Hilft ein Schirm gegen die Turbulenzen an der Börse?
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BerlinEin Wissenschaftler wie Sighard Neckel muss auch erst einmal damit fertig werden, plötzlich viel Zeit zu haben. Der Betrieb an der Universität ist stillgelegt, Vorträge und Konferenzen sind abgesagt. Ein Interview zur Lage kommt dem Soziologen, der sich wie wenige mit dem Wechselspiel von Ökonomie und Kultur beschäftigt, gerade gelegen.

Herr Neckel, über die gesundheitspolitischen Schreckensszenarien hinaus zeichnet sich eine Katastrophe nach der Katastrophe ab. Die Erschütterungen an den Börsen lassen Firmenpleiten, Arbeitsplatzverluste und andere existenzielle Gefährdungen erahnen. Wagen Sie eine Prognose?

Man braucht kein Hellseher zu sein, um mit einem ökonomischen Schock zu rechnen, der alle Wirtschaftskrisen nach dem Zweiten Weltkrieg in den Schatten stellen kann. Wenn der Kollaps länger anhält, brechen die weltweiten Wertschöpfungsketten auseinander und die Märkte frieren ein, weil es weder Angebot noch Nachfrage gibt.

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Der Soziologe

Sighard Neckel ist Professor für Gesellschaftsanalyse und sozialen Wandel an der Universität Hamburg. In seinen Publikationen hat er sich wiederholt mit der Kultur des Kapitalismus beschäftigt,, u.a. in den Bänden „Kapitalistischer Realismus“ und „Die globale Finanzklasse“ (mit Lukas Hofstätter und Marco Hohmann). Beide Titel sind im Campus-Verlag erschienen.

Aber es gibt Börsianer, die gerade sehr aktiv sind.

Schwerreiche Hedgefonds wie Bridgewater wissen schon, warum sie mit Milliardensummen auf den Absturz des Aktienmarkts und den Zusammenbruch vieler verwundbarer Firmen wetten. Hier deutet sich eine Entwicklung an, die den Corona-Schock möglicherweise von anderen schweren ökonomischen Einbrüchen nach Kriegen oder Katastrophen unterscheidet. Das waren häufig Ereignisse, die aufgrund von Kapitalvernichtung und weil zugleich die Nachfrage wuchs, die Ungleichheit insgesamt eher etwas reduziert haben, wie Thomas Piketty in seinen Studien gezeigt hat. Nach Corona könnte eintreten, dass auch unter den Großen nur diejenigen überleben, deren hohes Vermögen auf Wertschöpfung nicht angewiesen ist, während ein langer Shutdown zu massenhaften Insolvenzen und Jobverlusten führt, weil die Leute weder investieren noch konsumieren noch arbeiten können. Der sowieso schon bestehende Trend zur Polarisierung der Sozialstruktur würde dann durch die Decke gehen.

Es war während der Finanzkrise kaum möglich, die Wetten von Hedgefonds gegen Währungen oder Konzerne zu verhindern. Das scheint sich nun zu wiederholen. Gibt es Mittel gegen solch zynisches Marktverhalten?

Natürlich gäbe es sie, sie liegen in unserer politischen Hand. Die Wetten der Hedgefonds operieren mit sogenannten Leerverkäufen, die uns schon bei der Finanzkrise 2008 mit in den Abgrund gerissen haben. Dabei leiht man sich gegen geringe Gebühren bei Fondsgesellschaften entsprechende Aktienpakete aus und verkauft sie an der Börse in dem Kalkül, sie zu einem späteren Zeitpunkt viel günstiger wieder einzukaufen. Das wird Leerverkäufe genannt, weil man Aktien verkauft, die man eigentlich gar nicht besitzt, und die nur für Wetten auf fallende Kurse eingesetzt werden. Allein gegen Dietmar Hopps Softwarekonzern SAP sollen 940 Millionen Euro in Anschlag gebracht worden sein. Die Finanzminister der EU könnten das verhindern. Doch bereits im Gefolge der Krise von 2008 wurden Leerverkäufe nur teilweise und nur zeitweilig untersagt.

Bei der Finanz- und bei der Flüchtlingskrise wurde stets bekräftigt, auf europäische Lösungen setzen zu wollen. Warum ist die EU in der Corona-Krise ein solcher Totalausfall?

