Harvey Weinstein (M.) lässt sich bei einer Kautionsanhörung vor Gericht stützen – es heißt, er leide an den Folgen eines Autounfalls. 
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New YorkEs war ein herber Rückschlag für die MeToo-Bewegung, was da am Mittwoch an die Öffentlichkeit gelangte – eine Ohrfeige für alle, die hofften, das amerikanische Rechtssystem könne Opfern sexuellen Missbrauchs Gerechtigkeit bringen. „Was bedeutet #MeToo denn überhaupt noch?“, ließ die Journalistin Courtney Dowling auf Twitter ihrer Frustration freien Lauf.

Die Versicherung zahlt

Der Grund für die Enttäuschung: Harvey Weinstein, der Mann, der die MeToo-Bewegung durch seine Übergriffe angestoßen hatte, kann sich nach Informationen der New York Times zivilrechtlich aller Konsequenzen seines Tuns entziehen. Weinsteins Anwälte handelten mit seinen Anklägerinnen einen Vergleich über 25 Millionen Dollar aus. Der komplette Betrag wird von den Versicherungen seiner in Insolvenz befindlichen Firma beglichen.

Die Grundsatzvereinbarung über Entschädigungszahlungen ist das Ergebnis von zwei Jahren harter Verhandlung zwischen Weinsteins Anwälten und rund 30 Schauspielerinnen und Angestellten des 67-Jährigen, deren Klagen von sexuellem Fehlverhalten bis zu Vergewaltigung reichten. Die 25 Millionen Dollar wiederum sind Teil einer Einigung von Weinsteins bankrotten früheren Filmstudios mit allen Gläubigern über 47 Millionen Dollar. Weil die Firma offiziell Insolvenz angemeldet hatte, mussten sich die Klägerinnen bei den übrigen Schuldnern der Firma einreihen.

Weinstein muss kein Fehlverhalten zugeben

Eine der Ungeheuerlichkeiten der Abmachung ist, dass Weinsteins Anwälte, darunter sein Bruder, beinahe die Hälfte der 25 Millionen für ihre Bemühungen bekommen. 6,2 Millionen Dollar werden unter 18 Opfern aufgeteilt, keine von ihnen bekommt mehr als 500.000 Dollar. 18,5 Millionen sind für Forderungen aus allen weiteren Klagen beiseitegelegt worden.

Wenn die Abmachung in den nächsten Tagen von einem New Yorker Gericht genehmigt wird, verteilt ein vom Gericht bestellter Beamter die Gelder. Ein wichtiger Punkt: Weinstein müsste bei diesem Deal kein Fehlverhalten zugeben.

Viele der Klägerinnen zeigten sich zutiefst enttäuscht von der Einigung. So sagte die Schauspielerin Katherine Kendall (50), die von Weinstein während einer angeblichen Arbeitsbesprechung nackt durch seine Wohnung gejagt worden sein soll, sie möge die Einigung überhaupt nicht, wisse aber nicht, was sie tun könne. Die Anwälte der Frauen behaupten hingegen, jeder Versuch, noch einen besseren Deal herauszuschlagen, wäre gescheitert. „Wir haben wirklich unser Bestes getan“, sagte etwa Genie Harrison, die Sandeep Rehal vertrat. Rehal war eine persönliche Assistentin Weinsteins und behauptete, er habe sie vergewaltigt.

Ein Strafprozess folgt

Harrison beschrieb, dass ihre Position in den Verhandlungen durch eine Kombination rechtlicher Faktoren geschwächt gewesen sei. Zum einen habe es in vorangegangen Urteilen Rückschläge gegeben, wie im Fall der Schauspielerin Ashley Judd (51). Judds Klage wurde abgewiesen, weil sie juristisch gesehen in keinem Abhängigkeitsverhältnis zu Weinstein stand. Zudem, so Harrison, gebe es strenge Gesetze in den USA, die Firmenvorstände vor Klagen schützen.

Ashley Judd: ihre Klage scheiterte.
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Und so ist diese Einigung eine ernüchternde Bestandsaufnahme der Rechtsmittel, die Opfern sexuellen Missbrauchs in den USA zur Verfügung stehen. MeToo hat zwar zahlreiche Karrieren mächtiger Männer unterbrochen, darunter die des TV-Moderators Bill O’Reilly. Außergerichtliche Einigungen gab es in solchen Fällen bereits zu Dutzenden – aber an Gerichtsurteilen mangelt es. Was die bekannt gewordenen prominenten Fälle angeht, so musste bislang lediglich Bill Cosby eine Gefängnisstrafe antreten.

Zwei Anklagen wegen Vergewaltigung stehen noch aus

Immerhin weigern sich zwei Klägerinnen, Weinsteins Angebot anzunehmen. Ihr Anwalt Douglas Wigdor störte sich an der Klausel, dass eine Million des Fonds an Weinsteins Anwälte geht, falls die beiden Frauen nicht unterschreiben. „Man versucht, uns zu erpressen“, so Wigdor.

Trotz allem muss sich Harvey Weinstein im Januar vor Gericht verantworten. Es stehen noch zwei Anklagen wegen Vergewaltigung vor einem New Yorker Richter im Raum. Den Frauen, die nun an der Einigung teilgenommen haben, steht jedoch der Weg für eine strafrechtliche Klage nicht mehr offen. Weinstein muss unterdessen knapp einen Monat vor dem Prozess eine deutlich höhere Kaution hinterlegen, um auf freiem Fuß zu bleiben – sie wurde von einer auf fünf Millionen Dollar erhöht. Die Staatsanwaltschaft hatte zahlreiche Verstöße Weinsteins beim Tragen der elektronischen Fußfessel moniert.