Harvey Weinstein auf dem Weg ins Gericht. Sollte er in New York freigesprochen werden, erwartet ihn in Los Angeles ein weiteres Verfahren.
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New YorkClaudia Salinas möchte überall sein: Zu Hause im sonnigen Beverly Hills vielleicht, oder, wenn schon in New York, dann zumindest bei einer der Modenschauen der Fashion Week, die in dieser Woche begonnen hat. Doch stattdessen sitzt Salinas an diesem verregneten Morgen im Zeugenstand eines kargen Gerichtssaals am Foley Square in Manhattan – das Haar streng zurückgebunden, im seriösen grauen Blazer. 

Die Schauspielerin und selbst ernannte Influencerin, die von der Männerzeitschrift FHM einmal zu einer der 100 schönsten Frauen der USA gewählt wurde, soll heute im Harvey-Weinstein-Prozess aussagen. Jenem Prozess, bei dem es um so viel mehr geht als um den ehemaligen Filmmogul, der im Herbst 2017 zum Sinnbild der MeToo-Bewegung wurde.

Und der im Gerichtssaal unter den Augen der Weltöffentlichkeit seit Anfang Januar ganz konkret zwei Fälle verhandelt: Weinstein wird vorgeworfen, 2006 die Produktionsassistentin Mimi Haleyi zum Oralsex gezwungen zu haben, die Schauspielerin Jessica Mann soll er 2013 vergewaltigt haben. Bei einer Verurteilung droht dem 67-Jährigen lebenslange Haft.

Salina soll Belastungszeugin widerlegen

Claudia Salinas kann man ihren Missmut schon bei der Vereidigung anmerken. Die Sache wird nicht besser, als Damon Cheronis, einer von Weinsteins Anwälten, ans Pult tritt und ohne Umschweife zur Sache kommt: „Haben Sie jemals Harvey Weinstein nackt gesehen?“ Mit dieser Frage eröffnet Cheronis, der einen hellblauen Designeranzug und einen akkuraten Scheitel trägt, das Kreuzverhör. „Nein“, antwortet Salinas pikiert. „Waren Sie jemals mit ihm im Badezimmer eines Hotels?“ Wieder ein pampiges „Nein.“

Das mexikanische Model Claudia Salina verlässt nach ihrer Aussage das Gerichtsgebäude.
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So geht das eine Dreiviertelstunde lang. Dabei ist Salinas eine, wenn auch widerwillige, Zeugin eben jener Verteidigung, die sie hier in die Zange nimmt. Donna Rotunno, die flamboyante Chefanwältin von Weinstein, die heute in einer grellblauen Seidenbluse und mit sieben Zentimeter hohen Absätzen angetreten ist, hat sie einberufen, um die Aussage einer wichtigen Belastungszeugin zu widerlegen.

Gibt es ein Muster?

Es geht um Lauren Young, eine Drehbuchschreiberin, die am Freitag zuvor im Saal von Richter James Burke aufgetreten war. Vor ziemlich genau sieben Jahren, so hatte Young ausgesagt, habe Weinstein sie in das Badezimmer des Montage Hotels in Hollywood gedrängt, sich vor ihr ausgezogen, sie befingert und sich dabei selbst befriedigt.

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Youngs Fall steht nicht zur Verhandlung, doch ihr Auftritt könnte einen erheblichen Einfluss auf das Strafmaß haben. Ihre Aussage und die von drei anderen Frauen sollen ein „Muster von sexuell räuberischem Verhalten“ demonstrieren. Laut Young hat Salinas bei dem damaligen Vorfall eine entscheidende Rolle gespielt.

Salina wirkt glaubwürdiger als Young

Salinas, die überaus gute Verbindungen in Hollywood hat, hatte Young mit Weinstein zusammengebracht. Und nicht nur das, Young behauptet, Salinas sei ebenfalls in fraglichem Hotelzimmer gewesen, und zwar als Handlangerin von Weinstein. Die gebürtige Mexikanerin habe sie sogar in das Badezimmer geschubst und hinter ihr die Türe verriegelt.

Selbstverständlich verwahrt sich Salinas gegen solche Vorwürfe. Ebenso wie gegen Verdächtigungen, sie habe Weinstein regelmäßig Frauen zugeführt. Als die Anklage sie mit einer E-Mail von Weinstein konfrontiert, in welcher dieser sie bittet, doch ihre hübschen Freundinnen zu den nächsten Parties mitzubringen, erntet Salinas den einzigen Lacher des ansonsten eher beklemmenden Tages im Gerichtssaal: „Alle meine Freundinnen sind hübsch“, sagt sie.

Am Ende bringt Salinas die unangenehme Pflichtübung in Manhattan mit erhobenem Haupt hinter sich. Die Versuche der Anklage, Löcher in ihre Aussage zu fragen, prallen ab. Sie wirkt glaubwürdiger als Young, die unter anderem behauptet hatte, sie habe gar nicht gemerkt, dass sie in ein Hotel- und dann in ein Badezimmer gelaufen sei. Weinstein, dem Salinas selbst einen Korb gegeben hatte, steht in der Aussage zwar als aufdringlich da. Aber nicht als jemand, der kein Nein akzeptieren würde.

