Trauer um die Opfer von Hanau.
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HanauZwei Schülerinnen kommen auf den Polizisten zu, der die Absperrung am Kurt-Schumacher-Platz in Hanau bewacht. „Wissen Sie, wo der Bus jetzt fährt?“, fragen die beiden Mädchen. Es ist kurz vor acht am Morgen, und sie sind spät dran, die erste Schulstunde wird bald beginnen. Hinter dem Polizisten gehen zwei Ermittler in weißen Ganzkörperanzügen in die Shisha-Bar, in der in der Nacht zuvor ein Mann mehrere Menschen erschossen hat. „Arena Bar Café“ steht in schwarzen Lettern auf rotem Hintergrund über dem Schaufenster. Rund um den Platz sind Mannschaftswagen der Polizei zu sehen, arbeiten Beamte. Ausnahmezustand in Hanau.

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Die Mädchen sind sichtbar durcheinander, und sie sind mit ihrer Verwirrtheit nicht allein an diesem Donnerstagmorgen. Den Erwachsenen geht es nicht anders. „Ich habe schlecht geschlafen, gestern Nacht bin ich von Schüssen und von dem Hubschrauber aufgewacht“, erzählt die eine Schülerin, bevor der Polizist sie mit ihrer Freundin zur nächsten Bushaltestelle schickt.

Zweiter Tatort: Der mutmaßliche Täter Tobias R. fuhr nach den ersten Schüssen zur "Arena Bar&Cafe" und griff weitere Menschen an. 
Foto: AFP

Alle Opfer hatten Migrationshintergrund

Tobias R., 43, hat am Mittwochabend in zwei Shisha-Bars und in einem Kiosk am Heumarkt und am Kurt-Schumacher-Platz um sich geschossen und neun Menschen getötet. Es seien zudem sechs weitere Menschen verletzt worden, heißt es. Alle Opfer hatten einen Migrationshintergrund, sie waren zwischen 21 und 44 Jahren alt. 

Laut hessischem Landeskriminalamt haben drei der Toten eine deutsche Staatsangehörigkeit, zwei eine türkische, eine bulgarische und eine rumänische. Ein Mensch kommt aus Bosnien-Herzegowina, und ein Opfer hat eine deutsche und afghanische Staatsangehörigkeit. Die Angaben gehen aus einer E-Mail des LKA am Freitag hervor, die an die Stadt Hanau ging. 

Der Täter Tobias R. wurde zusammen mit seiner Mutter nach dem Anschlag am Mittwochabend tot in seiner Wohnung aufgefunden. Der Sportschütze soll Verschwörungstheorien im Netz verbreitet haben. Generalbundesanwalt Peter Frank attestiert ihm am Donnerstag eine „zutiefst rassistische Gesinnung“.

Der Supermarkt direkt am Platz wird gerade umgebaut. Eigentlich müssten die Handwerker schon längst auf der Baustelle sein. Ein Mann von der Security koordiniert die wartenden Handwerker. Er ist an diesem kalten Morgen vor Ort, obwohl er am Vorabend selbst Zeuge der Gewalttat gewesen ist.

Alle sind erschossen worden. Unser Mitarbeiter und einer meiner Neffen. 

Kemal Kocal, Kiosk-Besitzer in Hanau

Es sei gegen 22 Uhr gewesen, erinnert sich der Mann, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will, als er im Auto vor dem Supermarkt Wache gehalten hat. „Ich habe über Kopfhörer Musik gehört und plötzlich Plop-Geräusche von draußen gehört.“ Als er die Kopfhörer abgelegt habe, habe er bemerkt, dass diese Geräusche Schüsse sind. Er steigt aus. „Neben mir hatte ein Mercedes geparkt, und dann sehe ich einen Mann blutend auf der Straße liegen.“ Er habe sofort die Polizei gerufen. Am Morgen danach wirkt er gefasst. „Ich komme aus Albanien und habe da schon viel gesehen“, sagt er. „Ich hätte nie gedacht, dass so etwas hier passieren würde.“ Dann weist er den nächsten Handwerker ein, sagt ihm, welcher Eingang offen ist.