Ich weiß nicht, ob man das so generell sagen kann. Die Europäische Zentralbank zum Beispiel hat nach anfänglichem Zögern das Richtige gemacht und angekündigt, mit einem Notprogramm Anleihen im Umfang von 750 Milliarden Euro aufzukaufen, um damit die Zinsen zu drücken, zu denen sich Staaten und Unternehmen verschulden können. Entscheidend wird sein, ob man bei billigen Krediten für einzelne Mitgliedsländer bleibt, was aber deren Schulden erhöht und zu einer neuen Eurokrise führen kann. Oder ob man den Rettungsschirm für alle Länder gemeinsam aufspannt. Und was die gemeinsamen Maßnahmen gegen die Pandemie betrifft, so fällt uns auf die Füße, dass die politische Integration der EU zuletzt so unter Beschuss stand: Gesundheitspolitik ist nach wie vor das alleinige Hoheitsgebiet der einzelnen Mitgliedsländer. Man kann sich schlecht über die mangelnde Koordination in der Corona-Krise beschweren, wenn man gestern noch die EU am liebsten abwickeln wollte.

Kaum ein Wort war in der Diskussion über die wirtschaftlichen Folgen der Corona-Krise zuletzt so oft zu hören wie Daseinsfürsorge. Dahinter steckt die Idee, dass der Staat die elementare Versorgung in Bereichen wie Gesundheit und Energie wieder übernehmen müsse. Wird er überhaupt in der Lage sein, die sukzessive abgelegte Verantwortung wieder zu übernehmen?

Dem Staat wird wohl gar nichts anderes übrig bleiben. Jetzt rächt sich, dass öffentliche Güter wie die Kliniken und Krankenhäuser in den letzten Jahrzehnten privatisiert worden sind. So hat sich seit Anfang der 90er-Jahre die Zahl der Krankenhäuser in Deutschland um fast 20 Prozent und die Zahl der Krankenhausbetten um fast 30 Prozent verringert. Gleichzeitig wuchsen die Bevölkerung und der Anteil der Älteren. Ihnen stehen aber insgesamt etwa 10 Prozent weniger medizinische Kräfte zur Verfügung, sodass die Kluft zwischen der Fallzahl in den Kliniken und dem Personal stetig gewachsen ist. Dadurch kommt, dass selbst im deutschen Gesundheitssystem die Belastungsgrenze der Intensivmedizin im Fall einer solchen Pandemie wie jetzt Covid-19 schnell erreicht ist. Nicht wenige Tote werden nicht einfach dem Virus, sondern dem Neoliberalismus geschuldet sein.

Ja, wir brauchen eine Art Infrastruktursozialismus, der nicht nur die elementaren Funktionen als hochwertige öffentliche Güter betreibt.

Sighard Neckel

Wie es aussieht, stellt das Virus gerade die Systemfrage. Trauen Sie dem Markt eine Regeneration zu oder drohen handfeste gesellschaftliche Konflikte?

Die freigesetzten Marktkräfte haben zu einer drastischen Fehlbewertung gesellschaftlicher Aufgaben und wirtschaftlicher Leistungen geführt. Das wird uns jetzt im sozialen Ausnahmezustand von Tag zu Tag klarer. Aus dem Niedriglohnsektor wurde buchstäblich über Nacht der Garant der kritischen Infrastruktur. Unterbezahlte Kassiererinnen, die kürzlich noch wegen Pfandbons von ein paar Euros fristlos gekündigt werden konnten, bekommen plötzlich allerorts gesellschaftliche Anerkennung ausgesprochen, was sich nach Corona hoffentlich in deutlichen Lohnerhöhungen niederschlägt. Prekär Beschäftigte wie Zusteller und Lagerarbeiter sichern die Versorgung auch der Wohlhabenden. Bedienstete wie Polizisten, Pflegekräfte oder kommunale Angestellte halten Grundfunktionen aufrecht, für die sich die Märkte nur als kostengünstige Mitnahmeeffekte interessieren. Damit sollte Schluss sein.

Ja, wir brauchen eine Art Infrastruktursozialismus, der nicht nur die elementaren Funktionen als hochwertige öffentliche Güter betreibt. Ja, wir brauchen eine Umwertung der ökonomischen Werte. Die Nützlichkeit und Unverzichtbarkeit gesellschaftlicher Leistungen muss in der Staffelung von Erträgen vorrangig sein. Wir können ziemlich sicher auf etliche Consultants und Derivatehändler verzichten, aber auf keine einzige Pflegekraft im Krankenhaus. Daher brauchen wir nicht nur ganz andere Mindestlöhne, sondern vor allem verbindliche Regelungen für Maximaleinkommen. Wenn wir diese Heimsuchung eines Tages durchstanden haben, wird sich niemand mehr darüber aufregen können, weniger als eine halbe Million im Jahr zu verdienen.