Berlin - Die Zahlen sehen dramatisch aus. Zum Internationalen Hebammentag am 5. Mai hat der Deutsche Hebammenverband (DHV) seine im Kern schon bekannte Bestandsaufnahme des Hebammenwesens vorgelegt. Kurz gesagt sieht diese so aus: In Deutschland kommen wieder mehr Kinder zur Welt, für deren Geburten aber immer weniger Hebammen in immer weniger Kreißsälen zur Verfügung stehen. Nach Ansicht des DHV ist die Betreuung von Frau und Kind daher nicht so gut, wie sie eigentlich sein sollte.

Zu wenig Hebammen für Schwangere

Tatsächlich sieht die DHV-Präsidentin Martina Klenk „die gute Betreuung jeder Frau und jeder Familie während der Geburt in Gefahr“. Mittlerweile sei ein Punkt erreicht, an dem man dringend handeln müsse und die Versorgung schwangerer Frauen werde sich ohne drastische Verbesserungen weiter verschlechtern. „Immer mehr Hebammen steigen aus ihrem Beruf aus, weil sie kein auskömmliches Einkommen erwirtschaften können“, sagte Klenk. Das zeige, dass die Unterfinanzierung der Geburtshilfe einen Hebammenmangel verursache.

Unter der Überschrift „Für eine gute Geburtshilfe“ hat der DHV zwölf Thesen erarbeitet, die den Weg zur Beseitigung dieses Missstandes weisen sollen. Diese hat der DHV gestern vorgestellt. Die wichtigste Forderung des Verbands ist die nach der Eins-zu-eins-Betreuung. Susanne Steppat, Präsidiumsmitglied des DHV, verwies darauf, dass andere Länder eine deutlich bessere Geburtenversorgung hätten. „In Norwegen beispielsweise betreut eine Hebamme etwa 30 Geburten im Jahr.“ In Deutschland seien es demgegenüber über 100.

Schlichtung ins Stocken geraten

In den Augen von Klenk passt das Problem der freiberuflichen Hebammen in die knappe Formel: „Die Haftpflicht ist zu hoch, die Vergütung zu gering.“ Für die Freiberuflerinnen forderte Klenk einen Brutto-Stundenlohn von knapp 50 Euro, was 16 bis 18 Euro netto entspreche. Momentan würden freiberufliche Geburtshelferinnen nur etwa die Hälfte verdienen. Mit Blick auf die am 19. Mai zwischen den Hebammen und dem Spitzenverband der Krankenkassen GKV anstehenden Schlichtungsverhandlungen sagte Klenk: „Bislang konnten wir nicht erreichen, was wir brauchen.“

Seit dem 1. Januar zahlen die Krankenkassen einen Ausgleich an die Hebammen für deren hohe Haftpflichtprämien. Dieser fängt laut Klenk die Prämien aber nur zum Teil auf. Außerdem steigt die Haftpflicht-Prämie für die Geburtshelferinnen von derzeit 6843 Euro pro Jahr zum 1. Juli auf 7639 Euro. Angesichts dessen fordert der DHV einen Haftpflichtfonds für freiberufliche Hebammen.

Weniger Frauen, mehr Bezahlung

Die schlechte Bezahlung von Hebammen zeigt nach Ansicht von Verbandspräsidentin Klenk auch, dass Berufe, in denen klassischerweise mehr Frauen als Männer arbeiten, besonders schlecht bezahlt seien. Das zeige sich auch in Branchen, in denen die Männer überwiegten: „Wenn der Frauenanteil steigt, sinkt die Bezahlung.“

Aber auch festangestellte Hebammen haben nach Angaben des DHV Probleme. Steppat verwies auf eine Umfrage, die der Verband unter 9000 angestellten Hebammen durchgeführt habe. „90 Prozent der Befragten haben angegeben, keine regelmäßigen Pausen zu haben.“ Außerdem würden die meisten drei Geburten oder mehr parallel betreuen müssen. Kürzlich gab es Medienberichte über eine Hebamme, die angab, dass sie acht Geburten gleichzeitig betreuen musste. All das zeigt laut Steppat, dass man in Deutschland bei der Geburtsversorgung im Vergleich zu anderen Ländern hinterherhinke.