Demonstrationen werden neuerdings mit zweierlei Maß bewertet.
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BerlinMehr als 15.000 Menschen setzten am Sonnabend auf dem Alexanderplatz ein Zeichen gegen Rassismus. Ein Zeichen der Solidarität mit George Floyd. Das ist gut, das ist wichtig. Die Reaktionen auf die Demonstration offenbaren aber einen brandgefährlichen Doppelstandard, der sich in der Corona-Krise entwickelt hat: Demonstrationen werden neuerdings mit zweierlei Maß bewertet.

Vor einer Woche protestierten laut Polizei rund 1500 Menschen in Booten auf dem Landwehrkanal für die Belange der seit März geschlossenen Clubs. Ja, die Demo-Route war schlecht gewählt. Ja, die Demonstration hatte am Ende eher Partystimmung. Wen wundert es? Eine Club-Demo ist kein Trauermarsch. Ansonsten waren die Parameter ähnlich wie auf dem Alexanderplatz: Alle Größenbeschränkungen für Demonstrationen waren schon gefallen. Es kamen einfach mehr Teilnehmer als erwartet – damit sind die Mindestabstände sofort dahin.

Die Club-Demo vor einer Woche? Mit 1500 Teilnehmern ein „Riesen-Rave“, purer „Hedo-Egoismus“, wurde in sozialen und klassischen Medien geschimpft. Und auch schon mal ein Dank an die „DJ-Trottel“ ausgesprochen, die uns die nächste Infektionswelle einbrocken. Die Gesundheitssenatorin zeigte sich „entsetzt“. Kaum Worte der Kritik hingegen an der Demonstration mit 15.000 Menschen auf dem Alex – denn da protestiert man ja selbst. „Sooo viele Menschen“, jubeln Journalisten da. „Komme kaum weiter.“ Abgeordnete posten Fotos von sich in der Menge, mit Mundschutz, aber null Abstand.

Plötzlich entscheidet nicht mehr die Versammlungsbehörde, welche Demo nach dem Infektionsschutz in Ordnung geht. Sondern die Meinungsmehrheit richtet, ganz nach Gusto. Das ist undemokratisch. Und darf sich keinesfalls verfestigen.

Rückkehr zur Normalität bedeutet in Bezug auf Demos für uns zuallererst: Bilder von Tausenden auf engem Raum wieder zu ertragen – egal, für welchen Zweck sie demonstrieren.