Einsatz in New York: ein rennender Pfleger in Schutzkleidung.
Foto: AP/Mary Altaffer

New YorkWenn es Frühling wird in New York bin ich gewöhnlich besonders froh, dass ich in Harlem lebe und nicht weiter downtown, in den Bezirken, die durchgentrifiziert sind und in denen die Menschen den Blick senken und den Schritt beschleunigen, wenn sie aneinander vorbeilaufen.

Wenn die Temperaturen hier oben, nördlich der 125sten Straße, steigen, dann kommen die Menschen nach draußen und feiern nach all den kalten Monaten in den eigenen vier Wänden ein Wiedersehen. Man sitzt abends auf den Treppenabsätzen vor den Häusern, die Musik wird angeschmissen, die Kinder spielen auf der Straße Ball. Und ja, die Drogendealer stehen auch wieder an der Ecke.

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Jetzt überkommen mich ganz andere Gefühle als sonst, wenn das Stimmengewirr von der Straße die drei Stockwerke zu mir heraufdringt.

Ich freue mich nicht über das Wiedererwachen des Lebens im Freien, mich überwältigt die Wut, mich ergreift Panik. Wie überall in den weniger wohlhabenden Vierteln New Yorks beachtet hier kaum jemand die Quarantäne-Vorschriften und die Regeln des social distancing. Der Weg von meinem Hauseingang zur Bodega an der Ecke ist kompliziert geworden.

Mindestens einen Meter Abstand zu anderen Menschen zu halten, erfordert Planung und Geschick. Und so wird jeder Gang zu einem seltsamen Tanz.

Plötzlich mittendrin

Bis vor zehn Tagen habe ich das alles noch mit einem gewissen Maß an Humor genommen. Ich fühlte sogar eine gewisse Sympathie für den anarchischen Geist der Regelmissachtung. Doch seitdem hat sich die Lage in New York verschärft. Sie ist bitterernst.

Die Zahl der durch das Coronavirus Infizierten steigt täglich, die der Toten auch. Bis die Epidemie in New York ausklingen und das Virus keine Opfer mehr finden wird, werden laut den jüngsten Berechnungen 16.000 Menschen gestorben sein.

New York ist offiziell das Epizentrum der Pandemie, nicht nur in den USA, sondern weltweit. Die USA haben seit vergangenem Freitag mehr Coronafälle als China und Italien und ein Drittel davon sind in New York gezählt worden. Nirgendwo ist es so schlimm wie hier.

Noch vor zehn Tagen hatte man sich mit einiger Zuversicht in der Quarantäne eingerichtet. Für einen Heimarbeiter wie mich, das dachte ich zunächst, würde sich ohnehin nicht viel am Alltag ändern, man würde halt den Einkauf ein wenig besser planen und die Hände waschen müssen, aber solange man noch zum Sport an die frische Luft kommen würde, würde man schon klarkommen. Ich, der Journalist, habe die Krise als interessierter Beobachter betrachtet.

Doch plötzlich sind wir alle in einem Katastrophengebiet. Jetzt kennt jeder in New York jemanden, die oder der sich das Virus gefangen hat. Man erfährt aus den Erzählungen auf Facebook, wie dreckig es den Leuten dabei geht. Das Gefühl, dass man morgen selbst an einem Beatmungsgerät hängen könnte, ist sehr real geworden.

Die größte Furcht: In ein Krankenhaus zu kommen

Das Schlimmste an der Lage ist jedoch der Eindruck, dass die Dinge völlig außer Kontrolle geraten sind. Die Infektionszahlen schießen trotz Ausgangssperre ungebremst in die Höhe, von einer „flachen Kurve“ keine Spur. Und keiner der Verantwortlichen hat auch nur ansatzweise einen Plan, wie das alles in den Griff zu kriegen ist.

Es ist anders als in einem anständigen Western. Die Kavallerie wird diesmal nicht im letzten Moment angeritten kommen.

