Hasnain Kazim.
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BerlinHamed Abdel-Samad geht an mir vorbei. Ich habe Interviews mit ihm gesehen, will etwas Respektvolles sagen und beuge mich vor. Ein Schrank von Mann hält mich zurück, während Abdel-Samad von zwei anderen Schränken zur Tür geschoben wird. Niemand darf ihm nahekommen: Der deutsch-ägyptische Politikwissenschaftler und Publizist wird von Islamisten mit dem Tod bedroht, er steht unter Polizeischutz, auch wenn er nur als Gast zu einer Lesung kommt. Das war im September 2017 im Literaturforum des Brecht-Hauses.

Vorher hatte Hasnain Kazim, der langjährige Türkei-Korrespondent des Spiegels, sein Buch über die Türkei und Erdogan vorgestellt: Ich wusste damals nicht, dass dieser kluge, gelassene, selbstironische Mann so gehasst wird. Bis ich sein Buch las: „Post von Karlheinz. Wütende Mails von richtigen Deutschen – und was ich ihnen antworte“. Da hatte ich es schriftlich, welche Meinungen von richtigen Deutschen einen Oldenburger mit indisch-pakistanischen Eltern erreichen. Seine Gegner sind die Rassisten in meinem Land.

Erste Hass-Mails als Schüler

Die ersten sieben Hass-Mails, alle anonym, bekam er als Schüler: Er hatte einen Bundestagsabgeordneten kritisiert, der vor einer Überfremdung durch Emigranten gewarnt hatte. Der 17-Jährige warf dem Abgeordneten in einer Zeitung Stimmungsmache gegen Menschen mit anderer Hautfarbe vor. Der Tenor der Mails: „Geh dahin, wo du herkommst.“

Hasnain Kazim wird Journalist. Viele Hass-Mails bekommt er 2010 nach dem Buch von Sarrazin, 2015 während der Flüchtlingskrise, 2017 nach seiner Kritik am Einzug der AfD in den Bundestag. „Ab heute gibt es in Deutschland für dich nur ein Platz am Galgen.“ Diese Mail erhält er nach der ersten Hochrechnung.

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„Und morgen bist du tot!“

Er sagt im November 2019 seine Meinung zur Wahl in Thüringen – jeden Tag erreichen ihn jetzt zwischen 500 und 1000 Hass-Mails, darunter bis zu 15 Morddrohungen. Er liest: „Wir wissen wo du dich verkriechst du vaterlandsloser Geselle! Wir verfolgen dich, wir beobachten dich. Und morgen bist du tot!“ Seine Anzeigen bleiben folgenlos. Sein Name steht im Netz auf mehreren Todeslisten. Sicherheitsleute zeigen Fluchtwege aus seiner Wohnung. Ein Freund rät, nicht mehr öffentlich aufzutreten, auf Facebook empfiehlt ihm jemand, nur noch unter Pseudonym zu schreiben. Wie kann einer wie Hasnain Kazim unter diesem Druck leben?

Sicher ist nur: Er will kein Opfer sein. Schon am 1. Juni 2016 hatte er beschlossen: „Ich werde ab jetzt mit allen reden.“

Er archiviert alle Mails – eine einmalige Sammlung deutscher Sitten. Er führt 854 Dialoge mit den Verfassern, 52 davon nimmt er in „Post von Karlheinz“ auf: Absender halten Morddrohungen für Meinungsfreiheit. Es geht um den Islam, die Vielehe, das Kopftuch. Um deutsche Überfremdung. Der Ton ist rüde. Manche entschuldigen sich: „Sorry, ich war besoffen.“ Ein Dialog ist kurz: „Fick dich, Kazim!!!“ „Fick dich selber!“ „Das ist also Ihr Niveau!!!“ In Gegenden, die von der AfD bestimmt werden, liest jetzt auch Hasnain Kazim unter Polizeischutz.

Bei einer Lesung im März zieht er ein Fazit: „Ich bin weg, wenn diese Leute an der Regierung sind.“ Darauf bereite sie sich auch vor, sagt eine Frau, „mein Sohn ist schwarz. Wie mein Mann“. Wir haben hier nicht nur einen Virus.