Viele Menschen stehen am Mittwoch neben Blumen und Kerzen für die Anschlagsopfer von Hanau.
Foto: AP Photo/Michael Probst

Hanau  Völlig unerwartet wurde ihr Bruder „aus der Mitte unserer Familie gerissen“, sagt Ajla Kurtović mit stockender Stimme. Die junge Frau steht auf der Bühne vor hochrangigen Politikern und weiteren Angehörigen der Opfer des Anschlags in Hanau vom 19. Februar. „Zurückgeblieben ist grenzenloser Schmerz, eine unfassbare Leere und Fassungslosigkeit“, fügt sie hinzu und fordert: Die Tat müsse restlos aufgeklärt werden, so dass es keine Wiederholung geben könne. Hass empfinde sie nicht, denn dieser sei eine Triebfeder für Rassismus. Neun Menschen mit ausländischen Wurzeln hatte der Täter vor genau zwei Wochen erschossen.

Auch Oberbürgermeister Claus Kaminsky kämpft mit den Tränen, als er am Mittwochabend die Trauergäste begrüßt, darunter Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU). In der ersten Reihe sitzen sie bei der zentralen Trauerfeier als Begleiter direkt neben den Hinterbliebenen, gemeinsam legen sie später weiße Rosen neben eine große Kerze auf der Bühne. Eine Stellwand führt dort die Namen der Opfer auf. Sie seien keine Fremden gewesen, sondern Mitbürger, sagt Kaminsky.

„Es tut mir so in der Seele weh“

Kemal Kocak, dessen Sohn der Kiosk gehörte, in dem Schüsse fielen, schildert eindrücklich am Rednerpult, dass er unter Angstattacken leide, selbst zuhause in seiner Wohnung. Er habe viele der Opfer gut gekannt. „Es tut mir so in der Seele weh, mein Herz blutet dermaßen, ich kann es nicht in Worten beschreiben, was passiert ist.“

Hanau: Blumen und Fotos der Opfer erinnern vor dem Kiosk in Hanau-Kesselstadt, einem der Tatorte, an die Opfer des Anschlags vom 19. Februar. 
Foto: Boris Roessler/dpa

Die ergreifende Gedenkveranstaltung wird auf zwei Video-Leinwände übertragen, rund 2000 Menschen kommen dafür nach Polizeischätzungen in der Innenstadt zusammen, einige schwarz gekleidet. Nachdenklichkeit, Bestürzung und Tränen sind in vielen Gesichtern zu sehen. Auf den Leinwänden und an vielen Schaufenstern in der City ist die Botschaft zu lesen: „Die Opfer waren keine Fremden!“. Und: „Hanau steht zusammen“.

Angst und Sorge unter Ausländern in Hanau

Die hilflose Wut, der Zorn, die unmittelbar nach dem Anschlag bei einigen laut wurden, sind erst einmal nicht zu spüren - eher der anhaltende Schock und die Fassungslosigkeit. „Ich muss immer daran denken, wenn ich hier lang gehe“, sagt eine junge Frau mit Kopftuch. „Aber wir müssen trotzdem lernen, damit weiter zu leben.“ Neben Trauer gibt es aber auch Angst und Sorge in Hanau, insbesondere unter den Bürgern mit ausländischen Wurzeln.

Die Tat des 43-Jährigen, der auch seine Mutter und sich selbst erschoss, habe eine Vorgeschichte geistiger Brandstiftung, Stimmungsmache und Hass unter anderem in den sozialen Medien, sagt Steinmeier. Er als „Mann mit weißen Haaren und weißer Haut“ erlebe keine abschätzigen Blicke, verletzende Bemerkungen, herabsetzende Witze oder Ausgrenzung. Diejenigen, die diese Erfahrungen nicht machten, müssten wissen: „Ja, es gibt Rassismus in unserem Land – und das nicht erst seit einigen Wochen. Ja, es gibt eine weit verbreitete Muslimfeindlichkeit.“

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier spricht auf der Trauerfeier in Hanau.
Foto: AFP/KAI PFAFFENBACH

Steinmeier: „Als Teil von uns bewahren wir sie in unserer Erinnerung“

Der Anschlag des nach bisherigen Erkenntnissen psychisch kranken Täters mit rassistischer Gesinnung habe den angeblich Fremden gegolten. Getroffen habe er Menschen, die „hier lebten, lachten, weinten, Pläne für die Zukunft schmiedeten“. Wie Mercedes, eine lebensfrohe Mutter zweier Kinder, wie der Bundespräsident sagt. Oder Ferhat, Firmengründer und Fan von Rapmusik. Steinmeier nennt in seiner Rede alle neun Opfer der Tat mit ausländischen Wurzeln mit Namen. „Sie waren unsere Mitbürgerinnen und Mitbürger. Sie waren so viel mehr als das, was der Attentäter in ihnen sah“, sagt der Bundespräsident. „Als Teil von uns bewahren wir sie in unserer Erinnerung.“

Die Erinnerung soll mit der Trauerfeier nicht enden, betont auch Oberbürgermeister Kaminsky. Die Namen der Opfer sollen zum kollektiven Gedächtnis der Stadt gehören, dazu werde eine Gedenkstätte eingerichtet. Dazu kommen zahlreiche weitere Initiativen. Ein Bündnis hat für den 14. März in Frankfurt zu einer Demonstration gegen Hass und Gewalt aufgerufen. In der Woche darauf soll es in mehr als 1700 Moscheegemeinden bei den Freitagsgebeten unter anderem um die Opfer von Hanau gehen.