Grünen-Spitzenkandidatur: Cem Özdemir, Anton Hofreiter und Robert Habeck kämpfen um die Aufstellung zur Bundestagswahl 2017

Berlin - Seit fast acht Jahren ist Cem Özdemir Parteivorsitzender, für diesen nicht ganz einfachen Posten bei den Grünen ist das eine Ewigkeit. Und so hält der Politiker, der Spitzenkandidat seiner Partei für die Bundestagswahl werden will, auf dem Länderrat der Grünen in Berlin keine klassische Bewerbungsrede, sondern die eines Vorsitzenden.

Auf der Bühne hält Özdemir locker die Hände in die Hüften und berichtet, er komme gerade von der Einschulung seines Sohnes. Dann spricht er über die Welt, welche man den Kindern mal hinterlassen werde, über das Recht auf Bildung und die Herausforderung der Integration von Flüchtlingen an den Schulen. Er kritisiert CSU-Chef Horst Seehofer, sagt aber zugleich auch, er habe jetzt in der Bundesgeschäftsstelle eine eigene Abteilung für die Exegese der Äußerungen des SPD-Vorsitzenden Sigmar Gabriel eingerichtet. Schließlich gibt es noch eine Mahnung an die Partei, sich nicht in Koalitionsdebatten und Flügelkämpfen zu verstricken. Das Übliche halt.

„Ich muss mich nicht strecken, ich bin schon groß“: So könnte man den Subtext von Özdemirs Auftritt zusammenfassen, auch wenn er das natürlich nie so sagen würde. Ist das Selbstbewusstsein echt oder gespielt? Jedenfalls befindet Özdemir sich – routinierter Auftritt hin oder her – in einer nicht ganz einfachen Lage.

Schaulaufen der Kandidaten

Über die Spitzenkandidatur bei den Grünen stimmen die Mitglieder in einer Urwahl ab, wie der Länderrat – auch Kleiner Parteitag genannt – am Samstag einstimmig beschlossen hat. Eine Frau und ein Mann sollen die Partei in die Bundestagswahl 2017 führen. Während bei den Frauen Katrin Göring-Eckhardt mangels ernstzunehmender Gegenkandidatin als gesetzt gilt, treten bei den Männern gleich drei Parteiprominente gegeneinander an: Özdemir, Bundestagsfraktionschef Toni Hofreiter und Schleswig-Holsteins Umwelt- und Agrarminister Robert Habeck. Ausgang ungewiss, mit Karriererisiken für alle Beteiligten.

Habecks Rede beim Schaulaufen der Kandidaten hat es in sich. „Wir müssen ein anderes Politikangebot machen – habituell, aber auch in der Sache“, ruft er den Delegierten des Länderrats zu. Nichts werde besser, wenn die Grünen einfach nur sagten: „Keiner soll die AfD wählen.“ Die Partei müsse sich raus aus dem eigenen Milieu trauen und versuchen, breite gesellschaftliche Mehrheiten zu organisieren. Dabei müsse sie auch Antworten für das Gefühl der Verunsicherung in der Bevölkerung anbieten. Die Botschaft hinter diesen Sätzen ist klar: Die aktuelle Parteispitze, also auch Özdemir, traut den Grünen aus Habecks Sicht nicht genug zu, führt die Partei zu sehr in die Nische. Eine harsche Kritik.

Özdemir gehört zum Realo-Flügel der Partei. Habeck betont seine Unabhängigkeit von den Flügeln, ist aber alles andere als ein Parteilinker. Der lachende Dritte könnte am Ende also womöglich der Fraktionsvorsitzende Toni Hofreiter sein, der zum linken Flügel gehört. Der präsentiert sich in Berlin mit einer kämpferischen Rede: hart gegen die AfD und begeistert von klassischen grünen Inhalten wie der Gleichberechtigung von Mann und Frau und der Ehe auch für Homosexuelle.

Angst vor Sieg Hofreiters

Wenn Habeck und Özdemir sich gegenseitig Stimmen wegnehmen sollten, könnte Hofreiter profitieren. Nur: Selbst viele auf dem linken Parteiflügel haben mit Blick auf den Wahlkampf Angst vor einem Sieg Hofreiters. Dieser ist zwar ein engagierter Redner, aber nicht der beste. Andererseits stellen sich auch Realos die Frage, ob es nicht womöglich besser wäre, an der Seite von Göring-Eckardt einen Parteilinken zu haben, der eben diesen Flügel – wenn es denn so kommen sollte – auch mit in eine schwarz-grüne Koalition führen könnte.

Wer immer für die Grünen zur Bundestagswahl 2017 aufgestellt ist oder aber zumindest ein entsprechendes Unterstützungsvotum eines Kreisverbandes vorweist, kann noch bis zum 17. Oktober seine Bewerbung für die Spitzenkandidatur einreichen. Danach sind mehrere Foren geplant, bei denen die Bewerber der Parteibasis Rede und Antwort stehen sollen. Die Mitglieder können ihre Stimmen dann per Briefwahl bis Mitte Januar des nächsten Jahres abgeben. Ganz gemäß dem Slogan für die Urwahl: „Basis ist Boss.“