Irgendwann, als Christian Rath schon lange kein Toastbrot mehr sehen konnte, versuchte er es mit einer WhatsApp-Nachricht an seinen reichen Onkel. „Bitte leih mir Geld.“ Die Antwort kam kurz danach: „Bitte leih mir Geld.“ Zu lesen in der WhatsApp-Gruppe der ganzen Familie, wohin der Onkel die Originalnachricht einfach weitergeleitet hatte. Eine Bloßstellung. Später erhielt Christian Rath dann noch eine Nachricht, in der er ihm jemand eine Therapie empfahl. Zum Abendessen gab es dann wieder Toastbrot.

Wenn ein Mensch keine Arbeit hat und kein Erspartes, dann soll er nicht hungern, sondern bekommt Unterstützung. Und zwar vom Staat. Das ist Konsens in Deutschland. Es gibt allerdings ein paar Spielregeln: Wer Geld bekommt, muss regelmäßig Termine im Jobcenter wahrnehmen, Bewerbungen schreiben oder angebotene Stellen annehmen. Wer das nicht macht, bekommt eben kein Geld. Auch das ist Konsens in Deutschland. Es ist alles ganz einfach.

Das Gesetz gibt den Mitarbeitern in Jobcentern Spielraum, Gelder zu streichen

Aber was geht bei einem Menschen, dem man mit voller Absicht das Geld zum Leben nimmt, so alles kaputt? Und darf man das eigentlich, im Leben eines Menschen etwas kaputtmachen? Auch dann, wenn er sich nicht so verhält, wie man das gerne hätte? Wenn er sich so verhält wie Christian Rath?

Rund 900.000 Sanktionen haben die Jobcenter in Deutschland 2016 nach Angaben der Bundesregierung verhängt, 400.000 Arbeitslose waren davon betroffen. Es sind Menschen, die Termine verpasst haben, Menschen, die einmal zu oft eine angebotene Arbeit abgelehnt oder das abgebrochen haben, was im Deutsch der Arbeitsagentur als „Maßnahme“ bezeichnet wird. Das Gesetz gibt den Mitarbeitern in den Jobcentern den Spielraum, Gelder zu streichen. Gestaffelt um 30 Prozent, 60 Prozent – oder komplett. Dann wird nicht einmal die Miete übernommen. Bei Rath war das so.

Kleines Zimmer mit einer Matratze und einer Mikrowelle

Christian Rath ist ein hagerer Mann von 43 Jahren; er hat ein junges Gesicht, redet schnell und temperamentvoll – und dass er in einer fränkischen Kleinstadt lebt, hört man auch. Aus seiner alten Wohnung ist er inzwischen ausgezogen, das habe „andere Gründe“ als Geldnot – im Moment ist er untergekommen bei einem Freund, einem „sehr bekannten Künstler“, der zurzeit unterwegs in Berlin ist.

Christian Rath bewohnt in der Altbauwohnung ein kleines Zimmer mit einer Matratze und einer Mikrowelle. Und erklärt, was in diesem Land alles falsch läuft. „Es geht nicht um die Bekämpfung der Arbeitslosigkeit, sondern um die der Arbeitslosen“, sagt Rath. Er findet: Er hat das System herausgefordert. Dafür hat man ihn bestraft.

Aus dem Tritt geraten

Wenn man mit Christian Rath zusammentrifft, dann merkt man schnell, dass alles in seinem Leben improvisiert ist. Das gilt ebenso für den alten Laptop, der nur ein Bild gibt, wenn man ihn an einen alten externen Monitor anschließt. Und das gilt auch für seine Arbeitsbiografie. Die geht in etwa so: Einige Jahre arbeitete er als Industriemechaniker, bis er dann gehen musste, weil sein Betrieb in Schieflage geraten war. Die Arbeitsagentur vermittelte ihm rasch neue Jobs in dem Sektor – aber als Zeitarbeit, für viel weniger Geld.

Dann geriet er aus dem Tritt, versumpfte als DJ im Techno-Milieu. Später fing er sich wieder und versuchte gemeinsam mit einigen Freunden, eine Art Internetvertrieb für den lokalen Handel aufzubauen. Einen Nachmittag lang ging er dafür durch Geschäfte im nahen Ansbach und fragte die Leute am Tresen, ob sie nicht Lust hätten, ihre Waren online zu verkaufen. Das Projekt scheiterte. „Aber das Jobcenter hat uns bei der Existenzgründung auch nicht richtig unterstützt.“

Unzumutbare Auflagen des Jobcenters

Nach dem Ende seines Unternehmens stand Christian Rath wieder da, wo er einige Jahre zuvor gewesen war: ein arbeitsloser Industriemechaniker, der nur Angebote in Zeitarbeitsfirmen erhalten würde – oder den man gleich in irgendein Bewerbungstraining stecken würde. So hätte es kommen können. Hätte er nicht irgendwann den Gedanken gehabt: „Diesmal nicht.“

Dieser Moment lässt sich bei Christian Rath datieren auf einen Tag im Dezember 2012 – oder genauer: auf jenen Abend, am dem er bei Sandra Maischberger auf dem Sofa einen gewissen Ralph Boes sitzen sah. Es war ein Arbeitsloser, wie er selbst – und doch so ganz anders. Einer nämlich, der sich nicht herumschubsen ließ und der jedes Stellenangebot ablehnte. Aus Prinzip; weil er die Auflagen des Jobcenters für unzumutbar hielt. Und der dafür sanktioniert wurde. Ralph Boes forderte andere Arbeitslose auf, sich so zu verhalten wie er selbst – und Christian Rath wusste auf einmal, was er machen wollte. Er fühlte sich großartig.

