Im Dezember erschien Harvey Weinstein mit Gehhilfe zu einer Anhörung.
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New YorkDie Enthüllungen schlugen ein wie eine Bombe, der Fall ging um die Welt: Die Vorwürfe gegen Harvey Weinstein brachten die MeToo-Bewegung ins Rollen, eine globale Kampagne gegen sexuelle Übergriffe gegen Frauen.

Zwei Jahre ist das nun her, der Filmproduzent avancierte unterdessen zum Symbol der Männermacht und ihres dauerhaften, bis dahin unhinterfragten, wie ein Schicksal hingenommenen Missbrauchs – nicht nur in Hollywood. Weinstein wurde zum Hassobjekt: Wer heute im Internet nach „Sexual Predator“ („Sexualstraftäter“) sucht, kommt an dem Foto des 67-Jährigen nicht vorbei.

An diesem Montag beginnt nun vor dem obersten Gericht des Staates New York am Foley Square das Strafverfahren gegen den geächteten Hollywood-Mogul. Es ist jetzt schon zum Sensationsprozess des Jahres erklärt worden. Zahlreiche große Branchen-Namen haben sich angekündigt. Die Schauspielerin Rosanna Arquette wird da sein, ebenso Ashley Judd und vielleicht sogar Angelina Jolie. Sie alle gehören zu Weinsteins Opfern, der beschuldigt wird, seit Beginn seiner Laufbahn als Filmproduzent vor mehr als 30 Jahren seine Machtstellung dazu missbraucht zu haben, Frauen zu sexuellen Gefälligkeiten genötigt zu haben.

Ein gesellschaftlicher Skandal

Die meisten der Fälle sind allerdings verjährt und nicht mehr justiziabel. Die Zeit arbeitet immer für die Täter. Doch die Opfer wollen im New Yorker Gerichtssaal wenigstens ein Statement abgeben. „Ich glaube, es ist wichtig, dass wir eine starke Botschaft aussenden“, sagte die Schauspielerin Katherine Kendall, die 1993 von Harvey Weinstein in einem Hotelzimmer unter dem Vorwand einer geschäftlichen Besprechung sexuell bedrängt worden sein soll.

Gwyneth Paltrow und Harvey Weinstein bei der Oscar-Verleihung 1999.
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Die Stars wollen sich mit den Frauen solidarisch zeigen, die nun in New York als Anklägerinnen gegen Weinstein auftreten. Beim Strafprozess werden nur zwei Vorfälle aus den Jahren 2006 und 2013 – erzwungener Oralverkehr und Vergewaltigung – verhandelt. Doch vor der Jury der öffentlichen Meinung werden alle 80 Fälle verhandelt, in denen Weinstein beschuldigt wird, sexuell übergriffig geworden zu sein.

Erster Strafprozess der MeToo-Ära

Selbst damit ist die symbolische und vor allem auch politische Tragweite der Causa Weinstein allerdings noch nicht einmal annähernd beschrieben. Der Weinstein-Prozess ist der erste Strafprozess der MeToo-Ära. Der Fall Weinstein hat überhaupt erst das ganze Ausmaß des Problems des sexuellen Machtmissbrauchs in der Gesellschaft ins öffentliche Bewusstsein gerückt und somit einen der zentralen kulturellen Diskurse unserer Tage angestoßen. Das Spektrum der Debatte reichte von blöden Sprüchen, unflätigem Verhalten über Erpressung bis zur Gewalt.

Und so wird für viele nicht nur über den New Yorker Multimillionär und seine strafrechtlich relevanten Verfehlungen entschieden. Vielmehr geht es auch um ein Muster männlichen Machtmissbrauchs. Es geht also auch um die Frage nach dem System der Unterdrückung durch den Mann. Eine Frage mithin, auf die vor Gericht wohl kaum eine Antwort gefunden werden wird. In Hinblick auf das Urteil wird es wohl Enttäuschungen geben müssen.


Das System Weinstein

  • Offenes Geheimnis: Harvey Weinsteins Gebaren war in Hollywood und der Schauspielszene New Yorks jahrzehntelang bekannt. Bereits 1998 sagte Gwyneth Paltrow über ihn: „Er wird dich zu ein oder zwei Sachen zwingen.“ Die Schauspielerin erklärte später, von Weinstein belästigt worden zu sein. 
  • Ein Muster: Weinstein gab Fehler zu, bestritt aber kriminelle Handlungen. Die Vorwürfe, erhoben von Dutzenden Frauen, ergaben ein Muster: Der schwerreiche Weinstein, der die Branche dominierte, nutzte seine Macht und versprach jungen Frauen die große Karriere, um sie gefügig zu machen.
  • Die Folgen: Bis heute wirken in der Branche und in Hollywood bestimmte Mechanismen. Die Schauspielerin Rose McGowan, die als eine der ersten Vorwürfe gegen Weinstein erhoben hatte, beklagte kürzlich, seit sie angefangen habe, Missstände anzuprangern, sei sie faktisch arbeitslos.

