Grünen-Politiker Sven Lehmann über Queerpolitik, Homophobie und die Ehe für alle

Joseph Beuys schaut zu. Mit wildem Blick wacht der Künstler über alle Gespräche, die in Sven Lehmanns Büro geführt werden. Lehmann hat die Fotografie auch deshalb aufgehängt, weil ihm Beuys’ individualistischer Ansatz zusagt. „Mit seinem Credo ‚Jeder Mensch ist ein Künstler‘ kann ich sehr viel anfangen.“ Noch besser gefällt dem Politiker das Foto, das daneben hängt. Es zeigt einen jungen Mann, der melancholisch unter seiner Mütze hervorguckt. Oder ist es eine Frau? Lehmann mag das Bild genau deshalb: weil sich die Person nicht sofort zuordnen lässt. Weil ihr Anblick dazu anregt, sich zu fragen, warum der Geist immer versucht, Gesehenes zu kategorisieren und in Schubladen zu stecken: Mann, Frau, schwul, lesbisch, hetero. Und warum, was sich nicht gleich zuordnen lässt, Unruhe hervorruft. Das Bild ist ein Symbol für das, was Sven Lehmann antreibt. Bei seiner Arbeit als Sprecher für Sozial- und Queerpolitik in der Grünen-Fraktion des Bundestages und überhaupt als Politiker. Und als Mensch.

Geboren wurde Lehmann 1979 in Troisdorf, einer 77 000-Einwohner-Stadt zwischen Köln und Bonn. Es war ein kleinbürgerliches Umfeld. „Die Art zu leben und zu lieben war normiert“, sagt er. Man ging zur Schule und in die Kirche, wurde Messdiener und Pfadfinder. Die Erwartung war: Hochzeit, Kinder, eigenes Haus. Er habe das als „gesellschaftliche Einengung“ empfunden. Raum für alternative Lebensentwürfe gab es kaum. 

Man ist geneigt anzunehmen, dass das der Grund für sein Engagement ist, dass es mit Diskriminierungen zu tun haben muss, die er als homosexueller Mann doch sicher erlebt hat in diesem Umfeld. Und Lehmann sagt selbst, dass er aus privaten Situationen auch politische Positionen ableitet. „Da bin ich ganz 68er-mäßig: Das Private ist politisch.“ 

Eine Karriere als Berufspolitiker war nicht geplant

Tatsächlich hat er Diskriminierung am eigenen Leib zu jener Zeit aber gar nicht erlebt. Seine politische Leidenschaft hatte andere Gründe: „Ich hatte einfach schon früh das Bedürfnis, etwas zu verändern.“ Den Ausschlag, Grünen-Mitglied zu werden, gab der Kosovo-Einsatz 1999. „Ich wollte an einer kritischen Debatte darüber teilnehmen.“ Die Grünen waren die nachvollziehbare Wahl als Partei, „die eine gesellschaftliche Vielfalt ausgestrahlt hat.“ Eine Karriere als Berufspolitiker hatte Lehmann nicht geplant. Sein Studium der Politikwissenschaften, Romanistik und Pädagogik hätte ihn auch woandershin treiben können. 

Andererseits ist es kein Zufall, dass er jetzt dort ist, wo er ist. Und es hat sicher auch damit zu tun, dass er nicht so lebt und liebt, wie es den immer noch verbreiteten sogenannten bürgerlichen Normen entspricht. 

Seit mehr als 15 Jahren ist Lehmann mit Arndt Klocke zusammen, dem Fraktionsvorsitzenden der Grünen im nordrhein-westfälischen Landtag. Sie leben in Köln. Hier ist Lehmanns Wahlkreis, 2017 wurde er in den Bundestag gewählt. Sven Lehmann sagt „mein Mann“, wenn er von seinem Lebensgefährten spricht. Verheiratet sind die beiden noch nicht. Aber sie könnten es jetzt sein. 

Verheiratet ist Sven Lehmann noch nicht

Seit mehr als 15 Jahren ist Lehmann mit Arndt Klocke zusammen, dem Fraktionsvorsitzenden der Grünen im nordrhein-westfälischen Landtag. Sie leben in Köln. Hier ist Lehmanns Wahlkreis, 2017 wurde er in den Bundestag gewählt. Sven Lehmann sagt „mein Mann“ wenn er von seinem Lebensgefährten spricht. Verheiratet sind die beiden noch nicht. Aber sie könnten es jetzt sein. 

Natürlich sei die Öffnung der Ehe für gleichgeschlechtliche Paare vor gut eineinhalb Jahren ein wichtiger Schritt gewesen, sagt Sven Lehmann, ein großes Symbol, und, ja ein Grund zum Feiern. Es habe sich viel getan in den letzten 20 Jahren. Schwule und Lesben sind viel sichtbarer geworden, in den Medien, im Film, in der Musik. „Außerdem gibt es ein viel größeres gesellschaftliches Bewusstsein für Trans- und Intersexualität.“  Es ist normaler geworden, anders zu sein.

Gleichzeitig, sagt Lehmann, gebe es eine Rückwärtsbewegung. „Genau diese Entwicklung hin zur Normalität wird jetzt angegriffen. Von denen, die sagen: ‚Ihr habt doch alles erreicht, was ihr wolltet!‘ Das finde ich gefährlich.“ Er meint nicht nur die Tatsache, dass Schwule, Lesben, Inter- und Transsexuelle immer noch Diskriminierungen und Gewalt ausgesetzt sind. Sondern auch die Angriffe, die aus dem konservativen politischen Lager kommen. Wenn eine CDU-Chefin über das „dritte Geschlecht“ witzelt. Wenn eine Forschungsministerin öffentlich darüber sinniert, ob es Kindern zuzumuten sei, bei homosexuellen Paaren aufzuwachsen, weil sie möglicherweise Diskriminierung in der Schule ausgesetzt sind. Als seien die homosexuellen Eltern das Problem und nicht die, die ihren Kindern einreden, es sei etwas Unnormales, zwei Mütter oder zwei Väter zu haben. „Kinder nehmen Menschen so, wie sie sind. Für meine Patenkinder ist es völlig normal, dass mein Mann und ich ein Paar sind. Deswegen ist es auch keine persönliche Meinung, wenn eine Politikerin oder ein Politiker sagt: ‚Die Ehe ist etwas zwischen Mann und Frau.‘ Es ist eine politische Haltung, die andere Lebensverhältnisse abwertet.“

Das Klima ist wieder rauer geworden

Dass das Klima wieder rauer geworden ist, empfindet Lehmann nicht nur als schlechtes Zeichen: „Wenn mehr Hasskriminalität gegenüber Lesben oder Schwulen gemeldet wird, dann heißt das auch: Diese Menschen verstecken sich nicht mehr. Sie trauen sich, Anzeige zu erstatten. Die Gesellschaft ist moderner und aufgeschlossener geworden. Aber die, die die Errungenschaften zurückdrehen wollen, melden sich eben auch wieder umso lauter.“

Dafür, dass andere Politiker ihr Schwulsein nicht thematisieren, fehlt ihm das Verständnis. „Den Luxus, die eigene Homosexualität nicht zum Thema zu machen, kann man sich ja nur erlauben, weil es Menschen gibt, die es zum Thema machen. Die Ehe für alle gibt es ja auch nur, weil andere lange dafür gekämpft haben.“ Von anderen homosexuellen Abgeordneten erwarte er deshalb Solidarität. „Ich setze mich als schwuler Mann auch für Transsexuelle und andere Minderheiten ein, auch in anderen Ländern. Weil ich weiß, was es bedeutet, diskriminiert zu werden, nur weil man so ist, wie man ist.“