Ein Jahr ist vergangen, seit ein deutscher Rechtsterrorist neun Menschen in Hanau ermordete, dann seine Mutter und zuletzt sich selbst erschoss. Das Unerträgliche daran hat viele Dimensionen. Da ist die rohe Gewalt. Ihr ideologischer Überbau. Aber kaum zu ertragen ist auch ihr Fundament, das auf einer grausamen Tradition des Wegschauens fußt.

Die Erinnerung an Hanau ist deshalb so schwer zu ertragen, weil sie geschieht. Ein Jahr nach dem Attentat ist die Öffentlichkeit gezwungen, hinzusehen. Nie zuvor hat sich die Berichterstattung nach rassistischen Gewalttaten so sehr auf die Hinterbliebenen und Betroffenen konzentriert, auf ihren Schmerz. Auf ihre Ängste. Ihre Forderungen.

Viel zu häufig wurde und wird rassistische Gewalt von manchem Medium mit bemerkenswerter Eile unter einem von zwei Aktenzeichen abgelegt. Entweder als fanatische Tat eines Einzelnen oder – und auch dies zeigt das Wegschauen – als Milieu-internen Konflikt. Beide Narrative dienen dazu, die Hintergründe nicht beim Namen nennen zu müssen. Ein bekanntes, wenn auch bei weitem nicht das einzige Beispiel ist die Mordserie des NSU.

Rassistische Stigmata sind Teil des Problems

Hanau hat etwas verändert. Die Gesichter der neun Getöteten sind überall. Zeichnungen von ihnen kleben an Litfaßsäulen, in Schaufenstern. Sie sind in Zeitungsberichten abgebildet, sie kursieren im Internet. Genau wie ihre Namen. Nie gab es so viele Reportagen und Berichte, die die Namen der Opfer rassistischer Anschläge ausbuchstabierten, von ihrem Leben, ihrem Charakter und ihrer verlorenen Zukunft erzählten. Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel nannte sie in ihrem Video-Podcast.

Es sind die Angehörigen und ihre Unterstützer, die die Namen der Opfer seit einem Jahr laut und deutlich wiederholen, immer wieder. Es ist deshalb auch ihnen zu verdanken, dass Schlagzeilen wie „Shisha-Morde“ oder „Shisha-Bar Massaker“, dass Spekulationen, es handele sich um Auseinandersetzungen im „kriminellen Milieu“, wie es Focus, Welt und Bild kurz nach der Tat verkündeten, in der Debatte heute als Teil des Problems benannt werden.

Denn für das Problem gibt es nur eine Erklärung. Sie heißt: Rassismus. Solange Berichte mit stigmatisierenden Klischees arbeiten, ignorieren sie das nicht nur, sie tragen es mit. Rechten Terror zu benennen schmerzt. Denn es bedeutet, sich selbst mit in die Analyse aufzunehmen.

Das gilt auch für die Behörden. Weil es bedeutet, Fehler zuzugeben. Es bedeutet, Rassismus auch in den Reihen der Sicherheitskräfte zu untersuchen und zu bekämpfen. Das rechte Auge aufzureißen.

Die Betroffenen sind es, die an das Unerträgliche erinnern

Die Bundesregierung hat einen Kabinettsausschuss zur Bekämpfung von Rechtsextremismus und Rassismus initiiert. Politiker nennen Hanau in einem Atemzug mit dem Anschlag von Halle, dem Mord an Walter Lübcke. Sie rücken das Attentat in den richtigen Kontext. Medienberichte beleuchten das Versagen der Behörden vor, während und in der Aufklärung der Tat. Doch es ist nicht der Kabinettsausschuss, nicht die Kanzlerin, nicht der Bundesinnenminister, der Bundespräsident oder die hessische Landesregierung, die mit Bekundungen von Betroffenheit zum Hinschauen zwingen. Es sind die, die wirklich betroffen sind.

Denn sie erinnern an das Unerträgliche. Die Angehörigen, die neben dem Verlust ihrer Söhne und Brüder, ihrer Mutter, ihres Vaters und ihrer Freunde dafür kämpfen, dass die Gesichter nicht verblassen, die Namen nicht verschwinden. Und dass der Nährboden, auf dem das Grauen gedeiht, verschwindet.

Es sind diese Menschen, die seit einem Jahr die immer selbe Frage stellen: Wie konnte das passieren? 

Für ihre Suche nach Antworten haben die Hinterbliebenen inzwischen einen Raum, den sie mit Unterstützung der Initiative 19. Februar fanden. Die Miete stemmen sie aus Spenden. Nicht mithilfe von Land oder Bund. Die Betroffenen drängen zur Aufklärung. Immer und immer wieder wiederholen sie die vielen offenen Fragen: Warum war der Notruf in der Tatnacht zeitweise nicht erreichbar? Weshalb der Notausgang der Arena Bar zu? Warum durfte der Täter Waffen besitzen, obschon er mit Verschwörungsideologien aufgefallen war?

Anders wirkt der Umgang der zuständigen Behörden. So hätte gerade der hessische Innenminister Peter Beuth (CDU) vor dem Hintergrund des Versagens in der Aufklärung der NSU-Mordserie in Hessen Fehler der Sicherheitskräfte in Betracht ziehen müssen. Doch er wiederholte lieber sein Lob für die gute Polizeiarbeit in der Tatnacht. Dafür hätte Beuth sich entschuldigen können, als er vor wenigen Tagen die technischen Fehler in der Notrufleitung zaghaft zugab. Er tat es nicht.

Das Wegschauen und die Weigerung, sich zu Fehlern zu bekennen, sind Teil der Legitimation rassistischer Gewalt. Das muss endlich, über Hanau hinaus, aufhören. Doch dafür sollten nicht die Betroffenen sorgen müssen.