Freispruch befürchtet

Seit im Oktober 2017 nach Recherchen der New York Times und des New Yorker bekannt wurde, wie Weinstein systematisch seine Stellung ausgenutzt hat und dabei von der ganzen Branche gedeckt wurde, sind Dutzende einflussreiche Männer in den Strudel der MeToo-Enthüllungen gelangt. Vom Medienmanager Leslie Moonves über den HipHop-Mogul Russell Simmons bis zum Nachrichtensprecher Matt Lauer mussten zahlreiche mächtige Männer gehen – ihre Karrieren vorzeitig beenden.

Im Fall Harvey Weinstein muss sich nun jedoch zeigen, ob das US-Strafrecht mit dem kulturellen Wandel mithalten kann. Viele Betroffene sind in dieser Hinsicht nicht allzu optimistisch. So sagte die Fernsehreporterin Lauren Sivan, die 2007 in der Küche eines Restaurants von Weinstein attackiert wurde, dass sie einen Freispruch befürchte: „Wir haben riesige Fortschritte gemacht, die Stimmen der Opfer werden heute gehört. Aber eine Verurteilung vor einem Geschworenengericht ist noch einmal eine ganz andere Geschichte.“

Obstruktionsversuche der Verteidigung

Das wissen auch die Anwälte von Harvey Weinstein – und sie geben sich kämpferisch. So sagte Donna Rotunno, die Weinsteins Verteidigungsteam leitet, kürzlich in einem Interview: „Man mag das Verhalten von Harvey Weinstein nicht mögen. Aber schlechtes Benehmen und Vergewaltigung sind zwei komplett unterschiedliche Dinge.“ Rotunno und ihr Team werden zu beweisen versuchen, dass die Opfer nicht gegen ihren Willen gehandelt haben. „Wenn man nicht sexuell belästigt werden will“, so Rotunno, „dann geht man eben nicht alleine mit jemandem auf ein Hotelzimmer.“

Die Obstruktionsversuche der Verteidigung haben bereits vor dem Prozessbeginn begonnen. Weinsteins Team hat mehrfach versucht, das Verfahren von Manhattan in die Hauptstadt des Staates New York, Albany, verlegen zu lassen. Die Begründung: Die Medienaufmerksamkeit, die der Weinstein-Fall generiert hat, würde es unmöglich machen, in Manhattan unbefangene Geschworene zu finden. Der Richter hat den Einwand abgelehnt doch man erwartet nun, dass sich die Jury-Auswahl, die am Montag beginnt, in die Länge ziehen wird.

Weinstein plant Comeback

Einen weiteren Grund zum Pessimismus für die Anklägerinnen liefert die erst kürzlich ausgehandelte Einigung zwischen Weinstein und seinen Beschuldigerinnen in einer Zivilklage. Mehr als 30 Opfer Weinsteins haben in einer Schadensersatzklage gegen ihn und seine einstige Firma gerade einmal 25 Millionen Dollar aushandeln können – eine Summe, die übrigens von einer Versicherung der Firma bezahlt wird.

Weinsteins Anwälten war es somit geglückt, die Klägerinnen in die Knie zu zwingen. Nur zwei weigerten sich, das Geld anzunehmen und drohen nun mit einer Klage vor Gericht. Doch angesichts der amerikanischen Rechtslage, die bei Schadensersatzklagen einen starken Schutz für Firmen bietet, gelten ihre Aussichten als gering.

So gibt sich auch Weinstein selbst optimistisch, was seine Zukunft angeht. In einem trotzigen Interview, das er jüngst mit der New York Post führte, bekräftigte er erneut, dass alle seine Begegnungen mit Frauen in der Branche in gegenseitigem Einvernehmen geschehen seien. Er lamentierte, dass man sein Werk vergessen habe, sowie die Tatsache, dass er mehr Frauen große Rollen verschafft habe als jeder andere. Schließlich kündigte der Mann ein Comeback in der Filmbranche an.

Zumindest das Letztere dürfte sich angesichts der sich grundlegend veränderten Stimmung in Hollywood wohl nicht bewahrheiten.