Frust bei der Staatsanwaltschaft

Die Aussage von Claudia Salinas ist ein erneuter Dämpfer für die Anklage im Weinstein-Prozess – und man merkt an diesem Vormittag den Staatsanwältinnen Joan Illuzzi-Orbon und Meghan Hast den Frust an. Auch bei der zweiten Zeugin des Tages, der brasilianischen Schauspielerin Talita Maia, läuft es nicht rund. Maia, eine ehemals enge Freundin von Hauptzeugin Jessica Mann, beschreibt ausführlich, dass Mann eine anhaltende Beziehung zu Weinstein unterhielt und sich niemals etwas von einem etwaigen Missbrauch habe anmerken lassen.

Nicht einmal, als Maia im Nebenzimmer saß, während Weinstein und Mann Sex hatten, sei etwas von einer Auseinandersetzung oder von Gewaltanwendung zu hören und zu sehen gewesen. Mann habe sogar von Weinstein als ihrem „Seelenverwandten“ gesprochen. Am Tag nach der mutmaßlichen Vergewaltigung hat sie Herzchen in ihr Tagebuch gemalt.

Talita Maia beschreibt ausführlich, dass Mann eine anhaltende Beziehung zu Weinstein unterhielt und sich niemals etwas von einem etwaigen Missbrauch habe anmerken lassen.
Foto: AP/Seth Wenig

Chefanklägerin Illuzzi-Orbon, im karierten Wollrock und schwarzen Rollkragenpullover, versucht vergeblich, bei den Geschworenen Zweifel an Maias Aussage zu provozieren. Doch der Damm hält. Es bleibt der Eindruck, dass die langjährige Beziehung einvernehmlich war.

Rotunno: Weinstein ist das eigentliche Opfer

Donna Rotunno ist sichtlich zufrieden. Es läuft für sie, die Zeuginnen haben in ihrem Sinne gehandelt. In den Prozesspausen wandelt die Verteidigerin selbstbewusst durch den Saal, begrüßt Journalisten, setzt sich zu einem Plausch mit auf die Zuschauerbänke.

Ihre Taktik der vergangenen Tage scheint aufzugehen. Die Anklage hat bereits am Ende der zweiten Prozesswoche aufgehört, Zeugen aufzurufen. Seitdem gehörte das Feld Rotunno und ihrem Team. Jetzt, wo die Zeugenbefragungen zu Ende gegangen sind und der Weg frei ist für die Schlussplädoyers, muss man konstatieren, dass es gut aussieht für Weinstein und Rotunno.

Schon Wochen vor dem Prozess hatte die groß gewachsene Anwältin aus Chicago verkündet, dass sie Weinstein in diesem Fall als das eigentliche Opfer sieht. Die ganze Anklage basiere auf einer kulturellen Werteverschiebung, die weit über das Ziel hinausgeschossen sei. Im Zuge der MeToo-Bewegung, der Rotunno gewisse Verdienste gar nicht absprechen möchte, sei man geneigt, Opfern ungefragt einfach zu glauben. Auf der Strecke bleibe dabei die Rechtsstaatlichkeit.

Rotunno hat für diese Argumentation einiges einstecken müssen. Sie wurde als Inbegriff des Bösen tituliert, als Verräterin aller Frauen. Als sie in einem Podcast von sich gab, dass Frauen sich nicht in eindeutig erotische Situationen begeben dürften, wenn sie nicht dort sein wollten, wurde sie bezichtigt, Vergewaltigungsopfer für ihr eigenes Schicksal verantwortlich zu machen.

Mann im Zeugenstand als bestimmender Tag im Prozess

Ihrem Ruf als „Bulldogge“ wird die 44-Jährige auch während des Prozesses gerecht. Jessica Mann verlor nach dem Kreuzverhör mit Rotunno derart die Fassung, dass die Verhandlung abgebrochen werden musste.

Mann musste sich gegenüber Rotunno dafür rechtfertigen, dass sie über Jahre eine sexuelle Beziehung mit Weinstein unterhielt und daraus berufliche Vorteile zog. Immer wieder fragte Rotunno sie, ob sie Weinstein manipuliert habe. „Ich schätze, wenn man die Art und Weise betrachtet, wie ich versucht habe, damit umzugehen, ja, dann kann man das vielleicht als manipulativ beschreiben“, stammelte Mann, bevor sie in Schluchzen ausbrach.

Jessica Mann (in der Mitte) wurde von Rotunna ins Kreuzverhör genommen.
Foto: AFP/Eduardo Munoz Alvarez

Der Tag, an dem Jessica Mann in den Zeugenstand trat, wird zweifelsohne als der bestimmende Tag des Prozesses in Erinnerung bleiben. An ihm wird sich in der Rückschau zeigen, inwieweit die Errungenschaften und Erkenntnisse von #MeToo justiziabel sind.

