Ist "Heimat" ein Kampfbegriff?
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BerlinMeine Tochter ist 17 Jahre alt. Früher habe ich ihr die Welt erklärt. Immer dann, wenn wir zusammensitzen, geht es bei uns um das, was in der Welt passiert ist. Seit einiger Zeit erklärt sie mir ihre Welt. Ich habe mich entschlossen, zuzuhören.

TOCHTER: Ich finde merkwürdig, welch großen Aufriss wir in Deutschland um die Heimat machen. Der Begriff ist echt vorbelastet. Er wird absolut negativ verwendet. Ich habe Hemmungen, das Wort überhaupt zu benutzen für die Region, in der wir leben. Ich binde mich auch nicht an einen Ort. Das ist mir zu rechts.

MUTTER: Ich glaube, der Heimatbezug ist in anderen Ländern noch viel stärker als bei uns. Als ich jugendlich war, wurde der Begriff viel von Vertriebenenverbänden benutzt. Es ist schon seit langer Zeit ein Kampfbegriff, und man sieht nicht mehr, dass Heimat eine vertraute Gegend ist, mit der man sich verbunden fühlt. Was ist denn für dich Heimat?

Ich verstehe, dass man sich in einer Region zu Hause fühlt, geborgen. So, wie wenn man nach einem langen Urlaub die Haustür aufschließt und es riecht nach zu Hause. Dieses Gefühl kann man natürlich auch bei einem Landschaftsbild haben. Aber ich verstehe nicht, warum man sich darauf so viel einbilden muss. Man hat nichts dafür getan, da geboren zu sein und da zu leben. Und es grenzt andere aus.

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Darum geht es auch: ein Innen und Außen zu schaffen. Wir sind drinnen und gehören dazu, die anderen gehören nicht dazu, weil sie von draußen kommen. Das ist problematisch.

Ich finde das abstoßend. Deswegen würde ich den Begriff gar nicht erst verwenden. Ich verstehe nicht, warum Deutsche so viel darüber diskutieren, was nun ihre Heimat ist und dass sie durch irgendetwas kaputt gemacht wird: durch Flüchtlinge, eine Veränderung. Und der Staat fördert den Nationalgedanken mit einem Heimatministerium. Ich komme auch mit der Definition im Duden nicht klar. Dass Heimat ein an einen Ort gebundenes Gefühl ist, wo man geboren und aufgewachsen ist. Wenn ich mit 60 nach Südkorea ziehe, ist das meine Heimat.

Dann benutzt du den Begriff anders, weil du dagegen bist, dass der Begriff benutzt wird, wie er benutzt wird. Das ist auch eine Haltung. Du willst kein Innen und Außen.

Ich komme mit dem Gedanken, das ist mein Land, das muss ich beschützen, nicht klar. Dieses, das ist etwas Besonderes, Ehre und Vaterland, alles, wo wir drüber stehen sollten, kommt mit diesem blöden Begriff hoch. Dieses, das ist meins, hier bin ich geboren, ich bin Deutscher mit Leib und Seele, ich bin besser. Das alles sammelt sich in diesem Begriff.

Ich kann dich verstehen, aber wenn man alles gleich macht, verliert man auch viel: kulturelle Besonderheiten, die einzigartig, unterschiedlich und schützenswert sind, verschiedene Sprachen, Kulturen. Heimat definiert ja auch eine Liebe dazu.

Ich sage gar nicht, dass man alles angleichen muss. Ich finde das Wort zu Hause aber passender, ich fühle mich willkommen und aufgenommen. Das ist positiv und grenzt nicht aus.