Nach der Urteilsverkündung wurden Weinstein Handschellen angelegt. Wegen Brustschmerzen wurde er zunächst in ein Krankenhaus in Manhattan gebracht.
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New York - Die Geschworenen hatten sich mit der Urteilsfindung Zeit gelassen. Sechs lange Tage wurde am New Yorker Staatsgericht in der Nähe der Brooklyn Bridge beraten, bevor im Prozess gegen den früheren Hollywood-Produzenten Harvey Weinstein endlich die Entscheidung kam – ein Schuldspruch in den Anklagepunkten Vergewaltigung und sexuelle Nötigung.

Es war kein Urteil, das in den Reihen der MeToo-Bewegung und der durch sie sensibilisierten amerikanischen Öffentlichkeit Jubelschreie auslöste. Zu spüren war eher ein Gefühl der Erleichterung. Es hätte schlimmer kommen können, Weinstein hätte freigesprochen werden können. So tief waren nach der aggressiven Kampagne von Weinsteins Verteidigung die Erwartungen gesunken.

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Verurteilter Serientäter

„Es ist enttäuschend, dass der Ausgang Weinstein nicht der vollen Gerechtigkeit zuführt, die so viele Frauen verdient hätten“, schrieb auf Twitter die Gruppe Silencebreakers – eine Vereinigung jener rund 90 Frauen, die in den vergangenen Jahren mit ihren Geschichten des Missbrauchs durch Weinstein an die Öffentlichkeit gegangen waren. „Dennoch wird er nun für immer als verurteilter Serientäter in die Geschichte eingehen.“

Die Frauen reagierten auf die Tatsache, dass Weinstein des schwersten Anklagepunkts, des „raubtierhaften sexuellen Angriffs“, entlastet wurde. Ein solches Urteil hätte nicht nur mit Sicherheit eine lebenslängliche Haftstrafe nach sich gezogen, es hätte auch andere Verbrechensausmaße widergespiegelt. Trotzdem war man dankbar, dass die Juroren, die bei ihrer Urteilsfindung peinlich genau vorgegangen waren, letztlich nicht der Argumentation von Weinsteins Verteidigung gefolgt sind.

Die Schauspielerinnen Rosanna Arquette und Rose McGowan begleiteten den Prozess.
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Donna Rotunno, die Anwältin des 67-Jährigen, wollte ihren Mandanten mit aller Macht als Opfer der MeToo-Bewegung zeichnen und versuchte mit allen Mitteln, die Zeuginnen zu diskreditieren. Sie wollte die Tatsache gegen die Frauen verwenden, dass diese vor und nach den Übergriffen weiterhin professionelle und private Kontakte zu Weinstein unterhielten.

Erfolg für MeToo-Bewegung

Jessica Mann, eine der beiden Hauptzeuginnen, hatte über mehrere Jahre ein sexuelles Verhältnis mit Weinstein. E-Mails wurden vorgelegt, die an ihrer Glaubwürdigkeit kratzen sollten. Doch das Gericht ließ sich letztlich davon nicht beeindrucken.

Man glaubte den Frauen, dass trotz des andauernden Kontakts sexuelle Gewalt stattgefunden hatte. Man glaubte ihnen, dass sie aus Scham, aus Furcht, um zu verdrängen und vielleicht, um für sich das Geschehene zu normalisieren, so getan hatten, als sei nichts gewesen.

In dieser Tatsache liegt der eigentliche Erfolg des Urteils für die MeToo-Bewegung. So schrieb die Schriftstellerin Rebecca Solnit in der New York Times: „Ich habe mir nicht aus Rache Weinsteins Verurteilung gewünscht, obwohl er sie verdient hat. Ich habe sie mir als Warnung für alle Täter gewünscht, dass die Zeit der Straffreiheit vorbei ist, dass man Frauen heute zuhört und dass das, was sie sagen Konsequenzen hat.“  

Trump begrüßt das Urteil

Selbst US-Präsident Donald Trump, der immer wieder von Frauenrechtsaktivistinnen kritisiert wird, hat die Verurteilung Weinsteins begrüßt. Der Schuldspruch wegen Sexualverbrechen sei ein „großartiger Sieg“ für Frauen und eine „sehr starke Botschaft“, sagte Trump am Dienstag. Doch insgesamt bleibt die Freude über das Urteil trotzdem gedämpft.

Die vielen Jahrzehnte, in denen man die Geschichten von Frauen nicht angehört hat und ihnen nicht traute, haben tiefe Spuren hinterlassen. Es müsse sich erst noch zeigen, ob dieses Urteil nicht nur ein Märchen ist, schreibt Alyssa Rosenberg in der Washington Post.

Der erste Test ist das Verfahren, das gegen Weinstein in Los Angeles in den nächsten Wochen eröffnet wird. Hier wird man sehen, ob Gerichte tatsächlich überall bereit sind, Frauen zuzuhören oder ob New York ein Einzelfall bleibt.