Berühmtheit in Hollywood – zu welchem Preis?

Jessica Mann gilt als Inbegriff der naiven jungen Schauspielerin, die nach Hollywood kommt, um berühmt zu werden. Auf einer Party wird sie Harvey Weinstein vorgestellt, einem der mächtigsten Männer im Geschäft. Er interessiert sich für sie, sie fühlt sich geschmeichelt und ist aufgeregt. Die Aussage von Talita Maia, dass Mann mit Weinstein geflirtet hat, ist glaubhaft. Glaubhaft ist auch, dass in den drei Jahren, in denen Mann und Weinstein ein sexuelles Verhältnis hatten, nicht jede Begegnung gewaltsam erzwungen wurde.

Es mag sein, dass die Anklage deshalb nie schlüssig wird nachweisen können, dass eine Vergewaltigung oder ein sexueller Missbrauch stattgefunden hat. Aber ist es deshalb weniger glaubhaft, dass Mann das Gefühl hatte, in einer entwürdigenden Beziehung zu sein? Dass Weinstein letztlich seine Machtstellung missbraucht hat, um Sex zu erzwingen? Und macht die Tatsache, dass Mann diese Transaktion mitgetragen hat, Weinsteins Handlungen besser?

„Es läuft einzig und allein darauf hinaus, wem die Geschworenen glauben wollen“, sagt die Rechtsprofessorin Aya Gruber von der Universität von Colorado.

Sex als Gegenleistung

Auch bei der zweiten Frau, deren Fall in New York verhandelt wird, stellen sich solche Fragen. Mimi Haleyi bat Harvey Weinstein um einen Job als Produktionsassistentin. Weinstein verschaffte ihr den Job, erwartete aber als Gegenleistung Sex. Nach mehreren Versuchen ihn abzuwehren, gab Haleyi schließlich nach und unterhielt auch danach weiterhin Kontakt mit dem Produzenten.

Stellte diese Transaktion Konsens dar? Und wenn ja, exkulpiert das Weinstein vor dem Gesetz? Auch hier müssen die fünf Frauen und sieben Männer, die in New York als Geschworene ausgewählt wurden, um über das Schicksal von Weinstein zu befinden, entscheiden. Und ihre Entscheidung wird weitreichende Folgen dafür haben, ob sich Missbrauchsopfer in Amerika in Zukunft vom Gesetz geschützt fühlen.

Weinstein selbst ist in den Wochen seit Beginn des Prozesses dramatisch zusammengeschrumpft. Das Bild des allmächtigen Hollywood-Moguls, der der Welt gnadenlos seinen Willen aufzwingt, hat massive Kratzer bekommen. Vor Gericht sieht man ihn tief über seinen Rollator gebückt, blass und sichtlich gezeichnet. Beinahe schüchtern schaut er sich im Publikum um, um zu sehen, ob es da irgendwen gibt, der ihm noch einen freundlichen Blick zuwirft. Während der Verhöre vergräbt er immer wieder sein Gesicht in den Händen oder schüttelt den Kopf. Aussagen wird er im Prozess nicht.

Doch es gibt ein Detail, das die Art und Weise verändert, wie man Weinstein heute sieht. Gleich mehrere Zeuginnen haben ausgesagt, dass Weinsteins Genitalien verstümmelt oder missgebildet seien. Den Geschworenen wurden entsprechende Fotos vorgelegt.

Ist Weinstein also vielleicht nicht einfach nur einer, der es liebte, seine Macht zu missbrauchen, nur weil er sie hatte? Ist er vielleicht eine bemitleidenswerte Figur, die unter einem tiefen Mangel an Selbstwertgefühl litt und nicht wusste, wie er sich Frauen nähern soll, ohne mit seiner Macht zu spielen?

Das Gericht als Drama - mit welchem Ausgang?

Auf die Gefühlslage der Geschworenen wird dieses Bild von Weinstein sicher einen Einfluss haben. Und auch das ist wieder ein Triumph für Donna Rotunno, die wie keine andere versteht, dass Gerichtsverhandlungen in den USA vor allem dramatische Inszenierungen sind.

Dass von dem Prozessausgang abhängt, ob sich Vergewaltigungsopfer in den USA in Zukunft gesetzlich geschützt fühlen können, interessiert Rotunno indes eher weniger. „Frauen können nicht gleichberechtigt sein, wenn sie kein Risiko tragen“, sagte sie kürzlich in einem Interview. „Sie können sich nicht in jede Situation begeben und nachher sagen, ich hatte keine Ahnung, worauf ich mich einlasse.“ Das Argument hat Rotunno wirkungsvoll vorgetragen im State Supreme Court von Manhattan. Es gelang ihr auch nur allzu deutlich, die Klägerinnen als naiv darzustellen. Jetzt sind die zwölf Geschworenen dran.