Ein starkes Paar mit einer Vision: Harry und Meghan.
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BerlinDie Geschichte beginnt mit einer Unverschämtheit, mit einem Wort: Megxit. Dieses Wort gibt uns zu verstehen, dass Meghan Markle (38) eine selbst- und statussüchtige Schauspielerin ist, auch eine mit den protokollarischen Gepflogenheiten des britischen Königshauses überforderte Amerikanerin, eine über das gediegene Techtelmechtel mit Prinz Harry (35) weit hinausgehende, da feministische und auch sonst politische Ziele verfolgende Frau … Das Wort Megxit soll sagen, dass Meghan Markle die alleinige Schuld an dem desolaten Zustand des britischen Königshaus trägt.

Am 8. Januar hatten Meghan, Herzogin von Sussex, und Prinz Harry, Herzog von Sussex, per Instagram mitgeteilt, sich als aktive Mitglieder der britischen Königsfamilie zurückzuziehen. Die Medien erfanden mit dem „Megxit“ daraufhin einen anspielungsreichen Slogan. „Der ,Megxit‘ ist der neue Brexit in einem nach Alter und Politik gespaltenen Großbritannien“, fasste die New York Times die Lage treffend zusammen. Der Megxit als Menetekel für ein sieches Insel- und Königreich, als Anfang vom Ende – Harry, Meghan und Boris Johnson waren somit in Verantwortungsflucht vereint.

Aktuell wird das Königshaus aber eher durch Prinz Andrews Verwicklung in den Epstein-Skandal bedroht. Für den Untergang braucht es Harry und Meghan also gar nicht. Anstatt sich mit dem Unabänderlichen zu beschäftigen, ist die viel interessantere Frage ohnehin, was aus den beiden eigentlich werden soll. Mit der Aufgabe ihre königlichen Ämter fielen ihnen die königlichen Privilegien weg, sie durften ihren hoheitlichen Namen nicht weiter verwenden – für kommerzielle Zwecke etwa – und mussten auf die Apanage von umgerechnet zwei Millionen Euro jährlich verzichten. Ihnen bleibt immerhin ein Vermögen von 42 Millionen Euro.

Die beiden müssen einen standesgemäßen Lebenswandel mit Kind und bester Wohnlage in Los Angeles finanzieren. Wichtiger ist aber wohl, der drohenden Sinn-Entleerung durch den Bedeutungsverlust wehren zu müssen. Das trieb ihr kleines, postroyales Start-up schon früh um. Nach der Abgabe des für Marketing- und vor allem Selbstvermarktungszwecke attraktiven Königs-Titels brauchen die beiden einen neuen Claim. Harry und Meghan entschieden sich für den Namen ihres einjährigen Sohns – Archie Harrison Mountbatten-Windsor – und damit für die Form eines sympathischen Familienbetriebs: die New Archewell Foundation.

Die Stiftung wird wohl erst im nächsten Jahr nach der Klärung der Namens- und Markenrechte offiziell gegründet werden. Einen Stiftungszweck zeichnet sich aber jetzt schon ab, er ließe sich im weitesten Sinne als Charity – Nächstenliebe, Wohltätigkeit – bezeichnen. Harry und Meghan verfügen über hinreichende Ressourcen, die auch für ein karitativen Business-Case bedeutsam sein könnten. Es seien hier nur ein paar Beispiele genannt.

⊖ Allen voran ist da noch der quasi-parasitäre, langsam versiegende royale Nimbus der einstmaligen Hoffnungsträger der Monarchie.

⊖ Harry ist gelernter Soldat und Kriegsteilnehmer, er engagiert sich unter anderem mit den Invictus Games für kriegsversehrte Soldaten.

⊖ Meghan verfügt über einen möglicherweise zu reaktivierenden Restglamour aus ihrer aktiven Schauspielzeit.

⊖ Harrys Bezug zum britischen Commonwealth und Meghans afroamerikanische Herkunft bieten weite politische Betätigungsfelder.