Ich habe einen solchen Systemzusammenbruch schon einmal erlebt. Vor 15 Jahren war ich in New Orleans, um über das Wüten des Hurrikans „Katrina“ zu berichten, die Verheerungen, die er angerichtet hatte. Auch damals haben die Leute vergeblich auf Rettung gewartet. In überschwemmten Häusern, in Stadien und Kongresszentren und in Krankenhäusern, in denen es am Ende kein Strom und kein Wasser mehr gab und die Leute elend verreckt sind. Auch damals kam niemand zur Hilfe. Der Abbau des Staates, der in den USA in den Achtzigerjahren begonnen hatte, trug bittere Früchte.

Damals habe ich das Geschehen als Reporter wahrgenommen. Jetzt bin ich mittendrin. Jeden Tag schaue ich auf die Zahlen der Neuinfektionen in der Stadt, auf die Karten, die zeigen, wie sich das Virus in den verschiedenen Bezirken ausbreitet. Jeden Tag versuche ich zu berechnen, wie die Chancen stehen, ungeschoren durchzukommen. Und jeden Tag werden die Chancen schlechter.

Die größte Furcht der meisten New Yorker ist es jetzt, dass man in ein Krankenhaus muss. Die Krankenhäuser sind schon jetzt zu Orten des Grauens geworden. Eine befreundete Journalistin, die seit zehn Tagen mit Covid-19 zu Hause liegt, schreibt: „Meine größte Sorge ist, dass die Symptome schlimmer werden und ich ausgerechnet zum Höhepunkt des Ausbruchs in einem überfüllten Hospital lande oder – schlimmer noch – in Javits Messezentrum, das jetzt in ein Notkrankenhaus umgewandelt wird. Ich will nicht in einem Messezentrum sterben.“

Der Höhepunkt des Ausbruchs, so wird vorhergesagt, ist etwa einen Monat entfernt, also Ende April. Genau zu diesem Zeitpunkt wollte Donald Trump bis vor Kurzem noch Amerika wieder „for business“ öffnen. Bis dahin, so die Vorhersage, wird New York 140.000 Krankenhausbetten brauchen. Derzeit stehen 53.000 zur Verfügung.

Die Hälfte der Patienten in der Notaufnahme haben ohnehin Corona

In vielen Kliniken ist schon jetzt der Betrieb zusammengebrochen. So kursierte vor einigen Tagen ein schockierender Bericht der New York Times aus einem Krankenhaus im Stadtteil Elmhurst, in dem die Ärzte verzweifeln. Dort musste ein Kühlwagen angefordert werden, um die Corona-Leichen aufzubewahren. Die Notaufnahme behandelt dort gewöhnlich 200 Patienten täglich, in der vergangenen Woche waren es 400.

Man hat vor dem Krankenhaus ein Zelt aufgebaut, um die Neuaufnahmen zu behandeln. Infizierte von nicht-infizierten Patienten zu trennen, ist unmöglich geworden, die Ärzte schätzen, dass etwa die Hälfte der Patienten Corona haben, egal, mit welcher Diagnose sie eingeliefert wurden.

Genau weiß es jedoch niemand, weil das Krankenhaus wie alle anderen Kliniken noch immer nicht genügend Tests hat. Nicht einmal die Ärzte können sich alle testen. Es fehlt aber auch an allem anderen. Das Personal muss drei Tage lang die gleiche Schutzmaske tragen.   „Ich bin in Panik“, sagt ein Arzt aus Elmhurst. „Das Virus bringt nicht nur die Uninformierten um. Es tötet Leute mit Schutzkleidung. Es nimmt einfach jeden mit.“

Das größte Problem für die Krankenhäuser ist weiterhin, dass es zu wenige Beatmungsgeräte gibt. Man jetzt dazu übergegangen ist, zwei Patienten mit einem Gerät zu beatmen.

Das Thema „Beatmungsgeräte für New York“ hat sich zum nationalen Politikum entwickelt. Immer wieder hat man die Bilder des Gouverneurs Andrew Cuomo gesehen, der das Weiße Haus um dringend benötigte 30.000 Maschinen anflehte. Und dann den kleinlichen Trump, der sich weigerte, die Geräte, die der Bund auf Lager hat, freizugeben, weil er Cuomo nicht mag. Und weil er seine Heimatstadt New York nicht mag, die ihn nie akzeptiert hat, die ihn immer als vulgären Außenseiter behandelt hat, in den Achtzigerjahren schon. Und an der er sich jetzt rächt.

