MagdeburgIm Prozess um das Attentat von Halle im Oktober vergangenen Jahres hat ein psychiatrischer Sachverständiger dem Angeklagten Stephan B. volle Schuldfähigkeit bescheinigt. Zudem kam der Gutachter zu dem Schluss, dass B. aufgrund seiner tief verwurzelten psychischen Verfassung „mit hinreichender Wahrscheinlichkeit“ auch weiterhin solche schweren Straftaten begehen würde. Diese Einschätzung ist deshalb von Bedeutung, da das Gericht auch über eine mögliche Sicherheitsverwahrung des Angeklagten zu entscheiden hat.

B. hatte am 9. Oktober letzten Jahres vergeblich versucht, in die Synagoge in Halle einzudringen, um dort Juden zu töten. Aus Frust über den Fehlschlag tötete er eine zufällig vorbeikommende Passantin und einen jungen Mann in einem Döner-Imbiss. Nach seiner Festnahme wurde der Angeklagte im November und Dezember 2019 von dem Neurologen und forensischen Psychiater Norbert Leygraf insgesamt zwölf Stunden lang in der Haftanstalt befragt und untersucht. Auf der Grundlage dieser Befragungen und der Beobachtung von B. im Prozess erarbeitete der 67-jährige renommierte Experte ein vorläufiges Gutachten zur Persönlichkeit des Angeklagten und dessen Steuerungsfähigkeit, das er am Dienstag vor Gericht vorstellte.

In dem Gutachten kommt Leygraf zu dem Ergebnis, dass B. weder unter einer geistigen Krankheit noch unter Psychosen litt. Zwar sei der Angeklagte von Verschwörungsphantasien überzeugt, ein krankhafter Wahn und damit eine tiefgehende Bewusstseinsstörung lägen aber deshalb nicht vor. Gleichwohl diagnostizierte Leygraf bei Stephan B. eine komplexe Persönlichkeitsstörung mit schizoiden und paranoiden Anteilen sowie Autismusmerkmalen. Diese Störung, die Merkmale einer schweren seelischen Abartigkeit aufweise, äußere sich beispielsweise in B.s Unfähigkeit, sich in andere Menschen hineinzufühlen, in seiner gefühlskalten und emotionslosen Art sowie seinem Unvermögen einer partnerschaftlichen Lebensgestaltung. Dennoch beeinträchtige die seelische Abartigkeit nicht die Schuldfähigkeit des Angeklagten und auch nicht sein exekutives Steuerungsvermögen, ist sich Leygraf sicher. So habe B. nicht nur vermocht, die Tat komplex vorzubereiten, sondern auch sein Verhalten bei der Tatausführung den wechselnden äußeren Rahmenbedingungen anzupassen.

Ob auch nach Verbüßung einer langen Haftstrafe weiterhin Gefahr von B. ausgehen könnte, schloss Leygraf explizit nicht aus. Er könne keinen Hinweis auf eine mögliche Änderung der Einstellungen und Verhaltensdispositionen des Angeklagten erkennen, sagte der Psychiater. Auch habe B. in den Gesprächen kein Bedauern über die Tötung der beiden Opfer erkennen lassen, stattdessen geradezu fanatisch seine Überzeugungen einer angeblichen jüdischen Weltverschwörung vertreten.