Globale Botschaft per Videoübertragung: Harry und Meghan sprachen vor einer Woche über Rassismus und Kolonialismus.
Foto: dpa/The Queen's Commonwealth Trust

Bei alldem kommt es auf Glaubwürdigkeit an. Das ist das symbolische Kapital, das Meghan und Harry in geldwerte Beträge ummünzen müssen. Sie stehen dabei vor der Herausforderung, dass sie von ihrer Existenz als Repräsentanten einer staatlichen, eben königlichen Institution mit all ihren Beschränkungen, aber auch Möglichkeiten zurückgetreten sind – und sich nun als Privatpersonen einen gleichwertigen  Allgemeinvertreterstatus zurückerobern müssen, der nicht mehr royal sein kann oder darf. Paradox: Meghan und Harry müssen sich neu erfinden und doch die gleichen bleiben. Oder, bündiger: Meghan und Harry haben eigentlich keine Chance.

Image-Schaden: Die Klimaschützer Harry und Meghan steigen in einen spritfressenden SUV (unten).

Foto: Facebook/Daily Mail

Das zeigt sich schon im Kleinen. Harry wirbt auf der Webseite seiner Initiative „Travalyst“ für klimaneutralen Tourismus: „Unter der Leitung des Herzogs von Sussex ist Travalyst eine mutige, neue globale Initiative, die von Booking.com, Skyscanner, Trip.com, TripAdvisor und Visa mit dem Ziel gegründet wurde.“ Klingt gut. Aber vor wenigen Tagen wurden Harry und Meghan von dem Boulevardblatt Daily Mail dabei beobachtet, wie sie in in Beverly Hills einen 400 PS starken Geländewagen bestiegen – einen spritfressenden Cadillac Escalade mit Sechs-Liter-Motor!

Ein Image-Schaden fürs Charity-Label. Dabei geht’s auch anders. So ließen sich die Ex-Royals unlängst in der Backstube von „Homeboy Industries“ blicken, wo frühere Gangmitglieder und Ex-Häftlinge arbeiten und einen Weg ins bürgerliche Leben finden sollen. Hier packte das Paar „völlig engagiert und sehr ungezwungen“ mit an, wie der Projektgründer Greg Boyle der Promi-Zeitschrift People berichtete. Mit Mundschutz, Gummihandschuhen und Haarnetzen, mitten in der Corona-Pandemie: Harry und Meghan sind dabei! Zuvor hatten sie in Los Angeles schon Mahlzeiten an Kranke und Bedürftige ausgeteilt.

Ein sehr viel größeres Risiko ging Meghan ein, als sie am 4. Juni über den Mord an George Floyd sprach und erklärte, dass „schwarze Leben eine Rolle spielen“. In dieselbe Richtung ging Harrys Auftritt vor einer Woche, als er in einer Videobotschaft vor dem „Queen’s Commonwealth Trust“ forderte, Großbritannien müsse sich endlich seiner kolonialen Vergangenheit stellen. Rassismus und Kolonialismus: Hier eröffnen sich hochriskante, aber dezidiert politische und eben deshalb lukrative Betätigungsfelder für das postroyale Charity-Start-up. Doch ob das die Menschen interessiert? Vielleicht.

Vielleicht aber auch nicht. Kürzlich wurde Meghan von der Daily Mail in dem Gebäude des Canon Medical Centers in Los Angeles gesehen, das medizinische Zentrum beherbergt verschiedene Spezialisten, unter anderem für Frauenheilkunde – sofort kursierten Gerüchte über eine neue Schwangerschaft. Anderes Beispiel: Nach seiner antikolonialistischen Commonwealth-Schelte musste sich Harry vom britische Hof-Fotografen Arthur Edwards im Boulevardblatt The Sun sagen lassen, dass er endlich aufhören solle, auf Meghan zu hören.

Da war er wieder, der Megxit. Die Frau ist an allem schuld. Harrys und Meghans Fluch. Und so bleibt das Paradox: Die beiden müssen, wenn sie erfolgreich sein wollen, alles Royale hinter sich lassen, doch fehlt ihnen ohne das Royale eben der Ort, von dem sie zu uns sprechen können. Denn Harry und Meghan sind allein wegen ihrer royalen Vergangenheit von allgemeinem Interesse, nicht aber als postroyale Privatpersonen. Als solche sind sie beliebige Jedermanns, die mit der zunehmenden Entfernung vom britischen Hof in der Unkenntlichkeit verschwinden werden.

Sich aus eigener Kraft aus der Bedeutungslosigkeit ziehen: Der hier rettende Imagetransfer käme wohl einer Münchauseniade gleich. Bis dahin muss die Gewinnausschüttung fürs familiäre Charity-Start-up warten.