Ihr Schmerz ist kaum vorstellbar, doch sie schweigt nicht. Vor einem Jahr verlor Serpil Temiz Unvar ihren Sohn Ferhat beim rassistischen Anschlag in Hanau. Für die Berliner Zeitung berichtet sie, was sie von Politik und Gesellschaft fordert und wie sie selbst weiter gegen Rassismus kämpft.

Frau Unvar, der Anschlag, bei dem ihr Sohn Ferhat und neun weitere Menschen inmitten ihres Wohnorts Hanau ermordet wurden, jährt sich zum ersten Mal. Ich wage kaum zu fragen, wie es Ihnen geht.

Das ist schwer in ein paar Sätzen zu beantworten. Unser Leben wird sich nie wieder normalisieren. Mein Sohn wird nie wieder zurückkommen.

Am zweiten Februar gab es im hessischen Landtag anlässlich des Jahrestages eine Gedenkveranstaltung für die Angehörigen. Die Familie Unvar war nicht dabei, Ferhats Cousin Abdullah twitterte, „wir wollen keine warmen Worte“, und „wir fordern Taten“. Was hat Sie an der Veranstaltung abgeschreckt?

Wir waren schon bei vielen solchen Veranstaltungen. Es wurden Bilder gemacht, warme Worte gesprochen, und leider sind bis heute keine Taten gefolgt. Ich möchte meine Zeit nicht bei solchen Veranstaltungen verbringen. Ich möchte, dass sich für uns eingesetzt wird.

Wie?

Ich fordere eine umfassende Aufklärung der Umstände. Es muss geklärt werden, welche Fehler die Polizei an diesem Abend gemacht hat. Außerdem fordere ich eine Einschränkung der Waffengesetze. Wie konnte es sein, dass dieser Mann, der den Behörden bereits bekannt war und der sich bereits so auffällig verhalten hatte, legal Waffen besitzen konnte?

Was fordern Sie von der Gesellschaft?

Die deutsche Gesellschaft muss begreifen, dass Diskriminierung nicht akzeptabel ist, auch wenn Rassismus heute wieder normalisiert wurde. Deutschland muss verstehen, dass Rassismus täglich und tödlich ist.

Sie und weitere Betroffene werfen den Behörden die Art und Weise vor, wie in den Tagen nach dem Anschlag mit Ihnen umgegangen wurde. Etwa, dass die Obduktion ohne Ihre Zustimmung erfolgte. Was hätte Ihnen damals geholfen?

Nichts hätte geholfen, nur meinen Sohn zu sehen. Ferhat.

In einem Interview sagten Sie, dass die Tat Sie auch mit vorherigen rassistischen Erfahrungen konfrontiert hat. Würden Sie Ihrem früheren Ich gerne etwas sagen?

Ich würde mich selbst fragen, warum ich mich nicht genug gewehrt habe und warum ich mich so schwach gefühlt habe. Wovor hatte ich so viel Angst?

Sie erwähnen auch immer wieder, dass Ferhat in der Schule Probleme wegen rassistischer Lehrer hatte …

Es hätte mir damals geholfen, Menschen zu kennen, die mich unterstützen und mit mir und für mich kämpfen. Eine Anlaufstelle für Menschen, die Erfahrungen mit Alltagsrassismus machen und denen dort geholfen wird. Deswegen möchte ich genau das jetzt mit meiner Bildungsinitiative machen.

Die Initiative ist zum 14. November gestartet. Wie sieht die Arbeit aus?

Wir sind momentan in der Gründungs- und Planungsphase. Wir planen und konzipieren Workshops für Schulen: Sensibilisierungsworkshops und auch Empowerment-Workshops. Außerdem wollen wir eine Beratungsstelle einrichten für junge Menschen und deren Mütter.

Welche Rolle spielen Bildungseinrichtungen bei antirassistischer Arbeit?

Es ist unglaublich, wie viele junge Menschen schlechte Erfahrungen in der Schulzeit machen. Rassistische Kommentare von Lehrern oder Mitschülerinnen und Mitschülern. Diskriminierung und natürlich Mobbing. Wie kann das sein? Die Schule soll ein sicherer Ort sein. Schüler sollen sich sicher fühlen, keine Angst haben. Deswegen müssen wir bei den Schulen ansetzen und gemeinsam mit Lehrerinnen und Lehrern arbeiten, die sich gegen Rassismus und Diskriminierung einsetzen.

Das Gespräch führte Antonia Groß.