Sichtschutz: Die Goldfolie verdeckt den Innenraum eines Fahrzeugs am Tatort. 
Foto: dpa

In einem Windfang stehen zwei jüngere Frauen und ein älterer Mann zusammen an einem Absperrband, blicken auf die „Arena Bar“. Plötzlich bricht eine der Frauen in Tränen aus. Sie will nicht reden, schwankt zwischen Trauer und Wut. „Meine Schwester ist tot“, bricht es aus ihr heraus, bevor sie sich abwendet. Der ältere Mann redet. „Schreiben Sie, dass sie eine Roma war, schreiben Sie, was uns hier geschieht“, sagt er eindringlich. Er ist der Vater von Mercedes K. Die 35-Jährige ist eines der Opfer. „Sie wollte nur Chips und eine Cola kaufen, dann ist sie erschossen worden“, erzählt der Vater von Mercedes und blickt wieder zur Bar herüber. Er will so lange bleiben, bis die Polizei ihn zu seiner Tochter lässt. „Um sie zu identifizieren.“ Dann zeigt er auf ein Auto, in dem ein Junge auf der Rückbank sitzt. „Da sitzt ihr Sohn drin.“

Blumen und Lichter am Tatort niedergelegt

Auch in der Innenstadt kehrt keine Ruhe ein. Als es hell wird, rücken Mannschaftswagen der Polizei mit Blaulicht von der Nussallee aus in Richtung in Heumarkt vor, wo die Terrornacht begonnen hatte. Die neuen Beamten sollen ihre Kollegen, die das Areal weiträumig abgesperrt haben, ablösen.

Fahndung: Spezialkräfte sind in Hanau im Einsatz. 
Foto: AP

Gegen zehn Uhr läuft die Spurensuche auf Hochtouren. Kriminaltechniker konzentrieren sich auf die Shisha-Bar „Midnight“. Am Hotel Zum Riesen hat sich ein erster öffentlicher Ort zum Trauern gebildet, einen Meter vor der Polizeiabsperrung liegt ein einzelner Blumenstrauß. Es ist ein Anfang. Klaus Gutschalk hat seine Einkäufe schon erledigt. Auch er hat „ganz spontan“ Blumen gekauft und einen kurzen Abstecher zum Heumarkt gemacht. Er legt die Blumen bedächtig zu den anderen, einige Lichter brennen bereits. „Ich habe das schon gestern Abend mitbekommen“, sagt Gutschalk. „Das hat mich sehr betroffen gemacht, dass so etwas in unserer Stadt passiert. Das ist unfassbar.“

Einen Block weiter, am Kanaltorplatz, haben sich einige Hanauer versammelt, die aus der Türkei stammen. Tee und Kaffee stehen auf dem Bistrotisch, doch keiner greift danach. „Das ist eine Katastrophe“, sagt Kemal Kocak. Der 46-Jährige hat kein Auge zugemacht. Sein Sohn ist der Besitzer des Kiosks am Kurt-Schumacher-Platz. „Die Polizei hat mich angerufen, ich musste zum Tatort kommen“, sagt er mit leiser Stimme. „Es war ein Blutbad.“ Sein Sohn stand an diesem Abend nicht hinter dem Tresen. „Alle sind erschossen worden. Unser Mitarbeiter und einer meiner Neffen.“ Fotos von den Opfern kursieren in der Runde. Kemal Kocak kannte sie alle, nennt ihre Namen: „Ferad, Gökan, Aris, Hamser und Mercedes.“

Der Kiosk-Besitzer kann es nicht fassen: „Ich bin in Hanau geboren. Dass so etwas passiert, hätte ich nie im Leben gedacht.“ Seine Landsleute werfen sich Blicke zu.

Dann kommen weitere Polizeiautos. Sie begleiten schwarze Limousinen. Hessens Innenminister Peter Beuth will sich einen Überblick verschaffen. Er verlässt den Ort des Geschehens ohne ein Wort. Vor dem Hotel gegenüber werden immer mehr Blumen abgelegt. Passanten bleiben stehen und machen Fotos. Anwohner, die sich ausweisen können, werden von der Polizei zu ihren Häusern begleitet.

Menschen gedenken der Opfer von Hanau.
Foto: AFP/Odd Andersen

Am Abend findet auf dem Marktplatz von Hanau eine Mahnwache statt. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier ist angereist, gemeinsam mit seiner Frau Elke Büdenbender legt er einen Kranz nieder und ruft zum Zusammenhalt auf: „Heute ist die Stunde, in der wir zeigen müssen: Wir stehen als Gesellschaft zusammen, wir lassen uns nicht einschüchtern, wir laufen nicht auseinander.“ Den Anschlag nennt Steinmeier eine „Terrortat“. „Denn das heißt doch Terror: durch Gewalt und Tod Schrecken zu verbreiten, Angst zu machen, uns auseinander zu treiben.