Berlin - Es ist erst zwei Wochen her, dass Frank-Walter Steinmeier im NSA-Untersuchungsausschuss des Bundestages aussagte. Der ehemalige Kanzleramtschef und heutige Außenminister sollte darüber sprechen, welche Praktiken deutsche und amerikanische Geheimdienste einst anwandten und was er davon wusste. Vor der Sitzung traten die Obleute der Fraktionen vor die Mikrofone. Doch für die Grünen sprach nicht nur Konstantin von Notz, 45, sondern bald darauf auch einer, der sein Vater sein könnte: Hans-Christian Ströbele, 76 Jahre alt.

Was Ströbele sagte, war nicht so wichtig. Wichtig war zu zeigen, dass er immer noch da ist – oder: wieder da ist. Vor vier Jahren hatte Ströbele den Krebs der alten Männer: Prostatakrebs. Die frühere Parteichefin Claudia Roth hatte ihn kreidebleich und zitternd neben sich im Bundestag sitzen sehen. Es war nicht gewiss, ob der Kollege noch lange leben würde.

Mittlerweile ist er nicht nur wieder auf dem Damm. Er darf auch erleben, dass am Freitag die erste Biografie über ihn erscheint. Sie trägt den schlichten Titel „Ströbele“ und stammt aus der Feder des taz-Redakteurs Stefan Reinecke, der mit Ströbele und Dutzenden von Zeitzeugen gesprochen hat. Reinecke habe sich „sehr viel Mühe gemacht“, sagt Ströbele, wenn man mit ihm über das Buch redet, es sei angemessen ambivalent. Ganz zufrieden aber ist er nicht. Stattdessen hat ihn das 463-Seiten-Werk in der Absicht bestärkt, eine Autobiografie zu schreiben. Also sich selber zu erklären. „Ich ziehe daraus den Schluss, dass ich mich selbst noch mal sehr intensiv mit einzelnen Punkten befassen werde“, sagt Ströbele. „Aber dazu brauche ich Zeit, also nicht in den nächsten Monaten oder im nächsten Jahr.“ Es gebe unendlich viel Material, Wände voller Akten. „Ich denke, das kann man durchaus interessant machen.“

Vater streng, Mutter fröhlich

Reineckes Buch ist fair ausgefallen – allerdings kritisch und klar. Ströbeles Leben erscheint darin teilweise wie eine Kaskade von Irrtümern.

Der erste Teil befasst sich mit Kindheit und Jugend des Porträtierten. Ströbele wurde kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs in Halle an der Saale geboren und verbrachte die ersten Jahre in Schkopau bei Merseburg, wo sein Vater Rudolf in führender Stellung bei den Buna-Werken beschäftigt war.

Rudolf Ströbele war streng, distanziert und zuweilen depressiv. „Mein Vater hat mir nie etwas aus seinem Inneren preisgegeben. Und ich ihm auch nie etwas aus meinem.“ Mutter Gabriele war hingegen fröhlich, der Welt zugewandt und hatte als Anthroposophin losen Kontakt zur anthroposophischen Familie Otto Schilys. Und dann gab es da noch den berühmten Onkel Herbert Zimmermann, der im Radio das Weltmeisterschafts-Finale von 1954 kommentierte, Toni Turek „Fußballgott“ nannte und die bis heute nachhallenden Sätze rief: „Aus dem Hintergrund müsste Rahn schießen, Rahn schießt … Tooooor! Tooooor! Tooooor! Tooooor!“

Der Junge Hans-Christian kriegt im Frühjahr 1945 mit, wie ein Spielkamerad von einer Granate zerfetzt wird. Die Kinder hatten mit der Granate spielen wollen. Ströbele entgeht dem Tod, weil er mal kurz aufs Klo muss und sich für die Zeit mit den Worten verabschiedet: „Ihr müsst auf mich warten.“

Ströbele hat Probleme in der Schule, vor allem mit den Sprachen. Der Weg dorthin war ein „Leidensweg“, wie er sagt. Doch Defizite macht er früh durch Einsatz wett. Und vom Vater erbt er einen rigorosen Sinn für Gerechtigkeit – und Disziplin. So wird aus dem manchmal wilden Teenager einer, der sich als Wehrdienstleistender zum Vertrauensmann wählen lässt und mit 21 den obligatorischen Aufstieg verweigert, in dem er erklärt: „Herr Hauptmann, ich lehne die Beförderung zum Gefreiten ab.“

Jura-Studium in Berlin

Der Nicht-Gefreite studiert Jura in Berlin. Er hat aus Spaß ein Kleinkalibergewehr und frönt durchzechten Nächten. Aber schon im Sommer 1967 heiratet er die Schauspielerin Juliane Gregor – und zwar in der Kathedrale Notre-Dame in Paris – und besitzt eine Eigentumswohnung. Das Renitente und das Bürgerliche paaren sich.

Der zweite Teil des Buches widmet sich Ströbeles zentraler Lebensphase: seiner Zeit als Anwalt der Roten Armee Fraktion. 1967 absolviert er Teile des Referendariats in der Anwaltskanzlei des linken Horst Mahler, der bald in den bewaffneten Untergrund geht und sich Jahrzehnte später zum Rechtsextremisten wandelt. Ende der Sechzigerjahre gründen sie das Sozialistische Anwaltskollektiv. Ströbele vertritt die Spitzen der RAF, Ulrike Meinhof, Andreas Baader, Holger Meins – und überschreitet dabei auch Grenzen.

