Alte Menschen gelten oft als Last für die Gesellschaft. Das war auch schon vor Corona so.
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BerlinDer Satz kam ganz unbeschwert und hoffnungsvoll daher. „Die nächste Phase lautet natürlich: Junge Menschen, die nicht zu den Risikogruppen gehören, dürfen wieder mehr auf die Straße“, sagte Kanzleramtschef Helge Braun, als er sich in der vergangenen Woche per App den Fragen junger Leute zum Thema Corona stellte. Das klang beruhigend, nach dem baldigen Ende des verordneten Hausarrests, nach der Aussicht auf Schule, Uni, Partys und Treffen mit Freunden. Es war ein leichtfertiger Satz.

Besonders irritierend war das Wort „natürlich“. Das klang, als gebe es eine stille Übereinkunft, dass Ausgangsbeschränkungen für jüngere Menschen eine Belastung sind, die es zu ertragen gelte, um den anfälligeren Teil der Gesellschaft nicht mit Krankheitserregern anzustecken, die dem vor Kraft strotzendem Körper eines 25-Jährigen – natürlich – nichts anhaben können.

Ein Teil der Gesellschaft wird gegen den anderen ausgespielt

Dass letzteres ein gefährlicher Trugschluss sein kann, ist wohl auch dem Kanzleramtschef bewusst, und zwar nicht nur, weil er selbst Mediziner ist. Vermutlich wollte er im Rahmen der gegebenen Möglichkeiten der Jugend eine gute Nachricht überbringen. Tatsächlich war es eine fahrlässige. Denn sie suggerierte die Option, einen Teil der Gesellschaft gegen den anderen auszuspielen.

Dabei geht es auch um wirtschaftliche Fragen. Die berechtigte Angst vor den ökonomischen Folgen der Krise führt zu ähnlichen Argumenten. Warum sollen junge, gesunde Arbeitnehmer zu Hause bleiben? Wäre es nicht sinnvoller, nur die Älteren in ihrer Bewegungsfreiheit zu beschränken? Abgesehen davon, dass mitnichten allein die jüngere Generation das ökonomische Rückgrat der Gesellschaft ist – wo sollte man so eine Altersgrenze ziehen? Bei 65? 70? Und wer ist nun wichtiger – die 65-jährige Ärztin oder der 30 Jahre alte Arbeitslose?

Was zählt, ist Leistung

Damit sind wir beim Kern der Corona-bedingten Altersdebatte: Sie offenbart ein grundsätzliches Ungleichgewicht in unserer Gesellschaft, in der Menschen nach ihrem ökonomischen Nutzen beurteilt werden. Was zählt, ist Leistung. Je weniger leistungsfähig Menschen sind, desto stärker ist dementsprechend das Bedürfnis, den eigenen Wert unter Beweis zu stellen. Denn: So lange ich etwas beitrage, im wirtschaftlichen Sinne, so lange ist mir mein gesellschaftlicher Nutzen sicher.

Wem aber nützen die Ältesten? Im Zweifel sitzen sie allein in großen Wohnungen und bekommen Renten, von denen Unter-40-Jährige nur träumen können. Und wenn sie im Pflegeheim landen, kostet das auch nur Geld. Alte Menschen – und damit sind eben nicht die 60-Jährigen gemeint – gelten spätestens mit dem Austritt aus der Berufstätigkeit als Last für die Gesellschaft, das war schon vor Corona so. Jetzt gibt es gewissermaßen den epidemiologischen Beweis obendrauf.

Älter, nicht dümmer

Man kann davon ausgehen, dass diejenigen, die besonders bedroht sind, mit schweren Symptomen an Covid-19 zu erkranken, sich der Gefahr bewusst sind. Denn sie sind im Zweifelsfall älter, aber nicht dümmer als ihre Mitmenschen.

Dass es 80-Jährige gibt, die trotzdem darauf beharren, in den Supermarkt zu gehen, ist kein Beweis für das Gegenteil. Für viele alte Menschen ist der Gang zum Supermarkt eine der wenigen Kontaktmöglichkeiten zur Außenwelt, die noch geblieben sind. Man kann das Altersstarrsinn nennen. Aber ist der verwerflicher als das Bedürfnis 30-Jähriger, sich zum Fußballspielen im Park zu treffen?

Nur die Älteren zu beschränken, hieße, einem Teil der Gesellschaft die in Artikel 3 des Grundgesetzes festgeschriebene Zusicherung, alle Menschen seien vor dem Gesetz gleich, zu entziehen.

Schutz der Schwächeren, aber nicht um jeden Preis

In einer solidarischen Gemeinschaft gilt es, die Schwächeren zu schützen, völlig unabhängig davon, welcher Altersgruppe sie angehören. Das ist nicht nur eine moralische, sondern auch eine in der Eigendefinition der Bundesrepublik als sozialer Staat im Grundgesetz festgeschriebene Pflicht.

Diese Pflicht darf aber nicht darin münden, nur einer bestimmten Altersgruppe Grundrechte zu verwehren. Das bedeutete, die Freiheit einer Gruppe geringer zu schätzen als die einer anderen. In der akuten Situation wäre das juristisch vielleicht sogar irgendwie begründbar. Es wäre deswegen aber nicht weniger falsch.