Hans-Jochen Vogel während des SPD-Bundesparteitages in Bremen 1991.
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BerlinHans-Jochen Vogels letztes Buch ist Ende 2019 erschienen. „Mehr Gerechtigkeit!“ heißt es und ist ein Plädoyer für eine radikale Änderung des Umgangs mit Grund und Boden. Mit seinen 93 Jahren war der Sozialdemokrat so empört über die explodierenden Preise auf dem Wohnungsmarkt, dass er die SPD aufforderte zu handeln: Grundstücke dürften nicht mehr wie eine gängige Ware zur Profitmaximierung eingesetzt werden können. Er hatte dafür eine ganze Reihe konkreter Vorschläge zur Hand, wie die Einführung einer Bodenwertsteuer. Vogel wusste, wovon er sprach. In den 1960er-Jahren war er Oberbürgermeister von München, einer Stadt, die sich auf die Olympischen Spiele 1972 vorbereitete und mit einer heftigen Bodenspekulation konfrontiert war. Als Bundesbauminister hat er das Thema später weiterverfolgt.

Hans-Jochen Vogel zählte zu den Sozialdemokraten, die die Bundesrepublik bis zur deutschen Einheit 1990 wesentlich geprägt haben. Nach seiner goldenen Zeit als Münchener Olympia-OB folgten viele Jahre als Spitzenpolitiker, der die schwersten Ämter übernehmen musste und über den oft am ungerechtesten geurteilt wurde. Die Schwere der Ämter bemaß sich auch an der Größe der Vorgänger: 1983 folgte er Herbert Wehner an der Spitze der SPD-Bundestagsfraktion, 1987 übernahm er dazu von Willy Brandt den Parteivorsitz. Nie hatte er sich danach gedrängelt, immer fiel die Wahl fast unausweichlich auf ihn. Er galt meist als integrer Übergangskandidat, der noch für ein paar Jahre das Gleichgewicht der innerparteilichen Kräfte sicherte.

Doch wesentlicher noch waren die Eigenschaften Vogels. An Charisma mangelte es ihm, doch Selbstdisziplin, Verantwortungsbewusstsein, Bescheidenheit zeichneten ihn aus. Politische Führung betrachtete er als Frage der Organisation, die am besten mit einer Vielzahl von Klarsichthüllen zu bewältigen war. Besonders populär wurde er damit nicht. Aber seine Partei nahm seine Tugenden dennoch gern in Anspruch. Vogel ließ sich oft in die Pflicht nehmen. Er gab 1981 sein Ministeramt in Bonn auf, um als Regierender Bürgermeister in Berlin die SPD in den schon aussichtslosen Kampf um den Machterhalt zu führen. Dann wurde er Chef der Bundestagsfraktion und Oppositionsführer, was ihn auch zum ersten aussichtslosen Herausforderer von Helmut Kohl machte.

Nach 1990 zog er sich aus der aktiven Politik zurück. Aber er stellte sein Wissen dem Land noch in verschiedenen Kommissionen zur Verfügung und er gründete die Initiative „Gegen Vergessen – für Demokratie“ gegen extremistische Gewalt mit, deren Arbeit heute dringlicher denn je erscheint – wie die Botschaft seines letzten Werks: Mehr Gerechtigkeit! Am Sonntag ist Hans-Jochen Vogel mit 94 Jahren in München gestorben.