In Hanau kamen in der Nacht zu Donnerstag insgesamt elf Menschen ums Leben.
Foto: dpa/Dorothee Barth

Kurz zusammengefasst:

  • Täter soll ein 43-jähriger deutscher Sportschütze sein
  • Insgesamt 11 Menschen sterben bei Gewalttaten in Hanau an zwei verschiedenen Orten
  • Neun Opfer haben einen Migrationshintergrund
  • Sicherheitskreise: Bekennerschreiben und Video gefunden
  • Generalbundesanwalt: Täter hatte „zutiefst rassistische Gesinnung“

HanauBei einem mutmaßlich rechtsradikalen und rassistischen Anschlag hat ein Deutscher im hessischen Hanau neun Menschen mit ausländischen Wurzeln erschossen. Anschließend soll der 43-jährige Sportschütze Tobias R. aus Hanau seine 72 Jahre alte Mutter und sich selbst getötet haben. 

Die Todesopfer seien zwischen 21 und 44 Jahre alt gewesen und hätten Migrationshintergrund gehabt. Der Täter habe sechs weitere Menschen verletzt, einen schwer. Die türkische Botschaft in Berlin erklärte, unter den Todesopfern seien fünf türkische Staatsbürger. 

Der Mann habe eine „zutiefst rassistische Gesinnung“ gehabt, sagte Generalbundesanwalt Peter Frank am Donnerstag in Karlsruhe. Das habe die Auswertung von Videobotschaften und einer Art Manifest auf dessen Internetseite ergeben.

Hessens Innenminister Peter Beuth (CDU) sagte am Morgen in Wiesbaden, der Generalbundesanwalt ermittle wegen des Verdachts einer terroristischen Gewalttat - Frank selbst sprach am Nachmittag nicht davon. Nach einer Telefonschalte der Innenminister von Bund und Ländern sagte der bayerische Ressortchef Joachim Herrmann (CSU), man gehe davon aus, „dass es sich um einen rechtsradikalen, ausländerfeindlichen Hintergrund handelt“.

Der Sportschütze habe nach der Tat in der eigenen Wohnung erst seine Mutter und dann sich selbst erschossen, sagte Beuth. Der Sportschütze habe die Waffen legal besessen. Tobias R. war seit 2012 im Schützenverein Diana Bergen-Enkheim als Schütze aktiv, wie der Deutsche Schützenverein bestätigte. 

Abstruse Verschwörungstheorien im Internet

Der mutmaßliche Täter habe auf seiner Internetseite auch wirre Gedanken und abstruse Verschwörungstheorien geäußert. Man prüfe, ob der mutmaßliche Täter Mitwisser oder Unterstützer für seinen Anschlag hatte. Dazu würden das Umfeld und die Kontakte des Mannes im In- und Ausland abgeklärt, sagte Frank.

Beuth hatte zuvor gesagt, der Mann habe wohl allein gehandelt. „Bislang liegen keine Hinweise auf weitere Täter vor.“ Der mutmaßliche Täter sei zuvor nicht im Visier der Ermittler gewesen. Er sei weder als „fremdenfeindlich“ bekannt gewesen noch polizeilich in Erscheinung getreten.

Mutmaßlicher Täter veröffentliche Youtubevideo

Wenige Tage vor dem Verbrechen hatte der mutmaßliche Täter nach Informationen aus Sicherheitskreisen ein Video bei Youtube veröffentlicht. In diesem Video spricht der Mann in fließendem Englisch von einer „persönlichen Botschaft an alle Amerikaner“. Der Clip, der am Donnerstagmorgen weiter im Internet zu sehen war, wurde offensichtlich in einer Privatwohnung aufgenommen.

Darin sagt der Mann, in den USA existierten unterirdische Militäreinrichtungen, in denen Kinder misshandelt und getötet würden. Dort würde auch dem Teufel gehuldigt. Amerikanische Staatsbürger sollten aufwachen und gegen diese Zustände „jetzt kämpfen“. Ein Hinweis auf eine bevorstehende eigene Gewalttat in Deutschland ist in dem Video nicht enthalten. Er behauptet auch, Deutschland werde von einem Geheimdienst gesteuert. Außerdem äußert er sich negativ über Migranten aus arabischen Ländern und der Türkei.

