Um elf Prozent hat die häusliche Gewalt laut Polizei in den letzten zwei Wochen zugenommen.
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Seit Wochen ist das öffentliche Leben eingeschränkt. Begriffe wie Kontaktverbot und Ausgangssperre prägen seitdem unser Leben. Wir lernen, dass wir uns voneinander fernhalten sollen – in einer Zeit, in der wir eigentlich zusammenrücken müssen. Wir diskutieren, dass wir Freiheit verlieren, wenn wir unsere Telefondaten hergeben, um mögliche Kontakt- und Übertragungswege aufzuzeigen, um die Pandemie einzudämmen. Wir igeln uns ein, halten Abstand, halten durch. Und dabei übersehen wir etwas.

Leben hat sich weitgehend ins Private verschoben

Ein gewisses Maß an Öffentlichkeit bedeutet immer auch ein Stück sozialer Kontrolle. Und zwar gerade dort, wo wir über häusliche Gewalt reden. Dieses Korrektiv funktioniert im Moment nicht. Das Leben findet dank Homeoffice und Ausgangssperre in einem bisher nicht gekannten Maße im Privaten statt. Mit all den negativen Folgen: Um elf Prozent hat die häusliche Gewalt in den vergangenen zwei Wochen nach Angaben der Polizei zugenommen. Wobei wir nur über die Fälle von Missbrauch, Gewalt und Demütigung reden, die aktenkundig geworden sind.

Wir müssen im Moment noch genauer hinsehen, was ein paar Türen weiter passiert. Und wir müssen endlich anfangen, ausreichend Schutzräume für diejenigen bereitzuhalten, für die das Zuhause kein Rückzugsort ist. Dass die Angebote nicht ausreichen, ist lange bekannt. Wie groß der tatsächliche Bedarf ist, werden wir vermutlich erkennen, wenn die Ausgangsbeschränkungen wieder gelockert werden. Denn dann werden wir sie wieder sehen, auf den Straßen, in den Kitas und Schulen. All die Frauen und Kinder, für die die Zeit der Ausgangssperre vor allem eine Zeit von Gewalt, Missbrauch und Demütigung war.