Berlin - Handys an Schulen sind für viele Lehrer eine Last. „Sie lenken den Schüler ab und ziehen die Aufmerksamkeit vom Unterricht“, erzählt Uwe Schulze, Musik- und Mathelehrer an einem Gymnasium in Leipzig. Es habe schon Fälle gegeben, erzählt Schulze, da hätten Kinder den Unterricht heimlich gefilmt und die Videos im Internet hochgeladen.

Die Schulleitung hat Handy deswegen im Unterricht und in der Pause verboten. Beim Betreten des Schulgeländes muss es ausgeschaltet und in der Tasche verstaut werden. So lautet zumindest die Theorie. Denn natürlich halten sich längst nicht alle Schüler an diese Regeln. „Wir haben da unsere Spezialisten“, sagt Schulze, „die werden immer wieder erwischt“.

„Das hat in jedem Fall einen abschreckenden Charakter“

Dann wird das Smartphone konfisziert und im Lehrerzimmer gelagert. „Für die Schüler ist das brisant, die hängen ja an ihren Geräten“, sagt der Lehrer. Die Strafe ist auch deswegen für Schüler so drakonisch, weil sie ihr Telefon erst wieder zurückbekommen, wenn die Eltern sich bei der Schulleitung gemeldet haben. „Das hat in jedem Fall einen abschreckenden Charakter“, weiß Schulze.

Obwohl das Handy im Unterricht zu Recherchezwecken und nur mit Erlaubnis des Lehrers auch mal zum Einsatz kommen darf, ist Schulze der Meinung, dass das Smartphone an Schulen ganz verboten werden sollte. So strikt handhabt das nun auch Frankreich. Dort hat das Parlament am Montag per Gesetz die Nutzung von Mobiltelefonen in allen Vor- und Grundschulen sowie in der Sekundarstufe I untersagt.

Da Schulpolitik in Deutschland Ländersache ist, kann jedes Bundesland selbst entscheiden, welche Regularien in den Schulen gelten sollen. In Bayern gibt es dazu ein ähnliches Gesetz wie in Frankreich. Aber auch im Süden des Landes wird das Gesetz längst nicht so rigoros umgesetzt, wie es nun in Frankreich geschehen soll. In Bayern muss das Handy auf dem Schulgelände ausgeschaltet werden - eigentlich. Die Praxis sieht auch hier anders aus.

Stefan Düll ist Schulleiter am Justus-von-Liebig-Gymnasium Neusäß bei Augsburg und zudem stellvertretender Vorsitzender des Deutschen Philologenverbandes. Natürlich dürfe man das Telefon mal benutzen, das sei kein Problem. Das werde toleriert, so Düll. Manchmal muss die Mutter angerufen, manchmal ein Blick in den Vertretungsplan geworfen werden. Auch im Unterreicht komme es mit Erlaubnis der Lehrer zum Einsatz.

Sinnvoller Umgang mit den Geräten

„Wir müssen den Kindern einen sinnvollen Umgang mit den Geräten beibringen, das ist viel wichtiger als Verbote“, findet Düll. Er hält daher nichts davon, dass die Bundesländer dem französischen Vorbild folgen sollten. Diese Verbotsmentalität sei auch ein Zeichen von Kulturpessimismus: „Wir stellen die Kinder und Jugendlichen damit unter Generalverdacht. Wir tun so, als ob nur die Erwachsenen einen positiven Umgang mit den Geräten beherrschen können. Wir sind den Kindern länsgt nicht so überlegen“, betont Düll.

Auf Beiratssitzungen in der Schule seien es vielmehr Eltern und Lehrer, und nicht die Schüler, die oft auf ihren Smartphones herumtippten, berichtet Düll. Und der Blick auf den Schulhof zeige: Die Mehrheit der Schüler spielt in der Pause nicht auf den Handys herum, sondern unterhält sich. „Wir sollten unseren Kindern mehr zutrauen und ihnen die Ängste nehmen“, macht Düll klar.

Zwei Schulen, zwei Meinungen. Auch die Politik ist sich uneins. Marcus Weinberg, familienpolitischer Sprecher der Union, findet den französischen Ansatz richtig, aber „mit der Möglichkeit von Ausnahmen“. „Den Umfang sollten die Schulen selbst entscheiden können“, sagte er dieser Zeitung.

Digitale Impulse

Man sei weder fortschrittsfeindlich, noch befinde man sich „in der Steinzeit der Digitalisierung“, wenn man Kindern Freiräume der Entfaltung jenseits von digitalen Impulsen gebe. „Die direkte Kommunikation mit den Mitschülern, die Konzentrationsfähigkeit oder auch das Spielen mit natürlichen Materialien und anderen Menschen werden durch einen übermäßigen Smartphone-Gebrauch gestört“, sagte Weinberg. Die neuen medialen Kulturtechniken sollten eine Rolle spielen, dürften aber nicht das Leben der Kinder dominieren und sie zu „Analphabeten in den traditionellen Kulturtechniken“ machen.

Auch der familienpolitische Sprecher der SPD, Sönke Rix, begrüßt den Vorschlag aus Frankreich und befürwortet ebenfalls, dass jede Schule den Umgang mit Smartphones und Co selbst regulieren sollte.

Grüne halten generelles Handy-Verbot für überzogen

Die familienpolitische Sprecherin der Grünen, Katja Dörner hält ein generelles Handy-Verbot für „überzogen und auch weltfremd“. Die Schulen selbst sollten aber die Möglichkeit haben, gemeinsam mit ihren Schülerinnen und Schülern zu entscheiden, wie die Handy-Nutzung auf dem Schulgelände geregelt wird und wie die Potentiale der digitalen Medien sinnvoll genutzt werden können“, sagte die dieser Zeitung.

Auch Berlins Bildungssenatorin Sandra Scheeres ist gegen ein generelles Handyverbot an Schulen nach dem Vorbild Frankreichs. „Für eine zentrale Vorschrift für alle Berliner Schulen sehe ich derzeit keinen Anlass“, sagte die SPD-Politikerin am Dienstag der Deutschen Presse-Agentur.