Die ersten Schüsse fielen gegen 22 Uhr

Rückblick: Die ersten Schüsse fielen den Ermittlern zufolge gegen 22.00 Uhr. Am Heumarkt in der Hanauer Innenstadt blicken Passanten später in der Nacht immer wieder fassungslos auf die Szenerie am abgesperrten Tatort. Nicht weit entfernt in einer Seitenstraße liegen Patronenhülsen auf dem Fußweg, auch hier ist noch unklar, was genau passiert ist.

Polizei und Rettungskräfte sind im Stadtteil Heumarkt im Einsatz.
Foto: Boris Rössler/dpa

Nur rund zwei Kilometer davon entfernt im Stadtteil Kesselstadt befindet sich ein weiterer Tatort. Dort wurden ebenfalls Schüsse abgefeuert. Eine mögliche dritte Schießerei im Stadtteil Lamboy bestätigte sich nicht. Die Polizei war aber auch dort mit einem Großaufgebot vor Ort.

Einer der Tatorte: eine Shisha-Bar

Später in der Nacht kreist ein Polizeihubschrauber über Hanau. Die Informationen fließen nur spärlich. Von der Polizei heißt es nur, vom Tatort Heumarkt sei ein dunkles Fahrzeug davongefahren.

Es ist ein Verbrechen, das die beschauliche und nur wenige Kilometer östlich von Frankfurt gelegene Stadt in ihrer jüngeren Geschichte noch nicht erlebt hat. Einer der Tatorte ist eine Shisha-Bar am Heumarkt, einer Straße, die etwas am Rande der Innenstadt von Hanau mit seinen rund 100.000 Einwohnern liegt. Es ist keine schmucke Gegend, Spielhallen, Wettlokale und Döner-Imbissbuden prägen das Straßenbild - und am späten Mittwochabend auch Polizeisirenen, Blaulicht und Absperrband.

Die Polizei fordert Passanten und Schaulustige auf, den Bereich zu verlassen. Beamte mit Maschinenpistolen sichern die Umgebung ab. Menschen stehen in der Nähe der mit Flatterband abgesperrten Bereiche und weinen. In der Gegend kurven wuchtige Sportkarossen umher.

Entsetzen, Sprachlosigkeit und Wut

Männer versammeln sich in mehreren Grüppchen nahe der Absperrungen. Die Stimmung pendelt zwischen Entsetzen, Sprachlosigkeit und Wut. Eine laut wehklagende Frau wird von Sanitätern in ein nahe gelegenes Hotel gebracht. Dort sitzen später im Frühstücksraum noch weitere Frauen versammelt, mit Tränen in den Augen.

Die Nachricht von den Schüssen hat sich wie ein Lauffeuer über die Sozialen Medien verbreitet. Anwohner posten mutmaßliche Videos vom Tatort, offenbar kurz nach der Tat aufgenommen.

Forensiker arbeiten an einem Tatort in Hanau-Kesselstadt an einem Mercedes. Durch Schüsse sind im hessischen Hanau mehrere Menschen getötet worden. 
Foto: Boris Roessler/dpa

Der zweite Tatort ist fast in Laufnähe, mit dem Auto sind es bis dahin nur etwa fünf Minuten. Der Kurt-Schumacher-Platz liegt in einem Wohnviertel. Dort befindet sich im Erdgeschoss eines Wohnblocks eine Art Kiosk, mit der Aufschrift „24/7 Kiosk“ auf der großen Glasscheibe, auf einem Reklame-Leuchtschild steht „Arena Bar & Café“. Der Blick ins Innere ist versperrt, die Scheiben sind teils halbhoch mit orangefarbener Folie beklebt.

Auf dem Platz vor dem Café steht eine beschädigte Limousine, die Frontscheiben sind zum großen Teil mit Rettungsdecken abgedeckt. Später, die Spurensicherung läuft schon längst, wird ein Feuerwehrzelt, das auch als Sichtschutz dient, um das Auto herum aufgebaut.

Auch hier hat die Polizei die Gegend weiträumig gesichert, ein schwer bewaffneter Beamter steht dabei. Immer wieder fahren Einsatzwagen der Polizei zum Tatort, auch Krankenwagen fahren durch. Während tief in der Nacht unten auf dem Parkplatz die Spurensicherung läuft, sind manche Fenster in dem neunstöckigen Gebäude noch erleuchtet. Hier und da flimmert ein Fernseher.

