Operation Hackerazzi – so hieß der Fall vor drei Jahren bei der amerikanischen Bundespolizei FBI. Die Beamten suchten einen Mann, der sich unerlaubt Zugriff auf zahlreiche E-Mail-Konten prominenter Frauen verschafft hatte. Fast ein Jahr beobachtete Christopher Chaney, welche Mails die Stars verschickten, besonders interessierten ihn Nacktfotos von Scarlett Johansson. Inzwischen ist der Fall abgeschlossen. Der 36 Jahre alte Chaney wurde gefasst und zu einer langen Haftstrafe verurteilt: Zehn Jahre wird er nun im Gefängnis sitzen, 66 000 Dollar Strafe muss er zahlen.

Nervenkitzel und Narzissmus

Falls jemand geglaubt hat, das Urteil habe abschreckende Wirkung gehabt – das stimmt nicht. Am Montag wurde bekannt, dass ein neuer Hackerazzo sein Unwesen treibt. Die Liste der Opfer ist lang, auch Oscar-Gewinnerin Jennifer Lawrence und ihre Kollegin Kirsten Dunst sowie Popstar Rihanna, die kanadisch-französische Sängerin Avril Lavigne, die Klitschko-Verlobte Hayden Panettiere und die US-Fußballspielerin Hope Solo gehören dazu.

Die Empörung der Betroffenen ist groß. Lawrences Pressesprecher nannte die Tat einen abscheulichen Eingriff in die Privatsphäre und erklärte: „Wir haben die Behörden eingeschaltet und werden jeden belangen, der die gestohlenen Fotos postet.“ Victoria Justice (21), die durch die Jugendserie „Zoey 101“ bekannt wurde, bezeichnete die Fotos als Fälschung. „Diese sogenannten Nacktbilder von mir sind ein Fake“, schrieb sie bei Twitter. Die 29 Jahre alte Mary Elizabeth Winstead, bekannt aus „Stirb Langsam 4.0“, teilte mit, dass die Fotos echt seien. Sie habe die Aufnahmen aber vor langer Zeit gelöscht. Sie fragte sich, wie viel Anstrengung wohl nötig war, um die Fotos zu finden.

Bleibt die Frage, warum die Prominenten das Risiko eingegangen sind, über die Verurteilung des Hackerazzo wurde vor zwei Jahren weltweit berichtet, und die Tatsache, dass alles Wichtige von Computerexperten gehackt werden kann, ist nicht neu. Das hat die NSA nicht nur bei Angela Merkel gezeigt. Und auch nicht neu ist die Erkenntnis, dass es immer Menschen gegeben hat, die sich für kompromittierendes Bildmaterial interessierten, um andere zu erpressen.

Zu Opfern wurden in der Vergangenheit oft schwule Schauspieler, die heimlich mit ihren Lebenspartnern abgelichtet wurden, als gleichgeschlechtliche Beziehungen noch strafbar waren. Diesmal sind die Bilder für kurze Zeit auf einer Plattform zu sehen gewesen, von Erpressung war nicht die Rede.

Jörg Syllwasschy ist Psychologe und Sexualpädagoge bei der Bochumer Beratungsstelle von Pro Familia. Der moderne Umgang mit Sexualität ist sein Thema. Er ist sich nicht sicher, was in diesem Fall überwiegt. Einerseits vermutet er eine gewisse Naivität der Opfer, die möglicherweise doch nicht damit gerechnet haben, dass jemand ihre Daten finden könnte.

Andererseits geht es auch um Narzissmus und Selbstverliebtheit, wenn sich jemand mit dem Handy nackt fotografiert und solche Aufnahmen dann noch archiviert. Nicht zu vergessen der Nervenkitzel, etwas Grenzwertiges und Anstößiges zu tun. Und vielleicht hat eine der weniger bekannten Persönlichkeiten auch insgeheim auf so eine Tat gehofft, um durch Schlagzeilen bekannter zu werden. Aber all das sind Spekulationen.

„Alles wird grenzenloser“

Syllwasschy beschäftigt sich vor allem mit dem Phänomen von Sexualität jenseits der Glamourwelt. Dabei geht es auch um „Sexting“, also den Trend der Jugendlichen, Nacktfotos von sich an Freunde zu verschicken als Vertrauens- oder Liebesbeweis. Die jungen Leute bewegen sich damit in einem Gefahrenbereich, den sie selbst oft nicht einschätzen können. Sein Fazit zur Sexualität in der digitalen Zeit: „Alles wird grenzenloser.“

Damit steht er nicht allein. Die Filmemacher in Hollywood scheinen bei dem Thema ein gutes Gespür gehabt zu haben. In der kommenden Woche kommt der Film „Sex Tape“ mit Cameron Diaz in die Kinos. In der Vorschau ist zu sehen, wie ein Ehepaar in die Jahre gekommen ist und neue erotische Herausforderungen sucht. Also beschließt das Paar, sich beim Sex zu filmen. Das Dumme nur: Durch einen blöden Fehler haben Freunde, Vewandte und der Chef Zugriff auf diesen Film.

Hätten sie doch nur auf Google-Manager Eric Schmidt gehört, der vor Jahren sagte, dass man am besten alles unterlässt, was man von sich nicht im Netz sehen will.