur stabilisierenden Kraft in der deutschen Politik. Anders als die Union nominierten sie ihre Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock ohne interne Querelen, und im Bund erscheint ein Rekordergebnis wahrscheinlich. Aber würden sie das auch in Berlin hinkriegen, Keimzelle der Grünen, wo der Landesverband die Tradition des internen Streits leidenschaftlich pflegt?

Am Sonnabend bestand zumindest Spitzenkandidatin Bettina Jarasch die Probe. Beim Parteitag in Moabit wurde sie nach der Nominierung im Herbst auch formal zur Spitzenkandidatin für die Abgeordnetenhauswahl gewählt. Und die Delegierten stellten sich unerwartet einig hinter sie: Jarasch bekam 138 von 141 Stimmen, 97 Prozent also. Langen stehenden Applaus bekam sie anschließend, und ein wenig applaudierten sich die Grünen wohl auch selbst, dass ihnen das gelungen war.

„Es beginnt eine neue Zeit“, versprach Jarasch. „Mit einer grünen Kanzlerkandidatin. Mit einer grünen Berliner Bürgermeisterkandidatin. Mit Frauen ganz oben.“ An die Adresse der Berliner SPD sagte Jarasch: „Wenn eine Kraft zu lange regiert, ob gut oder schlecht, dann ist sie erschöpft.“ Tatsächlich haben die Grünen nach aktuellen Umfragen gute Chancen, die Sozialdemokraten als stärkste Kraft abzulösen. Sie stehen bei 23 Prozent und könnten damit die nächste Koalition anführen.

In ihrer Bewerbungsrede versprach Jarasch konsequente Klimaschutzpolitik, weitere Bemühungen um die Verkehrswende und eine soziale Wohnungsbaupolitik. So sollen die Verwaltungen künftig feste Kohlendioxid-Budgets erhalten, Radwege sollen ausgebaut und die fast fertige Stadtautobahn A100 „abgespeckt“, gemeinwohlorientierte Vermieter bevorzugt werden. „Wir geben die Stadt den Menschen zurück, Stück für Stück“, gelobte Jarasch.

Berliner Grüne wählen ihre Fraktionsvorsitzende Kapek auf Platz 2

Weil sie mit vielen Mandaten rechnen, stellten die Grünen bei dem Parteitag, der noch bis Sonntagabend dauerte, auch viele Kandidaten auf. Auf den vorderen Plätzen stehen bekannte Vertreter wie die Fraktionschefinnen Antje Kapek und Silke Gebel, der Parlamentarische Geschäftsführer Daniel Wesener und Landesparteichef Werner Graf. Für die Liste galten mehrere Quoten: Jeder zweite Platz ging an eine Frau, jeder dritte an Kandidaten ohne vorherige Parlamentserfahrung. Außerdem sollten die Außenbezirke stärker berücksichtigt werden – so gehört der aktuellen Fraktion im Abgeordnetenhaus kein einziges Mitglied aus Spandau an.

Die nächste Grünen-Fraktion im Abgeordnetenhaus, auf deren Unterstützung Jarasch als Regierende Bürgermeisterin angewiesen wäre, wäre darum deutlich anders zusammengesetzt als die jetzige. Sie rückt möglicherweise auch nach links. Beim Kampf um die Listenplätze dominierte zumindest der linke Flügel den Wettstreit. Die zur politischen Mitte orientierten Kandidaten, zu denen auch Jarasch zählt, hatten mehrfach das Nachsehen. So musste sich die respektierte Bildungspolitikerin Stefanie Remlinger aus Pankow mit Listenplatz 17 begnügen – vom sicheren siebten Platz verdrängte sie die 21-jährige Klara Schedlich von der Grünen Jugend aus Reinickendorf.

Vorgänge wie dieser lösten aufgeregte Tuscheleien am Rande des Parteitags aus – im Vorfeld hatte es andere Absprachen gegeben. Dass die Parteilinke sie brach, liegt offenbar auch in ihrer gestärkten Position. Die Berliner Grünen haben ihre Mitgliederzahl in den vergangenen fünf Jahren knapp verdoppelt auf 11.000. Viele der Neumitglieder sind in der linksorientierten Grünen Jugend organisiert.

Unklar ist aber, welche Bedeutung die Landesliste hat. Sollten die Grünen tatsächlich stärkste Kraft werden, dann dürfte nämlich auch die Zahl ihrer Direktmandate stark wachsen.