Die Hagia Sopia, eines der Wahrzeichen Istanbuls, kurz nach Sonnenaufgang.
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Die vor 1483 Jahren von Kaiser Justinian eingeweihte Hagia Sophia in Istanbul ist in wirklich jeder Hinsicht eine einzigartige Kirche, nicht nur als Kunstwerk. Viele, vor allem orthodoxe Christen in Griechenland, Russland, Serbien oder Bulgarien sehen sie als Schwester der Grabeskirche in Jerusalem, der Geburtskirche in Bethlehem, der Klöster Kiews und Moskaus. Für Katholiken ist sie der Lateranbasilika und St. Peter in Rom gleichgestellt, für viele Muslime ähnlich bedeutend wie der Felsendom in Jerusalem, die einstige Johannes-Basilika in Damaskus, die Moschee von Mekka. Und genau deswegen erhebt sich derzeit weltweit ein Proteststurm: Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan hat via Gerichtsentscheidung durchgesetzt, dass der seit 1934 als Museum säkularisierte Bau wieder für den islamischen Gottesdienst geöffnet wird.

Der gebaute Machtanspruch

Dabei geht es allenfalls vordergründig um Religion. Erdogan selbst lästerte vor einigen Jahren über den Besitzanspruch radikaler Muslime auf die „Agia Sofia“ – der griechische Name, der der christlichen Dreieinigkeit und der Muttergottes Maria huldigt, hielt sich auch zu osmanischen und dann türkischen Zeiten –, sie könnten ja nicht einmal die herrliche Süleymaniye-, die Blaue oder die Fatih-Moschee zum Freitagsgebet füllen. Doch das ist lange her, jetzt geht es angesichts der katastrophalen Wirtschaftslage, die durch die Corona-Krise noch verschärft wurde, um Erdogans Macht.

Die Hagia Sophia war immer mehr als orthodoxe Haupt- und Hofkirche, lateinische Kathedrale in der kurzen Zeit des katholischen Kaiserreichs von 1204 bis 1261 und Moschee seit 1453. Sie ist der gebaute Machtanspruch, über den Bosporus hinweg legitim in Europa und in Asien zu herrschen. „Ich habe Salomo übertroffen“, soll Kaiser Justinian 537 bei der Einweihung der neuen Hauptkirche Konstantinopels gesagt haben. Größer, prachtvoller, schöner, atemberaubender, Gott Lobender als der legendäre Tempel in Jerusalem sei seine Hagia Sophia, die Kirche der Heiligen Weisheit.

Wer einmal die eher nüchternen, massigen Mauern und gewaltigen Tore dieses Baus durchschritten hat, sich in den atemberaubenden, in kostbarem Marmor schimmernden Halbschattenraum begab, wird ihn kaum wieder vergessen. Die Hagia Sophia ist eine jener wenigen Architekturen, die durch Fotografien oder Zeichnungen allenfalls annäherungsweise dargestellt werden können. Letztlich muss man sie erlebt haben, den Hall der vielen Schritte in der fast akustiklosen Weite des Raums, die goldschimmernden Mosaiken, herrlichen Kapitelskulpturen, die wie frei schwebend erscheinenden Tafeln mit der Anrufung des Namens Allahs, die in osmanischer Zeit in den Raum gehängt wurden.

Die Hagia Sophia ist bis heute der größte auf nur vier Tragpfeilern errichtete Ziegelbau, ein konstruktives Wagnis ohnegleichen. 33 Meter weit spannte die ursprüngliche, von Isidor von Milet und Anthemios von Tralleis entworfene Hauptkuppel, die von zwei fast genau halb so weiten Seitenkuppeln und sechs viertel so großen Nebenkuppeln abgefangen wird. Nachdem diese Kuppel 588 bei einem Erdbeben einstürzte, wurde sie etwas steiler wieder aufgerichtet und hielt durch alle Kriege und Erdbeben. Alleine das ist schon fast ein Wunder.

Als Mehmet Fatih 1453 Konstantinopel nach langer Belagerung einnahm und zur Hauptstadt des Osmanischen Reichs machte, übernahm er mit dem oströmischen Kaisertitel auch die Hagia Sophia, machte sie zu seiner Hof- und Hauptmoschee. Die orthodoxen Kirchen haben diesen Verlust, dieses Siegeszeichen des Islam nie akzeptiert. Auch um diesen Dauerkonflikt zu beruhigen, erklärte Kemal Atatürk 1934 die Hagia Sofia zum Museum. Er signalisierte damit, dass die moderne Türkei ihre Legitimität nicht auf Eroberung und Islam, sondern auf das Vertrauen in die verbindende Kraft der Kultur stützen will. Auch deswegen erlaubte er, dass die herrlichen Mosaiken des Christus Weltenherrscher und der mit Christus auf dem Schoß thronenden Maria, der Heiligen und Kaiser freigelegt wurden, sie seit 1453 unter Putz verborgen waren.

Dürfen Andersgläubige noch in die Hagia Sophia?

Befürchtungen fundamentalistischer christlicher Kreise, dass hier ein Bildersturm bevorsteht, sind hoffentlich unrealistisch, so weit dürfte selbst Erdogan nicht gehen wollen. Doch wie sie verhüllt werden, das ist die Frage. Ebenso, ob dem Versprechen Erdogans vertraut werden kann, dass der Zutritt zur Hagia Sophia auch für Andersgläubige nicht behindert werde: Die kleine Moschee gleichen Namens, die seit Jahren in einem ihrer Seitengebäude eingerichtet ist, verbietet Nicht-Muslimen jedenfalls ausdrücklich den Eintritt.

Zwar klingen viele Proteste schal, in Griechenland etwa sind außerhalb von Rhodos und Kreta, die später zum Land kamen, alle Minarette und die meisten Moscheen zerstört, werden griechischsprachige Muslime diskriminiert, wurde erst 2014 nach heftigen Protesten eine Moschee in Athen gebaut. Dennoch: Dies Museum, diese einstige Kirche und einstige Moschee wieder zum religiösen Raum zu machen, ist nicht nur eine kulturelle und religiöse Dummheit – sie ist ein Menetekel für die säkulare türkische Republik.