Guatemala-Stadt - Bis zum Ende blieb Efrain Rios Montt uneinsichtig. Wochenlang ließ er das Verfahren wegen Völkermordes und Verbrechen gegen die Menschlichkeit ungerührt an sich vorbeiziehen. Wenn der 86 Jahre alte Mann eine Regung zeigte, war es ein höhnisches Lächeln. Trotz seines hohen Alters aber wirkte der Ex-Diktator wach genug, alles mitzubekommen, was gegen ihn vorgebracht wurde. Am Freitag verurteilte ihn das Gericht zu 80 Jahren Haft. Damit wurde erstmals ein Diktator in seinem eigenen Land wegen Völkermords verurteilt. Bisher wurden solche Urteile nur von internationalen Gerichten gefällt

Erst bei Verkündung des Urteils zeigte er eine Reaktion: Das Verdikt basiere auf Mutmaßungen, das Verfahren sei eine „politische Show“. Und dann sagte er: „Niemals habe ich angeordnet, gegen eine Rasse, Ethnie oder religiöse Gruppe vorzugehen“. Seine Aufgabe als Staatschefs sei es gewesen, „die Nation wieder auf Kurs“ zur bringen.

Die Herrschaft von Rios Montt dauerte nur 504 Tage, dann wurde er gestürzt. Aber in der kurzen Zeit zwischen März 1982 und August 1983 erwarb sich der guatemaltekische Diktator den Ruf als mörderischster Gewaltherrscher Lateinamerikas. Seiner Tyrannei während des Bürgerkriegs schreiben Menschenrechtsorganisationen den Tod von 17.000 Oppositionellen, Linken und Indios zu.

Es ist ein historisches Urteil, das die drei Richter einer Strafkammer des guatemaltekischen Hochsicherheitstribunals fällten. Erstmals wurde ein Ex-Diktator von einem einheimischen Gericht wegen Genozids verurteilt. „In Guatemala wurde systematischer Völkermord am Maya-Volk der Ixil verübt “, sagte die Vorsitzende Richterin Jazmín Barrios. Rios Montt trage die Verantwortung für Folter, Mord, Vertreibungen und sexuelle Gewalt gegen die Ixil während seiner Regierungszeit.

Keiner steht über dem Gesetz

Der frühere General wurde für schuldig befunden, 15 Massaker angeordnet zu haben, bei denen 1771 Ixil getötet wurden. Teile der Urteilsverkündung gingen im Applaus der 800 Zuschauer unter. Die Kammer ging noch über den Antrag des Staatsanwalts hinaus: Die Strafe sei für einen alten Mann zwar ausgesprochen hoch, sagte Richterin Barrios. „Aber in diesem Fall hätten die Rechte der Opfer und die Gerechtigkeit Vorrang“, betonte die Juristin. Rios Montt kann gegen das Urteil noch Rechtsmittel einlegen. Vorerst aber sitzt er als Häftling Nummer 19 im Spezialgefängnis Matamoros ein. Bisher stand er lediglich unter Hausarrest.

Von dem Urteil gehe „eine starke Botschaft an Guatemala und die Welt aus, dass niemand, nicht einmal ein ehemaliges Staatsoberhaupt, über dem Gesetz steht, wenn es um Völkermord geht“, sagte José Miguel Vivanco, Amerika-Direktor von Human Rights Watch. Es sei durch die Beharrlichkeit und den Mut von Opfern, Staatsanwälten, Richtern, Gruppen der Zivilgesellschaft erreicht worden.

Der guatemaltekische Bürgerkrieg war einer der brutalsten Lateinamerikas. In dem fast vier Jahrzehnte währenden Feldzug wurden zwischen 1960 und 1996 knapp 200 000 Menschen getötet, vor allem Mayas und andere Ureinwohner. 45.000 Linke oder andere Oppositionelle wurden verschleppt, 5000 Kinder entführt. Eine Wahrheitskommission unter Leitung des Berliner Völkerrechtlers Christian Tomuschat befand vor 14 Jahren, dass für 93 Prozent der Gräueltaten an der Zivilbevölkerung die Streitkräfte oder die Todesschwadronen verantwortlich seien. Die übrigen Taten gehen auf das Konto der Guerilla.