Baader nennt er beim Kosenamen „Ändi“, an Meinhof, die in Einzelhaft sitzt und in einen Hungerstreik tritt, schreibt er: „Trotz Deiner Zweifel an meiner Sensibilität trifft mich das Zusehen, Zuhören, ohne viel helfen zu können.“ Die RAF-Terroristen machen den Hungerstreik zur Waffe und nennen die Einzelhaft „Isolationsfolter“. Sie wähnen sich im Kampf mit einem totalitären Staat – wenngleich sie es sind, die zu brutaler Gewalt greifen. Baader beschimpft Ströbele als „alte sozialdemokratische Ratte“, Meinhof notiert: „Stroe, Du Sau sitzt auf Deinem Arsch und tust nichts.“

Der lässt sich das gefallen, aus anwaltlichem Ethos und politischer Überzeugung, und begeht einen entscheidenden Fehler, als er hilft, ein RAF-internes Informationssystem aufzubauen. Die Bundesanwaltschaft beginnt zu ermitteln – wegen Unterstützung einer terroristischen Vereinigung. Der Anwalt wird zu zehn Monaten Gefängnis auf Bewährung verurteilt und sitzt zwischenzeitlich in Untersuchungshaft. Seine Frau, jetzt Lehrerin, verliert ihren Job. Ströbele sei zu einer „Mischung von Anwalt und Aktivist“ geworden und habe sich damit „in einem Graubereich“ bewegt, findet Reinecke. Von Horst Mahler distanziere er sich bis heute nicht. „Mahler war ein Vorbild für mich“, wird Ströbele in der Biografie zitiert. „Ich halte ihn noch immer für einen der besten, eloquentesten Anwälte, die ich je erlebt habe.“

Die Bild-Zeitung tituliert Ströbele als „Briefträger für Bombenleger und Polizistenmörder“. Sein Biograf Reinecke formuliert den Kern des Zeitgenossen heute so: „In der Zeit von Juni 1967 bis 1969 härten Ströbeles wetterfeste Grundüberzeugungen aus, die kaum variiert die nächsten Jahrzehnte überdauern. Er ist skeptisch gegenüber Regierung und Parlament, überzeugt, dass die Justiz Klassenjustiz ist, er glaubt, dass die USA als imperiale Macht ihre Interessen durchsetzen, dass Kapitalismus und Demokratie sich ausschließen und die Konsumgesellschaft das Volk von seinen wahren Interessen ablenkt. Das ist der Katechismus der Fundamentalopposition.“

Politikerlaufbahn beginnt mit taz-Gründung

Der dritte Teil des Buches skizziert Ströbeles Laufbahn als Politiker, die im Grunde mit der Gründung der linken taz beginnt. Er sammelt Geld, um linke Guerrilleros in El Salvador mit Waffen zu beliefern. Er tritt in die Alternative Liste ein, wird Mitte der Achtzigerjahre Mitglied des Bundestages, schmiedet 1989 eine rot-grüne Koalition in seiner Wahlheimat Berlin, verantwortet als Parteichef 1990 das Scheitern der West-Grünen beim Wiedereinzug ins Parlament, bevor er sich zu einem „loyalen Dissidenten“ (Reinecke) entwickelt, der, egal ob bei Sicherheitsgesetzen, dem Kosovo- oder dem Afghanistan-Krieg linke Prinzipien vertritt – freilich nur so weit, wie es realpolitisch gerade eben geht.

Aus dem Kollegen Schily wird der Bundesinnenminister Schily – und ein Widersacher. Zum Widersacher wird auch Joschka Fischer, der wie Schily eines will: die Karriere.

Ströbele bleibt seinen Grundsätzen treu, was ihn vor neuen Irrtümern nicht bewahrt. Er bedenkt die USA mit einem würzig-antiamerikanischen „Yankee go home“. Er rechtfertigt 1991 die Luftangriffe Saddam Husseins auf Israel mit dem verhängnisvollen Satz: „Die irakischen Raketenangriffe sind die logische, ja zwingende Konsequenz der Politik Israels den arabischen Staaten gegenüber, auch dem Irak gegenüber.“ Das Entsetzen ist groß.

Reinecke schreibt, Ströbele habe „im Sprengstoffdepot Streichhölzer angezündet, um mal zu schauen, wie es dort aussieht.“ Typisch für ihn sei „eine Mischung aus hartnäckiger Loyalität und politischer Kurzsichtigkeit“. Das ist hart und nahe an der Wahrheit.

Seit Ewigkeiten in Moabit

Paradoxerweise ist es nicht zuletzt diese Aneinanderreihung von Irrtümern, begangen aus Standhaftigkeit und gepaart mit Freundlichkeit und Bodenhaftung, die Ströbeles Authentizität ausmacht – und dazu führt, dass er 2002 die Sensation schafft und als erster Grüner in Friedrichshain-Kreuzberg ein Direktmandat gewinnt. Ströbele wird zum Liebling Kreuzberg, obwohl er seit Ewigkeiten in Moabit wohnt. Der irrende und der triumphierende Ströbele gehören zusammen.

Ob „der freie Radikale“, wie sein Biograf ihn tauft, 2017 erneut für den Bundestag kandidiert, lässt er offen. „Ob ich noch mal antrete, das entscheide ich nach der Abgeordnetenhauswahl im Herbst“, sagt er jetzt, wenn man ihn danach fragt. „Das muss ich abwägen, auch mit der Gesundheit und so. Und dann muss ich eine Entscheidung treffen.“

Klingt nicht so, als ob Hans-Christian Ströbele aufhören wolle. Kann nur sein, dass er muss.