Pretoria - Oscar Pistorius ist im Gefängnis. Der südafrikanische Ausnahmesportler wurde am Dienstagmorgen vom Landgericht in Pretoria zu fünf Jahren Haft verurteilt – wenige Minuten später verschwand der 27-Jährige im Untergeschoss des Gerichtsgebäudes und wurde anschließend in einem gepanzerten Polizeifahrzeug ins zwei Kilometer entfernte Kgosi-Mampuru-Gefängnis verfrachtet. Die Verkündung des Strafmaßes wurde im Gerichtssaal schweigend und fast emotionslos aufgenommen: Lediglich der Verurteilte selbst wischte sich einige Tränen aus den Augen.

Das Strafmaß ist so zu verstehen, dass Pistorius lediglich einen Bruchteil seiner Strafe absitzen muss: Staatsanwaltschaft und Verteidigung vertraten allerdings unterschiedliche Auffassungen, ob der Verurteilte nach Ablauf eines Sechstels oder eines Drittels des Strafmaßes unter Auflagen freigelassen werden kann. Es würde bedeuten, dass der Olympionike bereits nach zehn beziehungsweise 20 Monaten aus der Haft entlassen und unter Hausarrest gestellt werden kann.

Steenkamps Familie akzeptiert das Urteil

Im Anschluss an den gut einstündigen Gerichtstermin wurde das von Richterin Thokozile Masipa erlassene Strafmaß allgemein begrüßt. Dup de Bruyn, Rechtsberater der Familie der von Pistorius im Februar des vergangenen Jahres getöteten Reeva Steenkamp, zeigte sich erfreut, dass „die Gerechtigkeit ihren Lauf genommen“ habe: „Es war die richtige Entscheidung, den Verurteilten ins Gefängnis zu schicken“, sagte der Anwalt. Jane Steenkamp fügte allerdings hinzu, dass auch die Haftstrafe für Pistorius ihre Tochter nicht zurückbringen werde: Trotzdem wünsche sie sich keine Anfechtung des Urteils. „Wir sind froh, dass das alles nun vorüber ist.“

Dagegen sprach die Staatsanwaltschaft von einem „Appetit“ auf eine Revision des Urteils. Die Ankläger hatten sich bereits enttäuscht darüber gezeigt, dass Pistorius Mitte September nicht wegen Mordes, sondern lediglich wegen fahrlässiger Tötung verurteilt worden war: Dass Richterin Thokozile Masipa nun wenigstens eine Haftstrafe verhängt und Pistorius nicht nur unter Hausarrest gestellt habe, sei ein gewisser „Trost“, sagte Staatsanwaltschaftsprecher Nathi Mncube. Der Anklage bleiben zwei Wochen Zeit, gegen das Urteil Berufung einzulegen.

Für die Begründung ihres Strafmaßes hatte sich Richterin Masipa am Dienstagmorgen mehr als eine Stunde Zeit genommen. Die 67-jährige Juristin hob hervor, dass der Entscheid ausgewogen sein müsse und sowohl die Interessen der Gesellschaft wie die Schwere der von Pistorius an den Tag gelegten Nachlässigkeit, aber auch dessen Behinderung zu berücksichtigen habe. Masipa hatte es bereits in ihrem Urteil als erwiesen angesehen, dass Pistorius seine Freundin nicht absichtlich, sondern aus Versehen erschoss.

Dass er jedoch vier Kugeln in die kleine verschlossene Toilettenzelle abgab, in der er einen Einbrecher vermutete, sei ein schweres, durch nichts zu rechtfertigendes Vergehen gewesen. In diesem Fall keine Gefängnisstrafe zu verhängen, sei unverantwortlich und provoziere die Gefahr, dass die Bevölkerung künftig „das Recht selbst in die Hände“ nehme, sagte die Richterin.

Kritik am Urteil

Masipa verurteilte Pistorius außerdem zu einer dreijährigen Gefängnisstrafe auf Bewährung für einen Vorfall im Januar 2013, als der Sportler in einem Johannesburger Restaurant versehentlich einen Schuss aus einer Pistole abgab. Auch in diesem Fall habe Pistorius nachlässig gehandelt, sagte Masipa. Die dreijährige Haftstrafe auf Bewährung wird zeitgleich mit der fünfjährigen Haftstrafe verlaufen.

Außerhalb des Gerichtssaals stieß die Entscheidung der Richterin auf harsche Kritik. Die Frauenliga des regierenden Afrikanischen Nationalkongresses, die Familie Steenkamp während des acht Monate dauernden Verfahrens unterstützt hatte, äußerte sich bitter enttäuscht über das Strafmaß: Während Pistorius bereits nach wenigen Monaten wieder aus der Haft entlassen würde, werde „Reeva nie wieder zurückkommen“. Die Organisation beanstandete bereits die Entscheidung der Richterin, Pistorius nur wegen fahrlässiger Tötung schuldig zu sprechen, und forderte eine Berufungsverfahren. Auch in den sozialen Netzwerken äußerten sich viele Südafrikaner entrüstet über das Urteil.

Pistorius wird seine Haft im Krankenhaus-Trakt des Kgosi-Mampuru-Gefängnis in Pretoria verbringen, der als behindertenfreundlich gilt. Den nur sechs Einzelzellen umfassenden Gefängnistrakt teilt die gefallene Sportikone mit dem tschechischen Bandenchef Radovan Krejcir, den ein Verfahren wegen Entführung, Erpressung und versuchten Mordes erwartet.