Der frühere Berliner Wirtschaftssenator Harald Wolf wurde am Sonnabend vom Parteivorstand der Linken zum neuen Bundesgeschäftsführer bestellt, nachdem sein Vorgänger Matthias Höhn zurückgetreten war.

Herr Wolf, mit Ihrem neuen Amt sind Sie in eine komplizierte Vierecks-Beziehung von Katja Kipping und Bernd Riexinger auf der einen Seite sowie Sahra Wagenknecht und Dietmar Bartsch auf der anderen geraten. Was gibt Ihnen die Zuversicht, dass Sie darin nicht wie Ihr Vorgänger zerrieben werden?

Es ist notwendig, dass wir von dieser personalisierten Auseinandersetzung wegkommen und einen Prozess organisieren, in dem wir die offenen Fragen diskutieren. Wir haben Zugewinne in den urbanen Milieus und Verluste unter Modernisierungsverlierern. Es wäre falsch, sich für ein Milieu zu entscheiden und sie gegeneinander auszuspielen. Wir müssen vielmehr das Verbindende herausarbeiten.

Frau Wagenknecht hat die Vorsitzenden aber gerade erst am Wochenende erneut angegriffen. Die Beteiligten sind teilweise regelrecht verfeindet. Wie wollen Sie das denn auflösen?

Es geht nicht darum, dass wir zusammen ziehen und uns alle mögen. Es geht darum, die inhaltlichen Fragen zu lösen. Die Partei besteht im Übrigen nicht nur aus den Partei- und Fraktionsvorsitzenden, sondern aus zehntausenden Mitgliedern. Und die erwarten von uns, dass wir uns den Sachfragen zuwenden. Im Bund bildet sich gerade eine schwarze Ampel. Da wird es auf vielen Politikfeldern Rückschritte geben. Unsere Aufgabe ist es, gegen diese Koalition der Reichen zu mobilisieren.

Was können Sie tun, um wenigstens ein Mindestmaß an Respekt unter den Beteiligten herzustellen?

Da kann man nur appellieren, die Diskussion in den Gremien zu führen und nicht über die Medien und nicht über Facebook.

Sie werden als ruhig und sachlich beschrieben. Gehen Sie auch mal an die Decke?

Gute Frage. Ich habe in der Tat viel Geduld und Langmut. Aber auch meine Langmut ist nicht unbegrenzt. Und es ist am besten, wenn die Situation, in der sie ernsthaft auf die Probe gestellt wird, gar nicht erst eintritt.

Sie sind zunächst bis zum Parteitag im Juni kommissarisch im Amt. Wovon hängt ab, ob Sie dann kandidieren – vom Betragen der großen Vier?

Meine Zusage gilt für die Zeit bis zum Parteitag.

Warum tun Sie sich den Job überhaupt an?

Wir haben eine schwierige Situation in der Partei. Matthias Höhn ist zurückgetreten. Ich hätte es gut gefunden, wenn er weiter gemacht hätte. Denn er war ein guter Bundesgeschäftsführer. Ich will helfen, aus der gegenwärtigen verfahrenen Situation herauszukommen und eine sachliche Debatte, die auch Kontroversen einschließt, zu organisieren. Deshalb habe ich mich bereit erklärt, das Amt kommissarisch zu übernehmen.

Haben Sie vorher mit Ihrem Bruder Udo gesprochen, der Fraktionsvorsitzender der Linken im Berliner Abgeordnetenhaus ist?

Ich habe mich kurz mit ihm beraten.

Und was hat er gesagt?

Er hat gesagt, dass es nicht einfach wird. Aber das wusste ich auch schon vorher.