Wenn man auf Ralph Boes’ Internetseite geht, kann man dort noch heute eine sogenannte Richtervorlage herunterladen. Das ist eine Art Vordruck zum Ausfüllen, den man nach einer Sanktion bei einem Sozialgericht vorlegen kann. So ist es jedenfalls gedacht. Ziel der Vorlage ist es, vor das Bundesverfassungsgericht zu kommen – um dort die Verfassungswidrigkeit der ALG-II-Sanktionen feststellen zu lassen.

„Irgendwas mit Pinseln“

Christian Rath beschloss: So würde er es auch machen. Er würde dafür sorgen, dass er sanktioniert wird, mit voller Absicht. Also ging er zu seinem Fallmanager bei der Arbeitsagentur und erklärte ihm, dass er keine Stelle mehr annehmen würde. Es geschah: nichts.

Der Sachbearbeiter sagte, er habe in seinem ganzen Leben noch keine Sanktion verhängt – und dass er nicht gedenke, das jetzt zu tun. Christian Rath war nun ein Rebell, dem man die Rebellion verweigerte. Zwei Jahre lang lebte er so, erhielt Leistungen, die er eigentlich gekürzt haben wollte; dachte darüber nach, einen Pizzastand zu eröffnen und ließ es dann doch lieber. Dann wechselte die Fallmanagerin. Und das Spiel begann.

Und zwar mit einem Vermittlungsvorschlag. Zeitarbeit natürlich. Christian Rath sagt: „Irgendwas mit Pinseln.“ Er suchte sich einen Zeugen, ging zum Jobcenter und sagte der Frau, dass sie mit ihrem Handeln gegen die Grundgesetzartikel eins, zwei und zwölf verstoße. Er bekam eine Leistungskürzung von 30 Prozent.

In 70 Prozent der Fälle seien verpasste Termine Ursache für Leistungskürzung

Außerdem redete Christian Rath noch mit seiner Vermieterin: Es könne sein, dass er bald weniger Geld habe. Sie sagte, das würden sie schon hinkriegen. Die beiden kamen gut miteinander aus.

Wenn man sich die Vorgeschichte von Christian Raths Sanktionierung ansieht, dann wirkt diese zunächst ungewöhnlich: In rund 70 Prozent der Fälle seien verpasste Termine die Ursache für eine Leistungskürzung, schätzt man bei „Sanktionsfrei“, einem Verein, der Menschen nach einer Sanktion unterstützt oder auch gegen drohende Sanktionen vorgeht. Dass jemand bestraft wird, weil er es darauf anlegt, ist dagegen sehr selten. Und doch ist Christian Raths Weg in die Sanktion auf eine gewisse Weise nicht weniger typisch als der vieler anderer Menschen: Jemand unterschätzt eine Situation, ist vielleicht überfordert – und auf einmal entgleiten ihm die Dinge.

Wann genau das bei Christian Rath geschah, lässt sich nur schwer sagen. 30 Prozent weniger Geld, das machte ihm kaum etwas aus – auch, weil er schon lange gemeinsam mit der Vermieterin einen Gemüsegarten unterhielt. Auch seine zweite Sanktion, 60 Prozent, ließ er erst mal einfach durchgehen. Und begann dann doch zu überlegen: Kann ich damit leben? Er dachte nach, vergaß, dann war die Widerspruchsfrist verstrichen.

„Es ist genug“

Und doch: Es ging. Er fuhr nun nicht mehr Zug und freute sich darüber, dass das Gemüse im Garten so wunderbar wuchs. Half bei einem Freund in dessen Kneipe aus. Der Sommer war lang, das Leben simpel – und auch das nächste Vermittlungsangebot lehnte er ab. Im November 2016 kam die letzte Sanktion: 100 Prozent. Er erhielt jetzt nichts mehr, auch keine Miete. „Mir war nicht wirklich bewusst, worauf ich mich einlasse“, sagt Christian Rath heute.

Vor allem, weil er bald wieder Arbeit hatte – aber nicht so, wie er sich das vorgestellt hatte. Kurz nach der ersten ausgebliebenen Zahlung stand seine Vermieterin vor der Tür. Sie habe vor, ihren Dachboden auszubauen und könne dabei etwas Hilfe gebrauchen. Christian Rath sagt, er habe geholfen, acht Stunden am Tag, anderthalb Wochen lang. Dann sagte er: „Es ist genug.“ Als er das nächste Mal den gemeinsamen Keller betrat, waren die Einmachgläser mit dem Gemüse verschwunden.

