Harvey Weinstein soll 23 Jahre ins Gefängnis.
Foto: AP

New YorkEs war ein erbärmlicher Auftritt, den Harvey Weinstein zum Ende seines Prozesses in New York hinlegte. Nachdem er fünf Monate geschwiegen hatte, meldete er sich am Mittwoch, zu seiner Urteilsverkündung vor Richter James Burke, doch noch einmal zu Wort, um Gnade zu erbitten. Doch das Gesuch war wenig überzeugend. 

Er habe zwar Mitleid mit seinen Opfern und der Schaden, den er angerichtet habe, tue ihm leid, stotterte er. Doch die vielen Männer, die heutzutage in eine Lage wie er geraten seien, in der sie rechts- und schutzlos seien, täten ihm genauso leid. Das Gesuch machte wenig Eindruck auf Richter James Burke, seine Entscheidung, Weinstein für 23 Jahre hinter Gitter zu schicken, blieb bestehen. Es war nicht die Maximalstrafe, die Burke für das Vergehen hätte verhängen können, bis zu 29 Jahre wären für die drei Delikte, derer Weinstein schuldig gesprochen wurde – Vergewaltigung ersten und dritten Grades, sowie sexueller Angriff – angemessen gewesen. 

Der „Teufel, brutal und bösartig, er hat mein Leben zerstört, er sei machtsüchtig“

Doch es war deutlich härter als die fünf Jahre, um die Weinsteins Verteidigung gebeten hatte. Angesichts von Weinsteins Lebensalter von 67 Jahren kommt es praktisch einer lebenslänglichen Strafe gleich. Burke folgte der Argumentation der Anklage, die bei der Schlussanhörung vom Mittwoch darum bat, das Gericht möge deutlich machen, dass es sich hier um eine sehr ernsthafte Straftat handele. Kein möglicher Sexualstraftäter in den USA dürfe mehr den Eindruck haben, dass es sich bei sexuellem Angriff um ein Kavaliersdelikt handelt. 

Um das Argument zu unterstreichen, zitierte die Staatsanwältin Joan Illuzzi die Adjektive, die Weinsteins Opfer im Verlauf des Verfahrens für ihn verwendet hatten. Er sei der „Teufel, brutal und bösartig, er hat mein Leben zerstört, er sei machtsüchtig“ – die Liste ging minutenlang weiter. Jedes der Adjektive saß wie ein Messerstich. Auch die beiden Opfer Weinsteins, deren Fälle in New York verhandelt wurden, kamen noch einmal zu Wort. 

Weinstein versuchte, Opfer und Zeugen einzuschüchtern und zu bedrohen

Mimi Haley, eine Produktionsassistentin, die Harvey Weinstein beschuldigt hatte, sie zu Oralsex gezwungen zu haben, sagte, sie sei durch Weinstein „emotional und mental ein Leben lang geschädigt“. Jessica Mann, die von der Anklage unter Druck gesetzt worden war, weil sie nach der Vergewaltigung weiter eine private und berufliche Beziehung zu Weinstein unterhielt, schlug in eine ähnliche Kerbe, als sie sagte, „Vergewaltigung ist nicht nur der Augenblick der Penetration. Es ist eine Verletzung, die ein Leben lang anhält.“

Die Bitten um Milde der Verteidigung verhallten derweil ungehört. Weinsteins umstrittene Anwältin Donna Rotunno bat darum, Weinsteins Verdienste als Filmemacher und Philantrop in Betracht zu ziehen, sein Alter und seine Gesundheit sowie seine Verpflichtungen als Familienvater. Doch das Gericht ließ sich nicht zur Gnade bewegen. Rotunno bezeichnete das Strafmaß als „obszön“ und „lächerlich“. Ausschlaggebend für die Härte des Urteils dürften auch Dokumente aus den Gerichtsakten gewesen sein, die erst in den vergangenen Tagen an die Öffentlichkeit gelangten. Weinstein hatte offensichtlich über viele Jahre versucht, Opfer und Zeugen systematisch einzuschüchtern und zu bedrohen.

So hatte er in E-Mails gelobt, die Schauspielerin Jennifer Anniston umbringen zu wollen. Gleichzeitig hatte er einem Privatdetektiv eine rote Liste mit Leuten geschickt, die ihm gefährlich werden könnten – darunter der Schauspieler Ben Affleck. Der Detektiv sollte versuchen, Dinge herauszufinden, welche die Menschen auf dieser Liste diskreditieren. Die Strafmaßverkündung in New York war unterdessen noch immer nicht das letzte Kapitel der Weinstein-Saga. Weinsteins Anwälte haben bereits angekündigt, in Berufung zu gehen. Im schlimmsten Fall könnte der gesamte Prozess noch einmal aufgerollt werden. Zudem steht noch ein weiteres Verfahren gegen Weinstein in Los Angeles an. Dort wird er in acht Punkten des sexuellen Missbrauchs und der Vergewaltigung angeklagt. Weinsteins Verurteilung in New York schützt ihn nicht vor der erneuten Anklage.