Grünen-Wahlkampf: Schleswig-Holsteins grüner Umweltminister Robert Habeck als Geheimwaffe

Elmshorn - Noch bevor der Grüne eintrifft, ist der erste Interessent schon zur Stelle. „Sollte nicht Herr Habeck hier sein?“, fragt er dringlich. Nachdem einer der Wahlkampfhelfer einräumen muss, dass der sich leider verspätet, erwidert der alte Herr: „Da hat er Pech gehabt.“ Und stürmt davon. Wenige Minuten darauf ist Habeck da und motzt eher spaßeshalber: „Habt Ihr in Elmshorn keine Parkplätze oder was?“ Dann schnappt er sich einen Packen mit den Wahlkampfbroschüren samt der angehefteten Kugelschreiber – und legt los.

In Elmshorn ist Wahlkampf Nahkampf

Der 47-Jährige ist nicht allein. Direkt gegenüber an dem schmalen Übergang von der Elmshorner Innenstadt zu dem großen Parkplatz mit dem Wochenmarkt hat auch die CDU einen Stand aufgebaut. Rechts daneben ist die FDP mit einem Bistrotisch. Dazwischen liegen jeweils nur vier bis fünf Meter. An diesem Nadelöhr nördlich von Hamburg ist Wahlkampf Nahkampf.

Habeck ist Umweltminister in der „Küstenkoalition“ aus SPD, Grünen und Südschleswigschem Wählerverband. Vizeministerpräsident und populärster Politiker im Land ist er ebenfalls. Bei der Landtagswahl am Sonntag geht es neben der Frage, ob das so bleibt, aber auch darum, ob der studierte Philosoph und Schriftsteller anschließend für die Bundes-Grünen eine hervorgehobene Rolle spielen soll – wenngleich er bei der Urwahl der Spitzenkandidaten gegen den gleichfalls populären Parteivorsitzenden Cem Özdemir unterlegen war. Auf Habeck entfielen nämlich nur 75 Stimmen weniger. Und wenn die Landtagswahl trotz guter Umfragen verloren geht, wäre er ohne Ministeramt und ohne Mandat, da er für den Landtag nicht kandidiert. Ein Talent ohne Job.

Zumal angesichts der schlechten Umfragen in Nordrhein-Westfalen und auf Bundesebene sowie der sehr guten zwölf Umfragen-Prozente für die Grünen zwischen Nord- und Ostsee gibt es deshalb Spekulationen, Habeck könne Özdemir als Spitzenkandidat ablösen oder – das wäre realistischer – auf dem Parteitag im Juni zum Parteichef gewählt werden und so zu einer Art drittem Spitzenkandidaten aufrücken. Beides wäre eine Reaktion unter wachsendem Druck. Man könnte auch sagen: Eine Kurzschlussreaktion.

Habeck steht voll hinter den Grünen-Spitzenkandidaten

Zwar sagt Habeck während einer stillen Minute am Randes des Wochenmarktes von Elmshorn: „Ich halte das alles für Tüddelkram. Das Motto der Urwahl lautete Basis ist Boss. Und Katrin (Göring-Eckardt) und Cem haben gewonnen und meine volle Unterstützung. Alle sollten jetzt mal die Klappe halten.“ Er, der sich als normaler Wahlkämpfer einreihen will, hat jedoch gerade erst einen Aufsatz geschrieben, wohin es aus seiner Sicht mit den Grünen gehen soll. Überdies gab es kürzlich diesen Habeck-Tweet, der besagte, die zwölf Prozent auf Landesebene seien „die richtige Antwort“ auf die sechs Prozent im Bund. Das las sich wie: Wir wissen, wie es geht.

Die zwei Stunden auf dem Wochenmarkt von Elmshorn geben wiederum eine ganz eigene Antwort.

Wohl ist da dieser Mann, der findet, Habecks Flirt mit der Bundesebene zeige, er habe „gar kein Interesse“ an Schleswig-Holstein. „Der will nach Berlin.“ Ansonsten wird der unrasierte Minister mit der Kapuzenjacke und dem strubbeligen Haar mit Sympathie-Bekundungen geradezu überschüttet. Ein Mittsechziger sagt: „Das einzige Argument für die Grünen steht hier vor mir.“ Eine ältere Dame kommentiert: „Die Grünen sind langweilig geworden.“ Und fährt mit Blick auf eine Talkshow, die sie kurz zuvor gesehen hat, mit glänzenden Augen fort: „Sie hätten das aufgemischt.“ Eine andere Frau läuft vorüber und ruft: „Viel Glück am Sonntag!“ Und eine Dritte tut an Habeck gewandt kund, sie sei unlängst zu einer Veranstaltung nach Schleswig gefahren, „um zu gucken, ob Sie wirklich so ein netter Mann sind. Ich wünsche mir, dass Sie auch in Berlin was zu sagen haben.“ Schließlich vergehen abermals bloß ein paar Minuten, bis eine Rentnerin mit Partner wissen lässt: „Wir finden Sie gut.“

Die eine Hälfte vor allem der älteren schleswig-holsteinischen Frauen – so scheint es – wird Habeck am Sonntag wählen. Die andere Hälfte würde ihn am liebsten heiraten. Als irgendjemand zum  Umworbenen sagt: „Das haben Sie bestellt, oder?“, gibt der zurück: „So ist es immer.“

Nach 90 Minuten steht der hoch aufgeschossene FDP-Kandidat mit der gelben Krawatte, der aussieht wie ein Immobilienmakler, wie ein Boxer nach K.O.-Schlag in der Ecke. Er wird im Schatten des Grünen-Freaks seine Broschüren nicht mehr los. Die CDU hat längst das Feld geräumt. Mit Habeck plaudern zwei ältere Damen. „Man nimmt ihm das ab, was er sagt“, sagt die eine. „Das würde ich auch sagen“, sagt die andere.