Zwei Kiosk-Mitarbeiter unter den Opfern

Nur wenige Menschen sind hier in der Nacht noch unterwegs, einige kommen aber bis an das Absperrband der Polizei. Sie seien Freunde oder Angehörige von den Opfern, berichten sie.

Unter ihnen ist auch ein 24-Jähriger, der nach eigenen Angaben der Sohn des Kioskbesitzers ist. Er sei bei der Tat nicht vor Ort gewesen, sein Vater auch nicht, wie er erst später erfahren habe. Als er von den Schüssen gehört habe, sei er sofort hergekommen. „Ich habe erstmal einen Schock bekommen.“ Die Opfer seien Leute, „die wir jahrelang kennen“. Es seien zwei Mitarbeiter und eine Person, die er schon von klein auf kenne. Wer verübt solch ein Verbrechen? Der 24-Jährige ist ratlos: „Wir kennen sowas nicht, wir sind auch nicht mit Leuten zerstritten. Wir können es uns gar nicht vorstellen. Es war ein Schock für alle.“

Merkel erinnert an rechtsextremistisch motivierte  Mordanschläge

Der Anschlag von Hanau ist die dritte rassistisch oder rechtsextremistisch motivierte Mordanschlag innerhalb von wenigen Monaten. Im vergangenen Juni war der Regierungspräsident von Kassel, Walter Lübcke, vor seinem Haus erschossen worden. Der Tat dringend verdächtig ist der polizeibekannte Rechtsextremist Stephan E., der deswegen derzeit vor Gericht steht. Am 9. Oktober 2019 hatte ein Rechtsextremist versucht, in der Synagoge von Halle ein Blutbad anzurichten. Dort hatte sich die jüdische Gemeinde zum Jom Kippur-Tag versammelt.

Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel erinnerte am Donnerstag diese Taten und an die Morde des sogenannten „Nationalsozialistischen Untergrunds“ (NSU). „Rassismus ist ein Gift, der Hass ist ein Gift“, sagte sie. Dieses Gift existiere in der Gesellschaft. „Und es ist schuld an schon viel zu vielen Verbrechen.“

Berlins Innensenator Andreas Geisel kündigte an, die Sicherheitsvorkehrungen in der Hauptstadt auf den Prüfstand stellen. Er wisse, dass es gerade bei vielen Menschen mit ausländischen Wurzeln in Berlin viele Sorgen gebe, sagte der SPD-Politiker am Donnerstag im Abgeordnetenhaus. Deshalb habe er Vertreter der migrantischen Gemeinschaft zu einem Gespräch über die Sicherheitslage eingeladen.

In Wiesbaden unterbrachen die Abgeordneten die Landtagssitzung. Ministerpräsident Volker Bouffier kam zum Tatort nach Hanau. Dort nahm am Abend auch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier an einer Mahnwache teil. 

Gedenken am Brandenburger Tor

Menschen gedenken am Brandenburger Tot der Opfer des Anschlags von Hanau.
Foto:dpa/Kay Nietfeld

Mehrere Hundert Menschen, darunter etliche prominente Politiker, haben am Donnerstagabend in Berlin am Brandenburger Tor der Opfer des Anschlags von Hanau gedacht. Sie bildeten eine große Menschenkette rund um das Tor. Einige hielten Kerzen in den Händen und legten Blumen an dem Bauwerk ab. Vereinzelt waren Europaflaggen zu sehen. Auf einem Schild stand zu lesen: „Wir trauern um die Opfer von Hanau, Halle, Kassel, Mölln etc. Stoppt Hass und Hetze in den asozialen Medien“.

Zuvor hatten sich rund 20 Politiker verschiedener Parteien an den Händen gefasst und eine Schweigeminute abgehalten. Zu ihnen zählten die beiden Bundes- und Fraktionsvorsitzenden der Grünen, Annalena Baerbock und Katrin Göring-Eckardt, FDP-Chef Christian Lindner, SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil und der SPD-Fraktionsvorsitzende im Berliner Abgeordnetenhaus, Raed Saleh. Danach gingen die Bundespolitiker geschlossen zum Bundestag zurück. (BLZ/mit dpa)