Wenn einer von einem Nachbarschaftsstreit erzählt, dann ist klar, dass man seine Version bekommt und nicht unbedingt die endgültige Wahrheit. Und, ja, Streit kann man auch dann bekommen, wenn gerade sehr viel Geld da ist. Allerdings muss man sagen: Auf einmal drehten viele Beziehungen in Christian Raths Leben ins Seltsame – und ins Unfriedliche. Mit seiner Mutter stritt er sich jetzt mehr als ohnehin schon. Schließlich lieh sie ihm Geld für eine Miete.

Fünf Euro am Tag mit Pfandflaschen

Abgesehen davon hatte er kein Geld – außer dem, das er auf der Straße fand. Fünf Euro am Tag konnte er mit Pfandflaschen machen, manchmal auch zehn. Man muss dazu wissen, dass Christian Rath sehr gerne mit dem Rad unterwegs ist, fast jeden Tag macht er längere Touren. Jetzt nahm er Taschen mit und änderte die Routen: Nicht mehr die schönen Wege fuhr er, sondern die Straßen, auf denen möglichst viele Autos unterwegs waren. An den Rändern der Bundesstraße sammelte er Flaschen auf, die Autofahrer aus den Fenstern geworfen hatten.

Drei bis vier Stunden fuhr er durch die Kälte, an manchen Tagen auch mehr – etwa dann, wenn er in den Discounter ein paar Ortschaften und Kilometer weiter musste. 58 Cent kostete dort die Packung Weizentoast, auch Butter war damals noch bezahlbar. Dazu kaufte Christian Rath preiswerten Käse, manchmal auch Marmelade. Das war der Inhalt seines Kühlschranks; zu trinken gab es Leitungswasser.

Es ist nicht so, dass Christian Rath Hunger gelitten hätte – aber so richtig satt wurde er auch nie. Was egal war, denn eigentlich hatte er gar keinen Hunger. „Ich habe nichts runtergekriegt“, sagt er und deutet auf seine Taille. Acht Kilo will er in dieser Zeit verloren haben. Am Ende waren es 73. Und er hatte es ja noch gut: Internet und Strom, das lief bei ihm über die Vermieterin. Sie hätte ihm Heizung, Informationen und Licht abstellen können – tat es aber nicht. Manchmal gab sie ihm eine Gemüsekonserve.

Putzen mit der Mutter

Eines Tages bot ihm seine Mutter an, er könne ja mal mit ihr putzen gehen. Es war Sonnabend und in dem großen Firmengebäude kein weiterer Mensch. Die Mutter übernahm das Erdgeschoss, Christian Rath putzte im ersten Stock. Es war wie für die beiden arrangiert: Sie mussten nicht miteinander reden und konnten sich doch helfen. Die Mutter gab dem Sohn die Hälfte vom Lohn, zehn Euro. Von da an ging es bergauf.

Irgendwann wurde für ein paar Wochen ein Zimmer in einer WG frei und Christian Rath durfte dort einziehen – obwohl bekannt war, dass er zunächst keine Miete würde zahlen können. Es war die improvisierte Lösung eines Mannes, der ein improvisiertes Leben führt – und die nächste Lösung fand sich auch bald. Christian Rath wandte sich an den Verein „Sanktionsfrei“, und dort sah man sich seinen letzten Sanktionsbescheid noch einmal genau an. Man fand – einen Formfehler. Welchen genau, das weiß Rath nicht. Nur, dass er eines Morgens einen Anruf aus einer Anwaltskanzlei erhielt und eine Frau sagte: „Ich kann Ihnen heute eine freudige Nachricht machen.“ Er werde das Geld bekommen. Sein Geld.

Christian Rath hat sich durchgesetzt

Christian Rath vermittelt nicht gerade den Eindruck, dass er seine Situation im Leben durchdrungen hätte. Er hat sich eine Weile treiben lassen, wurde dabei ziemlich oft herumgeschubst, und irgendwann hatte er genug. So, wie er ist, hat er sich einfach mal gewehrt, ist einfach mal gescheitert – und hat sich dann helfen lassen.

Ralph Boes, den Christian Rath hat an jenem Dezemberabend im Jahr 2012 im Fernsehen gesehen hat, führt seinen Kampf gegen die Sanktionen übrigens fort. Mehrere Male trat er in Hungerstreik, im Mai 2017 reichte er in Karlsruhe eine Verfassungsbeschwerde ein. Diese wurde allerdings nicht zur Entscheidung angenommen.

Christian Rath hat sich einstweilen durchgesetzt. Man kann auch sagen: Er hat sich durchsetzen lassen. Wie ihm das gelungen ist, weiß er selbst am wenigsten. Er erhielt vor einiger Zeit Geld ausgezahlt, mit dem er alle seine Schulden bezahlt hat, wie er sagt. Ein bisschen ist noch übrig, er lebt sparsam wie immer und deswegen ganz gut davon. Arbeitslos gemeldet ist er zurzeit nicht. Wie es weitergeht, wenn das Geld aufgebraucht ist? Das weiß er nicht. Er hat ja noch ein paar Monate Zeit.