Berlin - Es ist das neue Lieblingsstichwort der Politik: Heimat. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat davor gewarnt, den Begriff den Rechtsextremen zu überlassen. Die Union hat mit dem selben Gedanken in mehreren Bundesländern Heimatministerien eingerichtet und plant dies nun auch fürs neue Bundeskabinett. Die Grünen streiten darüber, ob es reaktionär oder selbstverständlich ist, über Heimat zu reden. Wofür steht das Wort: Für Geborgenheit, Nationalismus oder Kitsch? Für schöne Erinnerungen, Gebrüll oder Hirschgeweihe an der Wand? Ein Interview.

Frau Mitzscherlich, der Begriff Heimat hat seit einer Weile wieder Konjunktur. Warum?

Der Begriff hat immer wieder Konjunktur und zwar immer dann, wenn die realen Verhältnisse unheimatlich werden. Heimat ist das Refugium, der Fluchtort für Sehnsüchte nach Gemeinschaft, nach Zugehörigkeit und Gerechtigkeit. Es ist die Idee eines Raums, in dem ich Geborgenheit erfahre und Kontrolle über meine Lebensverhältnisse habe.

Und jetzt übernimmt die Politik diesen Sehnsuchtsbegriff.

Es ist der Versuch, wieder Zugang zu den Emotionen der Leute zu bekommen, die sich verloren fühlen oder das Gefühl haben, keinen Einfluss mehr zu haben auf ihre Lebensbedingungen. Ich finde das ärgerlich: Lebenskontexte werden zerstört, Alltagsstrukturen werden eingedampft und dann redet man sich mit Heimatgefühl raus. Es ist der Versuch, die dahinter stehenden Fragen, zum Beispiel nach Gerechtigkeit und Partizipation, weich zu spülen.

Das klingt sehr positiv. Aber der Heimatbegriff ist für manche ja auch sehr negativ besetzt. Die Grünen debattieren gerade intensiv, ob der Begriff ihnen nicht zu muffig ist.

Auch da gibt es verschiedene Phasen. Heimat war nach dem Zweiten Weltkrieg tatsächlich ein rechtskonservativ besetzter Begriff. Aber die Umweltbewegung hat ihn schon in den 80er Jahren auch für sich reklamiert. Da ging es um die Idee vom globalen Denken und lokalen Handeln, vom Nahraum, der von den Menschen zu beeinflussen und zu verantworten ist. Das ist eine Definition, an die man anknüpfen kann, ohne dass Heimat automatisch mit Ausgrenzung verbunden werden muss.

In Umfragen assoziieren Menschen mit Heimat erst mal Familie und Geborgenheit, erst zum Schluss Deutschland.

In meinen Untersuchungen zeigt sich: Zentral ist eine positive Bindung an Orte und Menschen. Das schafft ein Gefühl von Zugehörigkeit und Gemeinschaft. Wichtig ist aber auch die Möglichkeit, Einfluss nehmen und gestalten zu können. Das geht im kleinen Raum los: Ich kann meine Wohnungstür abschließen oder aufschließen. Ich kann Leute einladen oder ausladen.

Gibt es auch eine Heimat, die sich über Geschmack oder Geruch definiert. Zum Beispiel: Wo ich Sauerbraten, Spätzle oder Currywurst esse, da bin ich daheim?

Was man als Heimat definiert, hat häufig damit zu tun, was man als Kind als geborgenen Raum erfahren hat. Diese Schablonen wenden wir dann auch auf andere Umgebungen an und erwarten davon eine ähnliche Qualität von Zusammenleben.

Geruch und Geschmack sind dann die Trigger, also die Auslöser von Emotionen. Dazu gehören auch visuelle Schemata, also etwa die Vorstellung der idealen Landschaft. Wer in den Bergen aufgewachsen ist, dem wird meist die Küste zu flach sein und einem Küstenbewohner die Berge immer die Sicht verstellen.

Kann sich der Heimatbegriff denn ändern? Kann man seine Gefühle umpolen?

In dem Moment, in dem man sich irgendwo bindet, bekommt auch ein Ort, der nicht mit Herkunft  verknüpft ist, die Dimension von Heimat. Die meisten Menschen haben mehr als eine Heimat, auch weil zunehmend weniger Leute in ihrer Heimat bleiben oder dahin zurückgehen.

Raumgewinn kann auch eine Möglichkeit sein, sich weiterzuentwickeln. Bei jüngeren Leuten ist das häufiger, die werden ja zur Mobilität oft auch gezwungen. Aber auch ältere Leute, die über Kinder oder Immobilien an bestimmte Orte gebunden sind, haben manchmal noch eine zweite Heimat: eine Winterheimat zum Beispiel, oder einen Ort, an dem sie zwischendurch eine längere Zeit ihres Lebens verbracht haben.

Die Debatte gibt es abgewandelt auch bei der doppelten Staatsbürgerschaft. Da heißt es dann von den Gegnern, man müsse sich schon für einen Staat entscheiden, also gewissermaßen auch für eine Heimat.

Diese Gleichsetzung von Heimat und Staat ist sehr verhängnisvoll. Das wissen wir aus der deutschen Geschichte. Für die meisten Menschen ist Heimat der Ort, an der sie ihre Kindheit verbracht haben, wo sie laufen und lieben gelernt haben.

Häufig hat auch die Heimaterzählung der Eltern einen starken Einfluss und auch die Sprache. Bei Migranten wird das bewusster als bei anderen. Auch die Vertriebenen haben ihre Heimaterzählungen ja in die nächste und die übernächste Generation transportiert.