Nun muss Cuomo, wie er in seiner täglichen Pressekonferenz am Mittwoch sagte, sich auf dem freien Markt „mit der ganzen Welt um die wenigen Beatmungsmaschinen balgen, die es da draußen gibt“. Dabei drängt die Zeit. Bürgermeister DeBlasio sagte, dass die Stadt bis zum Wochenende dringend 500 Geräte brauche.

Unterwegs mit selbst gemachter Schutzmaske: Eine Frau mit Lebensmitteln in Harlem.
Foto: Kena Betancur/AFP

Bei denjenigen von uns, die nur einen Supermarktbesuch davon entfernt sind, ein solches Gerät zu benötigen, ruft dieses Spektakel einen übermächtigen Zorn hervor. Und irgendwie tut dieser Zorn auch wieder gut, weil er dabei hilft, die Angst zu überdecken. Es ist ein Zorn, den viele New Yorker teilen. „Trump hat jetzt schon Blut an seinen Händen“, sagte eine Ärztin aus dem Jacobi-Krankenhaus in der Bronx, das wie Elmhurst verzweifelt versucht, mit den wenigen vorhandenen Mitteln den Ansturm an Schwerkranken zu bewältigen.

Immerhin gab es in der vergangenen Woche einen Lichtblick. Am Montag lief die „Comfort“, ein Krankenhaus-Schiff der Marine, in den New Yorker Hafen ein. Comfort – das bedeutet Trost, der Anblick des großen weißen Bugs mit dem roten Kreuz an einem Pier im Hudson, an dem sonst Kreuzfahrtschiffe liegen, ließ die Stadt für einen Augenblick aufatmen.

Doch viel mehr als ein Trost ist das Schiff nicht. Die 1000 Betten bringen in der verzweifelten Lage kaum Linderung.

Natürlich habe ich jetzt öfter daran gedacht, in einen jener 15 Flieger zu steigen, die noch immer in jeder Woche nach Frankfurt am Main starten. Ich habe überlegt, die Pandemie im wohlorganisierten Deutschland auszusitzen, wo man rechtzeitig reagiert hat, wo die Politik weitgehend rational handelt und die Sterberate von Corona-Patienten so viel niedriger ist als hier.

Aber dann war das Gefühl stärker, nach mehr als 20 Jahren hierher, in diese Stadt zu gehören, das Gefühl, dass es eine Art von Verrat an den anderen Newyorkern wäre, jetzt das Weite zu suchen. Also sitze ich dieses Ding hier in Harlem aus und möchte um keinen Preis irgendwo anders sein.

Wenn der Nachbar im Flur hustet, hört man genauer hin

Am vergangenen Freitag, an einem absurd schönen Frühlingsnachmittag, hatte ich ein ausführliches Gespräch mit der Schriftstellerin Siri Hustvedt, es war ein Videochat, versteht sich. Wir haben unsere Sorgen geteilt, haben darüber geredet, wie schlimm es in den nächsten Wochen noch werden könnte, wie viele Ärzte und Pfleger krank werden und sterben und wie viele unserer Freunde und Bekannten es erwischen wird.

Am Ende des Gesprächs stand dann aber doch, ganz amerikanisch, die Hoffnung. Die Hoffnung, dass diese Krise die Trump-Regierung bloßstellt – als inkompetent und psychopathisch. Die Hoffnung, dass die Menschen durch das Virus begreifen, wie sehr wir alle vernetzt und voneinander abhängig sind und wie sinnlos es ist, die Welt aufzuteilen in „wir“ und „die anderen“.

Das Gespräch klingt bis heute in mir nach und hilft mir dabei, ganz ohne Zorn auf Trump einen weiteren Tag durchzustehen, einen weiteren Tag, an dem ich immer wieder horche, ob ein Nachbar auf dem Flur vielleicht etwas zu viel hustet. Und doch: New York wird schon irgendwie durchkommen.